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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-12-24 · N° 52. (24.12.1885) · p. Seite 399

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 52. (24.12.1885)
Date
1885-12-24
Page
Seite 399 (sequence 5)
Language
German
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— 399 — voll zur Verteilung an Arme der Stadt Dessau ohne Unterschied des Glaubens gelangen zu lassen. Das „Programm" für die hier am 4. Januar stattfindende Feier ist nunmehr wie folgt festgestellt: TZorm. 8‘/2 Uhr: Gesang vor Mcndclssohn's Geburtshaus, von mehreren Gesangvereinen; 10'/a ,, Festgottesdienst in der Synagoge; 12 ‘/, „ Gedacht n ißfeier in der Aula des Hcrzogl. Gymnasiums, a) Rede des Herrn Director Or. E. Wicke nhagcn, d) Rede des Herrn Prof. vr. Lazarus Abends 6'/;, „ Feier im Herzog!. Hostheater: a) Ouvertüre von Felix Mendclssohnb) „Onkel Moses", Charakterbild von H. Müller. c) „Festgedicht". d) Nathan der Weise. Nach Schluß deS Theaters: Geselliges Beisammensein. Kamburg, 19. December. (Or.-Corr.) Wiederum ist ein trefflicher Mann aus der Reihe der Lebenden geschieden. Herr Philipp Simon, Chef des großen Haudlungshauses „Simon, May & Comp." in Hamburg und Hannover, langjähriger Vorsteher und Repräsentant der deutsch-isr. Gemeinde, Präsident des hiesigen Localcomits's und Mitglied des Central- AuSschusscs der Alliance Jsr. Universelle, hat im 77. Lebensjahre am 15. d. M. das Zeitliche gesegnet und wurde am 10. Tcbeth unter sehr großer Theilnahme zur letzten Ruhe bestattet. Der Heimgegangene war auch Leiter der seit zwei Jahren hier veranstalteten Vorträge aus dem Gebiete der Wissenschaft des Judenthums und hatte sein warmes Interesse für das Judenthum jederzeit in hvhem Maße bekundet. Nicht nur für die Interessen der Alliance, von deren Centralcomits aus Paris ein warmes Beileidstelegramm vor der Bestattung cingetroffen, auch die jüd. Hochschulen und die verschiedenen Wohlthätigkeitsvereine hat er fördernd gewirkt, und das Alles mit einer Bescheidenheit und Herzensgute, daß man ausrufen könnte 'ihn vrabn VW 'X Ton 'Kl Bei seinem Leichenbegängnisse sah man das Wort der dieswöchentlichen Sidra (Gen. 50,9) buchstäblich illustrirt, es war eine unabsehbare Wagcnrcihe, ein großes Gefolge, ein weiter Trauerlage, der Vorstand und die Repräsentanz der Gesammtgemeindc, die Direction des Tenipelverbandes, viele Vertreter des Synagogenvcrbaudcs, Deputationen der Töchterschule, des Liquidationscollegiums und zahlreichen Humanitären Vereinen, Freunde aus Nah und Fern und Genossen aus der angesehensten Kaufmannschaft gaben ihm das Ehrengeleite zur Gruft nach Ohlsdorf. Am Grabe redete der Prediger der Gemeinde, der der Verblichene seit langen Jahren als eifriges Mitglied angehörte, Herr vr. Leimdörfer, unter Zugrundelegung des Schriftwortes IlSXN |*TU TS 1X2'1 u. s. w., von den Kronen, die seinen Sarg schmückten, d. h. von den hervorragenden Charaktereigenschaften des Verblichenen als Glied der Familie. der Gemeinde, des Judenthums und der menschlichen Gesellschaft, denen er als Musterbild der Gerechtigkeit, Demuth und Menschenliebe vorangeleuchtet. Seine Tugenden zierten gleich Kronen seine Bahre, die wie eine Tenne die Reste eines reichen Fruchtertrages vom Lebensgefilde eines zum Wohle der Gesammtheit wirkenden Mannes berge. Wie der Abschnitt vom Tode Jacobs die Aufschrift trage: TH „er lebte", so werde er fortlcben in unserer Mitte, wenn wir im Buche seines reichen Lebens lesen und daraus lernen, was es heißt, für Religion und Humanität als ein gesinnungstüchtiger Jude zu wirken. — Vorigen Sonntag wurde die Frau des Herrn Ferdinand Jacobsohn, des Sohnes von Israel Jacobsohn, bestattet. Der Gatte errichtete seiner wohlthätigen Frau ein Denkmal, indem er 10 000 Mark für den städtischen Armenverein spendete. — Die „Mendelssohn-Feier" findet im hiesigen Tempel Sonnabend, den 2. Januar statt, die Rede hält vr. J o uas. Am 4. Januar wird eine Feier in der isr. Töchterschule abgehalten werden. Bei dieser Gelegenheit theile Ihnen mit, daß es hier wohlthuend berührt hat, Ihre Äußerung über die schmachvolle Kundgebung des „Israelit" in Betreff des Mendelssohn-Denkmals aus der „Jsr. Wochenschrift" abgedruckt zu sehen im politischen Theile des „Hamburger Fremdenblattes". Die sog. Hyperorthodoxie stellt sich damit ein testimonium paupertatis vor aller Welt aus. Dresden, 10. December. In dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saale „Stadt Petersburg" sprach vorgestern das Ehrenmitglied des Brllder-Vereins, Herr Ober-Rabbiner vr. W. Landau über „Moses Mendelssohn". Der Vortragende wies zunächst darauf hin, daß sich in wenigen Wochen 100 Jahre erfüllen, seitdem der große Philosoph und geistige Wohlthäter seiner Stammes- und Glaubensgenossen dahingeschieden. Mendelssohn sei, im Gegensatz zu vielen landläufigen Annahmen, kein Reformator im gewöhnlichen Sinne dieses Wortes gewesen. Ein solcher müsse ein Mann des Kampfes sein, der mit Hergekommenem gewaltsam bricht. Mendelssohn war ein Regenerator. Sein Streben war Neubelebung des Judenthums von innen heraus. Inmitten entwürdigender äußerer Verhältnisse und Zustände hat er den Hauptantheil an der Arbeit an der geistigen Wiedergeburt seiner Glaubensgenossen, die er auf den Standpunkt der Zeitbildung erhob, dem er selbst voraus war. Denker und Forscher, milden Geistes, bescheiden und schonend, keiner Partei angehörig, Feind der Polemik, ein Philosoph gleich Sokrates, so wirkte Mendelssohn durch sein Beispiel veredelnd auf seine Stammesgenossen. — Um seinen Kindern die herrlichen Wahrheiten der Bibel näher zu bringen, übersetzte er einige Kapitel; nur auf allgemeines Drängen führte der befcheidene Mann sein Werk fort für die Allgemeinheit. — Der Vortragende beleuchtete noch Mendelssohn's Verhalten zum Rabbinismus, der keine herrschsüchtige Hierarchie sein sollte und konnte. — Ec war ein Kenner des alten, echten Judenthums, seiner Geschichte, seines innersten, edlen, sittlichen Kernes und hatte sich die Hebung und Bildung der Gesammtheit seiner Glaubensgenossen zur Lebensaufgabe gestellt. Selbst mit dem besten Beispiele vorangehend, pflegte er deutsche Sprache und deutsche Littcratur und verfaßte herrliche Schriften, wie: „über die Unsterblichkeit der Seele", die ihm den Namen eines deutschen Plato eintrug. Während sein König, der große Friedrich, geringschätzig über deutsche Sprache und Littcratur dachte und auf Kosten der französischen Sprache sie herabsetzte, war Mendelssohn der Jude an der Hand deutscher Sitte und Cultur, deutscher Wissenschaft, ein Pionier des Deutschthums unter seinen Stanimcsverwandten, in ihnen die Liebe zum Baterlande erweckend. Der hochinteressante, wie zeitgemäße Vortrag erntete reichsten Beifall, der auch durch cinmüthiges Erheben von den Plätzen zu Ehren des Redners zum Ausdruck gelangte. Straßburg i K., den 15. December. Junge Israeliten in Elsaß-Lothringen, welche sich dem Rabbinerstande widmen wollten, fanden bisher in ihrer Heimath nicht die Gelegenheit zu den erforderlichen Studien und mußten sich nach außen wenden. Um diese Lücke auszufllllen, wurde vor einigen Jahren mit einem Zuschuß der Regierung eine Präparandenschule für angehende Rabbiner in Kalmar errichtet, deren Schüler an dem Unterricht im dortigen Lyceum insoweit theilnehmen, als derselbe mit ihrem künftigen Berufe vereinbar ist, im Uebrigen aber von einem Rabbiner vorbereitet werden. Im Herbst dieses Jahres vrließen zum ersten Male zwei Abiturienten diese Präparandenschule, um auf einer Hochschule ihre Studien zu beginnen. Bezüglich des profanen Theils ihrer Berufswissenschaft konnten sie zwar die hiesige Universität benutzen, «her der höhere Religionsunterricht und die Gelegenheit, in die Lehren des Talmud einzudringen, fehlte ihnen hier, da unsere Hochschule einen Lehr-

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