Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 52. (24.12.1885)
- Date
- 1885-12-24
- Page
- Seite 398 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 398 — jBetfin. Die längst angekündigte Broschüre des Herrn Professors der Theologie Dr. S. Strack, betitelt: „Herr Adolf Stöcker, christliche Liebe und Wahrhaftigkeit" ist nun erschienen. Der Verfasser ist alles Andere eher als Philosemit. Er hat sich die „Judenmission" zur Aufgabe gemacht. Er hat im- Anfänge der antisemitischen Bewegung zu Herrn Stöcker gehaltcu und denselben mit Material versehen. Er hat lange Zeit an die Lauterkeit des Charactcrs Herrn Hofprediger Stöcker geglaubt und er hat alles Mögliche aufgcboten, um den Streit mit Herrn Stöcker friedlich beizulegen, weil er wußte, daß gerade die Gegner der christlichen Religion, deren warmer Verfechter er ist, aus diesem Streite profitieren würden. Diese Thatsachen, die Herr Strack in seiner Broschüre vorbringt und mit vielen Beweisen erhärtet, inachen die Schrift nur um so werthvoller. Das Zeugniß dieses Mannes muß ja weit schwerer gegen den Herrn Hosprediger ins Gewicht fallen, als alle Zeugnisse von Männern vermögen, die der positiven Richtung des Herrn Stöcker feindlich gegenüber stehen, Die schon umfangreiche Bildergallerie, in welcher der Hofprediger Stöcker als glühender Wahrheitsfreund in den verschiedensten Stellungen abgebildet ist, erhält in der 98 Seiten umfassenden Schrift einen bemerkenswerten Zuwachs. Da enthüllt z. B. Herr Strack, er selbst habe zur Zeit dem Herrn Stöcker die betrcfiende Schrift von Schleiden übersandt, mit dem ausdrücklichen Hinzufügen, er sende sie als merkwürdiges Zeichen der Zeit, müsse aber ausdrücklich bemerken, daß der Verfasser ein Christ sei. Eine weitere Enthüllung Strack's geht dahin, daß nach dem eigenen Zugeständnisse Stöckcr's der eigentliche Rcdacteur des „Christlichsozialen Korrespondenzblattes" nicht der berühmte Portier Aschcnbrenncr, was bekanntlich anch der wahrheitsliebende Professor Wagnereöffentlich behauptet hat, sondern ein wegen Betrugs auf Gefängniß und Ehrverlust vorbestraftes Individuum sei. Es ist wirklich wunderbar, wo Stöcker, der in seinen öffentlichen Reden bekanntlich immer mit der ganzen Srlbung eines „teuren Gottesmanncs" die „persönliche Unbescholtenheit" als erstes Erforderniß eines Publizisten hinstcllt, alle die Spitzbuben aufgegabelt hat, welche die große Rolle in seinem publizistischen Stab spielen. (Noch mehr auf die Strack'fche Schrift und alle die bisher noch unbekannten Fälle von „Wahrheitsliebe", die sie dem Herrn Hosprediger nachweist, hier aufznführen, gebricht es uns an Raum.) Ieffa«. (Or.-Corr.) Daß es ein jüdisches Blatt geben könnte, welches die Idee, Mendelssohn ein Denkmal zu errichten, perhorresciren würde, hätte kein vernünftiger Mensch geglaubt und doch erfahren wir hier erst durch Ihre gesch. Wochenschrift —, daß es ein solches, in deutscher Sprache geschriebenes. Blatt giebt, das sich das „Centralorgan der jüdischen Orthodoxie" nennt. Offen gestanden, man hätte es lieber gesehen, Ihr Blatt hätte davon gar keine Notiz genommen, wer in Deutschland würde diese Finsterlinge beachten, ihr Beifall sowohl wie ihr Mißfallen kann uns und unserer guten Sache gleichgültig lassen. Dergleichen Elemente scheiden bei der Bcurtheilung deutscher Culturfragen vollständig aus, sie sind unfähig, darüber ein Votum abzugeben, weil ihr Gesichtskreis ein zu beschränkter ist. Man muß sie bei Seite liegen lassen und sich dabei beruhigen, daß die Vorth eile der von ihnen angefeindeten Culturbestrebungen doch auch ihnen zu Theil werden. Doch da nun einmal durch Ihr gesch. Bl. die Aufmerksamkeit des jüd. Publikums auf diese Frage gelenkt worden ist, gestatten Sie mir wohl, daß ich die Entstehungsgeschichte der Denkmal-Idee hier kurz erzähle. Es war der hier existirende nichtjüdische „gemeinnützige Verein", der die Idee zuerst auregte, sie hatte sich der größten Sympathien in den hiesigen höheren Kreisen zu erfreuen, die Hnnoratiore» Dessau's (wiederum „Nichtjuden") haben die Idee ausgenommen, und über Mittel und Wege berathen, wie die Jvee auszuführeu ei. Die besten deutschen Namen haben sich ihnen angeschlossen und in richtigem Tactgcfühl haben die Herren auch Männer aus jüdischen Kreisen eingeladen, in dieses Comitä einzutreten, darunter auch 3 Rabbiner, — freilich Herr Lehmann-Mainz befindet sich nicht darunter und — nun behauptet dieser, Juden hätten nicht beitreten dürfen aus — religiösen Bedenken! — weil, nun weil ein allerdings herrlicher Spruch im Talmud — nicht etwa im halachischen (gesetzlichen), sondern im hagadischen Theil — cxistirt, der da lautet: „Großer Männer schönstes Denkmal sind ihre auf Erden vollbrachten gute» Werke!" Wer stimmt diesem ethischen Satze nicht zu und erwärmt sich dennoch auch für ein dem leiblichen Auge sichtbares Denkmal aus Stein oder Erz? Schließt denn Eines das Andere aus? Wir fragen: Was hätten die Stimmführer des Judenthums in Deutschland wohl gesagt, wenn man daran gegangen wäre, ein großes Comite aus Männern von allen deutschen Gauen zu bilden, um Mendelssohn ein Denkmal zu errichten, und man Hütte „Juden" principiell davon ausgeschlossen? Man hätte darin — und mit Recht — eine Schmach, eine Hintansetzung des Judenthums erblickt. Haben denn nun aber die Orthodoxen gar kein Berständniß für das Kiddusch haschem (Verherrlichung des jüdischen NamenS), das gerade in unserer Zeit darin liegt, daß einem Weisen, der dem Judenthum entsprossen, von Männern aus dem deutschen Volke, sagen wir von Deutschland, unter der Aegioe eines edlen deutschen Fürsten ein Denkmal errichtet wird? Die Orthodoxen habe» Mendelssohns Bestrebungen stets verdammt und Lehmanns Parteigenossen in Ungarn thun's heute noch; obwohl andererseits wiederum Mendelssohns „Orthodoxie" gerade ganz besonders betont und Hervorgehoben wird. — Geradezu niedrig im höchsten Grade ist es, aus dem Satze des von einem gelehrten Nichtjuden verfaßten „Austufs": „Kinder und Enkel haben den Ruhm ihres Ahnherrn verwehrt" einen Angriffsja Verleumdungspunkt zu machen. Jeder Jude beklagt cs tief, daß die Nachkommen Mendelssohns nicht treu an der Fahne ihres berühmten Ahnen feftgehalten, aber läßt cs sich deshalb in Abrede stellen, daß die Mendelssohn'sche Familie große Geister hervorgebracht hat, die auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft Hervorragendes geleistet haben? Wie tactlos ift'3, jenen Anklagepunkt gerade jetzt hervorzuheben, wie schmachvoll, daß ein so freundliches Entgegenkommen von christlicher Seite so verletzend beantwortet wird! Zum Glück sind es nur einzelne Hirnverbrannte, die so denken, alle gebildeten Juden Deutschlands weisenjcde Gemeinschaft mit solchem Gebahren weitab von sich. Unboant aibi! J>t(fau. Eine aus Mitgliedern des „Comits's für die Mendelssohn-Feier" gewählte Deputation, bestehend aus den Herren Kaufm. Julius Elkan, Commerzienrath Rischbieter und Brauereidirector Roesicke, hat sich am vergangenen Sonntag zu Herrn Geh. Commerzienrath Mendelssohn in Berlin begeben, um ihn sowohl wie seine Familie Namens des Comits's zu der Hierselbst am 4. Januar 1886 statkfindenden Mendelssohn-Feier einzuladen. Der greise Nachkomme des berühmten Philosophen und zugleich das älteste Haupt der Familie Mendelssohn und Mendelssohn-Bartholdy, empfing die Herren auf das Freundlichste und nahm die ehrende Einladung dankend an mit der Versicherung, daß er, falls ihm dies seine angegriffene Gesundheit nur irgendwie gestattet, sehr gern persönlich an der Feier in Dessau.theilnehmen werde. Jedenfalls aber würden sein Sohn und die übrigen Mitglieder der Familie an dem gedachten Tage in der Geburtsstadt ihres gefeierten Ahnen anwesend sein. Wie das „Anhaltische Tageblatt", dem wir vorstehende Notiz entnommen haben, des Weiteren erfährt, ist am Tage nach dieser Unterredung von Herrn Geh. Commerzienrath Mendelssohn in Berlin die Summe von sechstausend Mark an den Vorsitzenden des Dessauer Comits's, Herrn Bürgermeister vr. Funk gelangt mit der Bestimmung, den Betrag an dem hundertjährigen Todestage Moses Mendelssohn's ganz und