Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 51. (17.12.1885)
- Date
- 1885-12-17
- Page
- Seite 389 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 389 — prangenden Leichenhalle. Hier hielt Herr Rabbiner Dr. Maybaum folgende eindrucksvolle Leichenrede! „Hochgeehrte Trauerversammlung! Sie kommen vom Hause der Stadt, woselbst Sic sich um die Bahre des Mannes schaarten, der seit mehr denn zwei Jahrzehnten der hiesigen Stadtvertrctung angehörte und die Bcrathungcn derselben fast 11 Jahre lang leitete, und der nun durch den Tod so unerwartet aus Ihrer Mitte gerissen wurde. Dort, an der eigentlichen Stätte seiner rastlosen Thätigkeit, fühlten Sie sich selbst als Leidtragende und in innigster Theilnahme lauschten Sie den Trauerreden, welche die hohe Bürgertugcnd des Mannes feierten, in welchem sich, >vie nicht leicht in einem Andern, der tüchtige, sittliche und patriotische Geist dieses ersten und größten Gemeinwesens im deutschen Vaterlandc verkörpert hatte. Und nun haben Sie die entseelte Hülle des thcuren Mannes an diesen stillen Ort des Friedens geleitet, und zum zweiten Male schaaren S>c sich um diese Bahre und lauschen dem Worte, das die Religion, zu der sich der Verewigte bekannte, hier vernehmen läßt. Wohlan h. T! Was die Religion hier zu sagen hat, kann nicht viel anders lauten, als dasjenige, was Sie bereits vernommen haben. Denn so verschieden auch die Standpunkte der Betrachtung sind: cs giebt doch nur eine Tugend, und was daher die Religion als das Gottesebenbildliche am Menschen rühmt — cs kann nichts Anderes sein, als was auch Sie an diesem irdischen Leben für edel, groß und erstreben-werth halten. Und doch, je näher der Verewigte in seinem Wirken und Schaffen dem Ideale echten Menschenthumcs kam, desto unabweislicher ist die Pflicht, hier auch inr Namen seiner Religion die Erklärung abzugeben, daß es auch ihr ein Ideal, ja das erhabenste Ziel ist, was der Verewigte zu verwirklichen suchte. Und je anspruchsloser sie sich dem Lebenden gegenüber verhielt, je mehr sie sich nur im Stillen seines gemeinnützigen und menschenfreundlichen Wirkens freute: desto lauter darf und muß hier ihre Klage ertönen um den Hintritt des Edlen, der ihr Schild und Schutzwehr gewesen, der durch sein Leben für die Reinheit ihrer Lehrer vor aller Welt Zeugniß abgelegt hat. Und so rufe ich denn dem Verewigten wchmüthigcn Herzens nach das Wort, das der Pjalmdichter von dem Gerechten rühmt: :VTOX “TSEn xb nbn vn*?X min »Die Lehre seines Gvttes war in seinem Herzen, nicht wankten seine Schritte!" (Ps, 37,31.) „Die Lehre seines Gvttes war in seinem Herzen," H, Tr.! Ich bin mir bewußt, nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß die Thätigkeit, die der Verewigte im Dienste nnseres großen Gemeinwesens entfaltete, ihm zur Religion geworden war, Nur dieser Gesichtspunkt erklärt uns seine fast beispiellose Hingabe an das allgemeine öffentliche Interesse, seine unausgesetzte, sich stets gleichbleibende Pflichttreue und die unerschütterliche Standhaftigkeit, mit der er, unbeirrt von allen Anfechtungen, auf dem hohen und verantwortungsvollen Posten auSharrte, auf den ihn das Vertrauen seiner Mitbürger gestellt hatte. Und daS ist es auch, was seinem gemeinnützigen Wirken den Charakter der Idealität aufprägte, und wodurch es sich unterschied von dem gleichen achtnngswerthen Wirken zahlreicher Genossen im öffentlichen Leben, Die Seele seiner öffentlichen Thätigkeit war eine religiöse Begeisterung; ihm galt die volle Hingabe an daS Gemeinwohl als Gottesdienst, ja als die reinste Anbetung deS GotleSgeistes, der das gcsammtc Leben der Menschheit durchwaltet. Jenes herrliche Haus, — das stolze Wahrzeichen dieser Stadt — er liebte es wie ein Heiligthnm, in welchem er durch die Gnade Gottes, die ihn mit reichen Gaben des Geistes und des Herzens ausgestattet, und durch das Vertrauen seiner Mitbürger als Hohepriester zu wirken berufen war. Ja die Hingabe an das Gemeinwohl war ihm zur Religion geworden, und — das ist unser Stolz — er durfte sich dabei in Uebercinstimmung fühlen mit der Religion, der er durch Geburt und Erziehung angehörte. Denn die Religion, die zuerst einem ganzen Volke die volle Hingabe an die Menschheit als heiligste Ausgabe verkündete, die den Bekennerstamin als „Knecht des Ewigen" mit der schmerzreiche» Heilsbotschaft an die Völker betraute — sie kann auch dem Einzelnen keine erhabenere Aufgabe stellen, als sich dem Gemeinwohl voll und ganz hinzugeben und durch selbstloses Wirken eine immer edlere und schönere Gestaltung des irdischen Lebens herbeiznfllhren. Darin allein offenbart sich ja die Liebe, die sich selbst verlängnende, dienende Liebe, wie sie unsere Religion als die reinste Bethütignng deS Gottesgeistes im Menschen lehrt. Von solcher Liebe aber zeugt das gesammtc Wirken dieses verewigten Genossen, darum sage ich von ihm mit dem Psalmdichter: „Die Lehre seines Gottes war in seinem Herzen", Aber noch deutlicher offenbarte er unS diese seine Liebe. Wie lange ist es her, h. Tr.! daß noch nnangefochten galt der Satz: „Die Gerechtigkeit ist das Fundament der Staaten"? Und wie lange ist es, daß man erkannte, daß zur Gerechtigkeit die Liebe sich gesellen muß, wenn dies Fundament sich als fest und unerschütterlich erweisen solle in allen Stürmen des Völkerlebens? Daß die Bekämpfung des Elends und der Hilflosigkeit großer Bevölkerungsklassen für eine der heiligsten Aufgaben der Gesellschaft erklärt wurde? Diese Erkenntniß, von der das Heil der Zukunft abhängt, ist nunmehr in alle Schichten unseres deutschen Volkes gedrungen, und es steht zu hoffen, daß diese Ausgabe, deren Lösung von Allen als e>n tiefes und unabweisbares Bedürfniß empfunden wird, mit der Zeit ihre Lösung finden werde. Aber nicht durch Kamps, sondern nur auf dem Wege der Liebe wird sic gefunden werden, Deß ist uns auch das edle Wirken dieses Mannes eine frohe Bürgschaft, Er suchte daS Elend durch die Liebe zu überwinden, und siehe, es ist ihm zum Theil gelungen. Und daß er, lange bevor diese Erkenntniß allgemein durchdrungen war, seine beste Kraft der Lösung dieser Aufgabe widmete, daß sein Name nicht nur bei keinem größeren Hülsswerke des letzten Jahrzehntes fehlt, sondern auch auf's Engste verknüpft ist mit den großen Schöpfungen in unserer Stadt nnd in unserem Vaterlande, ivelche Vas Elend nicht nur vorübergehend zu lindern, sondern an der Wurzel zu bekämpfen und dauernd zu heilen suchen — das macht uns seine Erscheinung so verehrnngswürdlg, damacht sein Leben zu einem Vorbildlichen für Alle, welche den Geineinsinn für den edelsten Ansdruck menschlicher Güte halten. Und daruni erfüllte sich an ihm der Segen unseres Textworles: „Nicht wankten seine Schritte". Er stand fest und aufrecht wie der Fels im Meere gegenüber allen Anfechtungen, Die Verleumdung durste sich ja nicht heranwagen an ihn, dessen Reinheit und Ehrenfestigkeit auch der Gegner anerkennen mußte; au ihn, der >o bedürfnißlos war wie die Weisen der Vorzeit, der trotz seiner hohen Stellung so einfach und bescheiden lebte, wie der schlichteste Bürger; ja an ihn, dessen ganzes Leben ein erfreulicher Beweis ist, daß einfacher Sinn und anspruchlose Bürgertugcnd noch nicht ausgestvrben sind in unserer Zeit, wo das Verlangen nach Reichthum und Genuß nicht selten die edleren Strebungen zu überwuchern droht. Darum ging er aus allen Kämpfen siegreich hervor, und sein Sieg war zugleich der Sieg der Wahrheit, der Freiheit und Gerechtigkeit. Verzeiht, geliebte Leidtragende, die Ihr dem Herzen des Verewigten am nächsten standet, daß ich erst jetzt das Wort des Trostes an Euch richte! Ich weiß es wohl, was es heißt, den geliebten Gatten kalt und blaß ins Leichentuch zu hüllen und seines Daseins Zusammenhang zerrissen zu sehen. Ich weiß, was es für die Kinder bedeutet, das Auge des theurcn Vaters, das für ihre Wohlfahrt wachte, für immerdar znzudrückcn. Ich begreife auch den Schmerz des weitgedchnten Verwandtenkreises, der am heutigen Tage die Krone von seinem Haupte genommen sieht. Allein giebt cs denn neben der frommen Ergebung in Gottes uncrforschlichen Rathschluß einen bessern Trost als die Tranerfeier, die heute Stad