Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 51. (17.12.1885)
- Date
- 1885-12-17
- Page
- Seite 390 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 390 — und Glaubensgemeinde in Anerkennung der großen Verdienste Eures Todtcn veranstaltet haben? Dir besonders, hochverehrte Frau!, Dir braucheich ja nur das Trostwort des Psatmisten zuzurufen: „Besteh! dem Ewigen Deine Wege und harre auf ihn, er wird's vollbringen", um Dir Deinen Frieden wiederzugeben. Du warst ja Deinem Trauten allezeit eine starke und treue Helferin. Du lebtest nicht nur für ihn, sondern auch in ihm, und Du übtest unausgesetzt Selbstlosigkeit. Du verschmähtest die vergänglichen Freuden, Dein Sinn war nur dem Idealen, dem Ewigen zugcwandt — und wahrlich, nur an der Seite einer so sich selbst verleugnenden Gattin, wie Du, konnle der Verewigte zu der Bedeutung heranreifen, die ihm heute von allen Seiten zuerkannt wird. So erlabe Dich denn in einsamen Stunden an dem erhebenden Bilde Deiiies Trauten, und befiehl dem Ewigen Deine Wege, er wird's vollbringen: er wird Dich zum Gegenstände treuer Liebe für Deine Kinder und Verwandten und der aufrichtigsten Verehrung für die zahlreichen Freunde Deines Galten machen! Wir Anderen aber wollen an dieser Bahre das heilige Gelöbniß eingehen, treu zu bleiben den Idealen des Heimgegangenen Freundes; wie er unsere Kiafl zu weihen dem Wachsthume der Wahrheit, der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Menschenliebe in unserer Mitte. Dann wird aus dieser Trauerfeier eine Heilssaat erblühn, und der Name dieses Gerechten ein Segen bleiben für und für. Amen!" Nach den üblichen Trauergebeten wurde der Sarg in dem Erbbegräbnis deS Schwagers deS Entschlafenen beigesetzt. „Süß ist der Schlaf des Arbeiters!" Er ruhe sanft! Das praktische Judenthum. Von Landrabbiner Dr. L. Adler. |>ie jüdisch-rekigiöse (Fortsetzung). Ist in de,n angeführten Bibelverse (Lcvit. 19,2) das oberste Princip der biblischen Ethik, die Heiligkeit, überhaupt enthalten, so kann kein Zweifel darüber obwalten, daß die vornehmsten, erhabensten und unerläßlichsten Anforderungen jüdischen Religiosität sind: Wahrheit im Denken, Gewissenhaftigkeit im Wollen und sittliche Reinheit in der Gesinnung. Was nur immer als Gesinnung oder Gedanke der Heiligkeit widerspricht, muß beseitigt werden. Die Demuth vor Allem ist ein Erforderniß und wird — was sehr zu beachten — im Talmud schon darauf hingewiesen, daß in der Bibel bei Erwähnung der erhabensten Eigenschaften Gottes gleichsam auch die Deniuth Gottes angcdeutet fei. Jeder Bibel- und Talmudkenner weiß, wie hoch das Judcnthum in seiner Ethik die Demuth stellt und daß sie den Stolz, die Selbstüberhebung, als das strafbarste Vergehen neben dem Götzendienste, ja diesem gleichstchcnd betrachtet. Sind aber Ueberhebung, Stolz und Hochmuth, welcher Art sie auch sein mögen, sündhaft und mit einer wahren und wirklichen Religiosität unvereinbar, sie sind am verwerflichsten und verderblichsten, wenn es Religion und Frömmigkeit sind, auf die der Hochmüthige stolz ist und mehr zu sein sich einbildet. Ist doch zweifellos einer der Hauptbcwegungsgründe zur Verfolgungssucht Anderer dieser sogenannte Religionsstolz. Ich möchte gerne, wenn ich cs mir gestatten dürfte, länger bei diesem Gegenstände verweilen und unseren heutigen fanatischen Religionseiferern die Bilder unserer alten und ältesten Lehrer, deren Asketik die heutige doch weit übertraf, dabei aber so demuthsvoll, sanftmüthig und duldsam sich benahmen, als ob sie die Geringste» wären, zur Nachahmung vorführen. Ohne Demuth ist auch die Gottesfurcht keine wahrhaftige, fehlen auch das Gottvertrauen, die Dankbarkeit gegen Gott, die Gottergebenheit und überhaupt Alles, was zur wahren Frömmigkeit gehört, zur Heiligung des Lebens erforderlich und vermöge dessen ein religiöse Selbstbeherrschuna ermöglichender Wille denkbar ist. Der angeführte Vers enthält das oberste Princip der biblischen Ethik. Ihm sind noch dre i Principicn untergeordnet, aus welchen das Detail einer vollständigen Ethik folgt und auch in den biblischen Schriften schon vorhanden ist- 1. ISOTI 1'3K1 10K STK - „Jeder, seine Mutter und seinen Vater sollt Ihr ehrfürchten."*) In dem Gebote der Ehrfurcht gegen Vater und Mutter ist nämlich das Grundprincip des sittlichen, religiösen Verhaltens als Mensch und Israelit in Beziehung zu seinem eigenen Sein oder wie man es auch ausdrücken kann in Beziehung der Pflichten gegen sich selbst, sowohl als Einzelnen, wie als Gesammtheit. Ist ja das Verhältniß zwischen Eltern und Kindern als die eigentliche Grenzlinie zu betrachten, welche das Menschenleben oder die Mcnschcnwelt von dem Thierleben oder der Thierwelt total absondert und eine vollständige Scheidewand bildet. Die Thiereltern sorgen auch größtentheils liebend für ihre Jungen, aber nur für das physische Bedllrfniß und vorübergehend, so lange die Nothwendigkeit vorhanden ist. Selbst noch oder schon auf der niedrigsten Stufe zeigt sich beim Menschen das Verhältniß als ein höheres und steigert sich fortwährend als innigeres und dauerhafteres. Das Gebot der Ehrfurcht erhebt das Verhältniß zu der hohen Stufe, wie es zu G o tt besteht (*OTi l'nS« nns)- —3« den Eltern sollen die Kinder die Stellvertreter Gottes verehren. Sie sollen ihnen sichtbarlich die Träger der menschlichen Gottähnlichkeit sein und in ihnen das Bewußtsein ihres eigenen geistigen Seins wachrufcn und befestigen, die Erkenntniß eines höheren Willens, die Befähigung zur Unterordnung, der Selbstbeherrschung, die Möglichkeit eines religiösen, sittlichen Lebenswandels und die Nothwendigkeit einer selbstbewußten, sich selbst überwachenden Lebens- oder Willensthätigkeit. Das Gebot: heilig zu sein setzt die Kraft zur Selbstbeherrschung voraus, das der „Ehrfurcht gegen die Eltern bringt" den Besitz dieser Kraft zum Bewußtsein, setzt sie frühzeitig schon in Thätigkeit und bewirkt, ihre Anwendung in dem Verhältnisse zu Gott als die Bedingung zu erkennen in Wahrheit und Wirklichkeit ein Mensch, mit höheren Gaben geschmückt und für ein höheres Lebensziel bestimmt, zu sein. * Oas hierdurch entstehende Selbstbewußtsein erweckt einerseits die Selbstachtung, andererseits die zur Selbstcrhaltung erforderliche Thätigkeit und fordert nachdrücklichst ein Streben »ach geistiger und sittlicherSclbstvervollkommnung. Es ist kein geringer Vorzug der biblischen Ethik, daß in ihr die Fürsorge für das leibliche Wohlergehen eben so nachdrücklich als religiöses Gesetz gilt, wie die für daS Heil der Seele. Die sogenannte Ascetik, oder Versagung des Erlaubten und Nothwendigen, das Martern des Leibes in der Meinung oder der Absicht, hierdurch in einem höheren Grade religiös zu sein oder zu leben, ist in der jüdischen Religion ein fremdartiger, mehr heidnischer, als jüdischer Bestaiidti>eil. Aus Bibel und Talmud ließen sich hierfür Beweise in großer Menge anführen. Leib und Seele gehöre» zusammen. In der harmonischen Fürsorge für beide, der harmonischen Wirksamkeit beider, dem harmonischen Frohsinn beider besteht das sittliche Verhalten der Menschen gegen sich selbst. -(Fortsetzung folgt.! Berichte und Correlpondemen. Deutschland. ZLerki». Das Eondolcnzschreiben, welches die Stadtverordnetenversanimlnng unterm 8. Deccmber an Straßmann's *) Ohne lange bei der sprachlich auffallenden Construction zu verweilen, dürfen wir doch nicht unerwähnt lassen, daß cs eigentlich N”l” heißen müßte. Doch die Mehrheit ist sicherlich gewählt, weil das Gebot mit dem des zweiten Verses in Verbindung stehen, diesem zwar untergeordnet, aber doch als allgemeines Princip verstanden ivcrden soll.