Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 52. (24.12.1885)
- Date
- 1885-12-24
- Page
- Seite 396 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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steigend in 10 verschiedenen aufsteigenden Stufen. Diese Kräfte sind als Wille Gottes weiter in Thätigkeit*). Zu diesen Kräften gehört auch die, durch die der Mensch bevorzugt ist. Was wäre die Erde, wenn auf ihr die Thätigkeit des Menschen fehlte? Eine Wildniß! ein großer Urwald, in welchem wilde und zahme Thiere Hausen! Sie zu cultivircn, zum Garten Gottes umzuwandeln, nachdem ihm das Paradies entzogen war, ist des Menschen Aufgabe gewesen und geblieben. Unter allen in der Natur fortwirkenden schöpferischen Kräften ist einzig und allein die Lebenskraft des Menschen eine selbstbewußt thätige, während alle sonstigen unbewußt nach den von dem Schöpfer in sie gelegten Naturgesetzen thätig sind. Aber wichtiger als diese Bedeutung für den Sabbathtag ist eine andere. Wir dürfen nicht unbeachtet lassen, daß in der Erzählung von dem siebenten Tage die Bezeich. nung Sabbath noch nicht vorkommt. Er wird drei Mal ,S,3Wn DV „siebenter Tag" genannt, also nachdrücklich zu den Schöpsungstagen gezählt. Erst in der Erzählung daß dem Volke das Manna vom Himmel regnete, wird er Sabbath genannt und schon hier mit der Befolgung der Gebote und Bewahrung dieser, sowie der Lehren in Verbindung gebracht. Was ist aber denn an diesem Tage geschehen, wodurch er ein Schöpfungstag sein soll?" DV3 HDttH „Er hat aufgehört am siebenten Tage" physische Kräfte zum Besten des Weltalls hervorzurufcn, die nach den in die Natur gelegten oder als Wille Gottes in ihr wirkenden Gesetzen thätig sein sollen, und schuf das Gesetz oder die Kraft einer Thätigkeit, welche das eigentliche Ziel oder der eigentliche Zweck der Schöpfung und dieser erst einen bleibenden Werth verleiht, nämlich: Das Gesetz einer sittlichen Weltordnung. Eine Thätigkeit soll vorhanden sein, gesegnet und heilig. Eine Thätigkeit soll vorhanden sein, in welcher, als einer selbstbewußten, Heil und Segen verbreitenden, der schöpferische Wille Gottes, als ein höchst weiser, allgcrechter, allliebender, allbarmherziger mit einem Worte, sich als einen solchen offenbart, wie er nach der Lehre der Thora erkannt und verehrt werden soll. Das Gesetz der fortschreitenden geistigen und sittlichen Entwickelung in der Menschheit, um durch die Heiligung des Lebens der höchsten Segnungen eines allgemeinen Wohlergehens und Friedens theilhaftig zu werden, wird in dieser Erzählung als das Schöpfungswerk des siebenten Tages bezeichnet. Die Beobachtung der Gesetze, welche das Bestehen einer sittlichen Wcltordnung und das Fortschreiten des Menschengeschlechtes in seiner geistigen und sittlichen Vervollkommnung erfordert, ist aber nur dann Offenbarung eines heiligen göttlichen Willens, wenn sie durch die Erkenntniß Gottes und in Befolgung seines Willens veranlaßt wird und nicht etwa durch Klugheit oder irgend eine menschliche Berechnung, weil sie nur dann von Dauer sein kann und für Andere Belehrung über Sinn und Walten Gottes ist. Der erste, zu seiner Zeit auch der Einzige, bei dem das vorhanden war, ist unser Stammvater Abraham. In ihm hatte der denkende Menschengeist einen solchen höchsten, göttlichen Willen erkannt; dem zn gehorchen der Mensch befähigt und berufen sei. Durch diese Erkenntniß ward ihm auch die Belehrung, daß er, um nicht blos für sich im Besitze dieser ewigen, heilbringenden Wahrheit zu sein, sondern auch für alle Menschen der Erde, von seiner Heimath, seinem Stamme und seiner Familie sich trennen,**) in ein anderes Land ziehen und eines für diesen Zweck entstehenden Volkes der Stammvater werden solle. Abraham gehorchte. Die *) nmb DM1?« K“l3 -UTK. **) Da wer das Land verläßt, von selbst Geburtsort und Vaterhaus verlassen muß, so wären die beiden Letzteren ja nicht zu erwähnen gewesen. Es ist deshalb anzunchmen, daß die Aufforderung nicht blos räumlich, sondern geistig, als Selbstbeherrschung oder Befreiung von den Einwirkungen derselben auf das Seelenleben zu verstehen ist. Verheißung, im Besitze des göttlichen Segens, selbst ein Segen der Menschheit zu sein, nahm er mit sich. Die Bibel nennt diese Berufung: ITH3 „Bund".*) Er ging als dieselbe Verheißung auf Jizchak und von diesem auf Jakob über, weshalb er auch ni3K N'A3 .Bund der Väter" genannt wird. Aber das Leben Einzelner ist ja doch nur ein vorübergehendes, nur das eines Volkes kann von unvergänglicher Dauer sein, weshalb allen drei Urvätern die Verheißung wurde, daß aus ihrer Nachkommenschaft das Volk hervorgehen sollte, welches der Träger dieses göttlichen Segens zu sein berufen ist, berufen zu sein geeignet und würdig sein werde. Um das zu sein durfte das Volk 1. nicht sehr zahlreich und mächtig sein, denn ein großes mächtiges Volk will seine Macht immer weiter ausbreiten und kann deshalb nicht zum Träger der sittlichen Weltordnung, die durch Befolgung der Gesetze der Gerechtigkeit und Liebe, die Heiligkeit Gottes, von dem sie gegeben, hierdurch offenbarend, bedingt ist, als geeignet berufen sein; das Volk mußte 2. einen Ursprung haben, der nicht im Dunkel sich verliert und dessen Urväter sich so verhielten, daß die Nachkommen sich nicht nur ihrer nicht zu schäme», sondern als rühmliche Vorbilder die Erinnerung an sie und ihre Verdienste zu bewahren haben. 3. Um hierzu geeignet zu sein, mußte das Volk in Unschuld gleichsam geboren und für diesen seinen Beruf erzogen und herangebildet werden. Es durfte nicht ein Volk sein, welches zu seiner Absonderung von den verwandten Stämmen einen schweren blutige» Kampf mit diesen zu führen gezwungen war, sondern ohne jede Pflichtverletzung oder Lieblosigkeit sich vermehrt und ein einiges Volk geworden ist. 4. Das Volk durfte nicht schon ein fruchtbares Land besitzen und für seine Sicherheit und seinen Lebensbedarf gesorgt wissen. Ein solches würde nicht freiwillig einer mit großer Selbstbeherrschung und vielfacher Entsagung verbundenen Pflichterfüllung sich unterworfen haben. Vielmehr 5. Mußte dasselbe durch Erlebnisse zur Erkenntniß der Wahrheiten gekommen sein und der Erhabenheit des Berufs, dem es sein Leben, sein und seiner ganzen Nachkommenschaft Leben und Lebensglück zu weihen sich verpflichtete. Das israelitische Volk war und ist das einzige, bei dem diese Voraussetzungen vereinigt waren und sind. Es sei mir gestattet einen Midrasch anzuführen, welcher theilwcisc diesen Gedanken sagenhaft ausspricht: Als Gott die Thora geben wollte, habe er sich an die Nachkommen Jsmaels gewendet. Sie fragten: was enthält sie? Als sie hörten, daß in ihr geschrieben sei: „Du darfst nicht stehlen", so weigerten sie sich, weil schon ihrem Ah» gesagt worden: „Seine Hand gegen Jeden und die Hand Aller gegen ihn". Gott habe die Thora den Nachkommen Esau's angeboten. Auch sie fragten nach dem Inhalte. Als sie horten: „Du sollst nicht morden!" lehnten sie ab, denn ihrem Ahn sei ja gesagt worden: „Von Deinem Schwerte sollst Du leben". Dann sei sie der Nachkommenschaft Moab'S angeboten worden, aber als diese das Gebot K? vernahmen, lehnten sie ab, denn hiergegen habe ja schon ihr Ahn (Lot) gehandelt. Nun erst sei die Offenbarung dem Volke Israel angeboten, und ohne nach dem Inhalte zu fragen, sprachen sie freiwillig: StKMl iTOSJ „wir wollen thun und wollen hören!" Bevor sie noch gehört, versprachen sie das Thun. Fürwahr, ein großartiges Versprechen! als ein priesterliches Reich und heiliges Volk den Bund der Väter zu übernehmen, das Volk der Offenbarung zu sein und alle Gesetze zu befolgen, durch deren Befolgung die sitt- ») Wir mache» auf die obig« Darlegung die Ordensbräd er „B'nai Berich" ganz besonders aufmerksam. (Red)