Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 51. (17.12.1885)
- Date
- 1885-12-17
- Page
- Seite 388 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 388 — ruhigen,, besonnenem Schaffen zusammenzufasscn, Der Antheil, den der «heuere Verstorbene an all' den großen Schöpfungen der Reichshaupistadl in den letzte» 11 Jahren gehabt hat, sicheren ihm auch bei den fcnlstcn Geschlechtern ein hochchrcndcs Andenken, Es ist eine tiefe und große Lücke, welche der unerbittliche Tod in nnscrcm Gemeinwesen gerissen. Bo sollen toir Trost und Stütze finden? Ich weiß nur einen Trost und in seinem Sinne, hier vor seinem Sarge, Angesichts der Familie und der vielen im stiidtischcn Ehrcnamtc und Amte stehende» Männer will ich es auSsprechcn: Wir können nur Trost, Stärke und Stütze finden in dem festen Entschluß: in dem edlen, humanen Sinne des Verstorbenen, in seinem vermittelnden Streben fortzuarbciten für das, was seine ganze Seele erfüllte — für das Wohl der Reichshauptstadt Berlin, Tics bewegt, voller Trauer und Wehmuth blicke ich auf die trauernde Familie, die Wittwe, die Kinder, die Brüder und die sonstigen Familicnglieder, Eines vorwärtsstrebenden Manncs festeste Stütze ist ein glückliches anregendes Familienleben, Ich danke Ihnen, daß Sie zn unserem Heile dem Verstorbenen stets diese feste Stütze gewährt haben und kann nur wünschen, daß Sic in Ihrem Schmerze Trost finden in der lebendigen, tiefbewegten, durchgreifenden Theilnahme der gcsammtcn Bürgerschaft dieser Stadt, Nach abermaligem Chorgesang nahm der Gcheimrath Prof, Virchvw das Worr zu folgender Rede: „Hochgeehrte Versammlung l Das Verhältniß, in welchem alle die, welche sich zu dem Dienst der Gemeinde verpflichtet haben, zu einander stehen, ist ein so eng gegliedertes, daß Lücken in demselben höchstens vorübergehend geduldet werden können. Auch der hervorragende Platz, aus welchen unser verstorbener Freund gestellt war, hat schon ivieder besetzt iverdc» müssen, und der inächtige Strom der Geschäfte, welche die Verwaltung einer so großen Gemeinde täglich zu erledigen hat, drängt die Lebenden zu neuer Arbeit. Wird der todtc Man» darüber vergessen werden? Gäbe nicht schon diese große Versammlung eine beredte Antwort aus diese Frage — die Geschichte unserer Stadt Ivürde Zcugniß dafür ablegcu, daß seine Erinnerung aus dem Gedächtniß weder der Lebenden, noch der Kommende» getilgt werden kann. Wenige Jahre, nachdem Berlin Rcichshauptstadt geworden war, ist Straßmann durch das Vertraue» seiner College» an die Spitze der Vertretung der Bürgerschaft berufen worden und cs ist nicht zum wenigsten sein Verdtenst, daß in den cif Jahren, während welcher er die Geschiffte geleitet hat, jene gewaltige llmgestaliuug, die gegenwärtig die Befriedigung, ja, ich darf wohl sage», den Stolz der Bewohner, die Bewunderung der Fremden erregt, sich in sicherer und sricdlicher Weise, in voller Continuität der Ziele und mit weiser Sparsamkeit in den Mitteln vollzogen hat. Er hat es verstanden, die so nahe liegende Gefahr der Frictionen zwischen den städtischen Behörden zn vermeiden, innerhalb der Stadtvcrordneten-Bcrsammlung selbst die Freiheit und Würde der Verhandlungen zu tvahrcn, wie sich selbst den Verdacht abzuwchren, als leite ihn persönliches Interesse einer einzelnen Partei. Weder ihm, noch der Versamnilung ist es erspart geblieben, herben Angriffen ausgesetzt zu werden. Er selbst wurde um seiner Religion willen angcscindct, die Bcrsanimlung ist während der Zeit seiner Vorstchcrschast einer schwereren Krise unterworfen worden, als jemals früher. Aber er hat feinen Platz siegreich behauptet und ist aus allen Anseindungen hervorgegangcn als ein intactcr Mann, ja, er hat alle Bitterkeiten überwunden und in nur noch höherem Maße jede Anstrengung ausgcwandt um milde und gerecht zu sein gegen Alle und das hohe Gut der Selbstverwaltung zu schützen vor jeglicher Verkümmerung. Wolsgang Straßmann befaß eine ideal angelegte Natur. Aus den kleinsten und engste» Bcrhältuisscn hervorgegangcn, in täglichem Kampfe um seine Existenz, fast ohne äußere Hilfsmittel, hat er seine jugendliche Entwickelung sosort den höchsten Zielen der Menschheit zugcwandt. Die Jahre, wo sonst unsere akademische Jugend in geordneter Weise ihre Studien verfolgt, dehnten sich sür ihn zu einer ungewöhnliche» Länge, Er war 34 Jahre alt geworden, als es ihm gelang, eine seste bürgerliche Stellung zu gewinnen. Aber kein Mißerfolg, keine Entbehrung batte ihn erschüttert. In wenigen Jahren erwarb er thcils als praktischer Arzt, inmitten der ärmsten Bevölkerung, thcils durch wissenschaftliche Arbeiten soviel Mittel, daß er nicht nur selbst leben, sondern auch seine Brüder zu geachteten Stellungen heranbilden konnte. Aber nicht genug damit, er begann alsbald die socialen Schäden, die er so genau kennen gelernt hatte, zn ergründen und nach Kräften zu mildern. Kaum hatte er selbst einen festen Halt gewonnen, da, im Jahre 1862, gründete er in seinem Bezirk eine Darlehnskassc, aus welcher später die Genossenschaftsbank des Stralauer Stadtviertels hervorging bis zu seinem Tode hat er mit peinlicher Genauigkeit die Direction dieses großen Instituts, dessen Umsatz jährlich viele Millionen umfaßt, geführt. Vor nunmehr 22 Jahren erhielt er zum ersten Male ein Mandat zur Stadtverordneten-Versammlung und hier war es wicderun, die Armenverwaltung, der er seine Hauptthätigkeit zuwendcte. 1868 schuf er den Berliner Verein gegen Verarmung, als ein Hilssinstitut sür die Armcnvcrwaltung der Gemeinde, Nur, wer selbst in der Lage war, sein Wirken aus diesem schwierigen Gebiete kennen zu lernen, kann es beur- Ihcilen, mit welcher Aufopferung, ja mit tvclcher Hingabe an den einzelnen Fall, er als Vorsitzender die Geschäfte leitete. Und als endlich die Uebcrzeugung durchbrach, daß auch die weitgehenden Einzelbcstrcbnngcn an der Größe der Gcsammtausgabe scheitern müßten, da trat er 1880 an die Spitze des Deulfchen Vereins sür Armenpflege und Wohlthätigkeit, dessen Versammlung er noch im vorigen Jahre prästdirte. Wir dürfen von ihm sagen, daß er seine Pflicht voll und ganz erfüllt habe. Darum trauern wir um ihn als um einen Todten der Stadt. Die Familie, die so viel verliert, hat ihr Anrecht auf ihn auch in diesem letzten und schwersten Augenblick an die Stadt gemeinde abgetreten. Möge die Erinnerung an ihtt uns Allen heilig bleiben! Möge an seinem Grabe und darüber hinaus jenes Gefühl der Versöhnung, welches die gemeinsame Arbeit erzeugt und dessen bester Vertreter der Verblichene war, alle Theilnchmer an dieser Trauerseier beseelen! Möge es diesem großen Gemeinwesen nie an Männern schien, die, wie er, furchtlos und bewußt, hingebend und dis zum Tode treu, streng und doch im edelsten Sinne human, die Selbstverwaltung pflegen, welche ein weiser Gesetzgeber in di- Hand der selbstge wählten Vertreter gelegt hat! Friede sei mit ihm!" Alsdann hielt der Stadtv. Ludwig Löwe dem Verstorbenen folgenden Nachruf: „Der Tod ist rasch und sanft an unfern verblichenen Freund herangetreten, aber er hat ihn abbcrusen aus einem Leben, dessen letzte Periode nicht frei war von Kamps und Streit, Seine Jugend fiel in eine Zeit der idealen Auffassung des Menschenthums, in tvclcher alle ivahrhaft Gebildeten erzogen tvurdcn in dem Gedanken der brüderlichen Liebe aller Menschen zu einander. Dieser allgemeinen Auffassung entsprach auch sein persönlicher Standpunkt: ihm waren alle guten Menschen gleich lieb, alle Bedrängten gleichmäßig der Hilse werth, sür ihn war der Glaube des Einzelnen nichts Trennendes. Er erfaßte sein Judenthum nur als Menschenthum und fand seine Ausgabe nur in der Verbesserung des Looses der Menschheit, Von diesem Standpunkte aus entwickelte er, in das Getriebe der Weltstadt, mit ihrem Uebcrmaß an Gluck, aber auch an Noth und Elend gestellt, eine ivahrhaft wcrkthatige Menschenliebe, in der sein ganzes Dichten und Trachten sich daraus coticentrirte, nicht erst den schon zu Grunde gegangenen Existenzen ein Almosen zu bringen, sondern den noch im Kampfe um die Existenz hart ringenden Menschen zur rechten Zeit mit Rath und Hilfe beizuspringen, um sich ertverbsfähig sür sich selbst und als nützliche, schaffende Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zn erhalten. Nur in diesem schönen, menschlichen Sinne wollte er Jude sein. Da entivickelte sich zu seinem und der ganzen Welt Erstaunen >ene traurige Bewegung, welche beztvecktc, nicht etwa die Mängel zu beseitigen, mit denen Menschen, jüdischen wie jeden anderen Glauben behaftet waren, sondern deren letztes, wenn auch vielfach verdecktes Ziel war, den eiuzclneu Menschen zurückzusetzen und zu verfolgen, weil sie Juden waren. In diesem Moment erwachte in dem ehrenfesten Manne das Gefühl der Solidarität mit seinen vielfach minder günstig gestellten Leidcnsgcnosscn, und mit der echten Tapferkeit des Mannes stellte er sich in Reih und Glied, um den unberechtigten Ansturm abzuwehren, voll welchem er auch eine Schädigung des gcsamnlten Volkswohlstandes erwartete. In diesem Kampse hat er treu ausgeharrt aus seinem Posten, zuvörderst seiner Natur nach milde abwehrend, dann aber als ein tapferer Soldat kämpfend sür die höchstctl Güter des Lebens. Es war ein tragisches Geschick sür den human denkenden Mann, dessen Blick nur auf das Allgenieine gerichtet war, daß er, im hohen Mannesaltcr stehend, in weiten Kreisen eine vollständige Abwendung von den Idealen seiner Jugend erleben mußte, und daß er in dieser Periode gezwungen wurde, ganz gegen seine Natur einzutreten in einen Parteikampf über die Gleichberechtigung alles dessen, was Menschcnantlitz trägt auf Erden, Aber selbst diese bittere Erfahrung und diese Kampfbereitschaft haben cs nicht vermocht, ihn von der Bahn des wcrkthätigen Idealismus im Dienste der ganzen Menschheit abzudrängen. Er ist sich selbst treu geblieben und hat bis an sein Lebensende unentwegt gewirkt im Dienste der hehren Ausgabe, welche er sich als seinen Lebenszweck gestellt hatte: durch praktische Nächstenliebe die Gegensätze zwischen den einzelnen Menschen und den einzelnen Klassen der Gesellschaft zu versöhnen und alle Menschen einer höheren Versittlichung entgegen zu führen. In dieser Thätigkcit hat er auch gegenüber den schweren und grundlosen Angriffen sür sich Versöhnung gesunden und bis au sein Lebensende hat er treu und zufrieden seine Kräfte in den erhabenen Dienst gestellt. Und nun ist er von uns gegangen mitten aus der großen Arbeit, die nie vollendet iverden wird, so lange cs Menschenleid giebt auf Erden. Aber nur sein Körper ist in Staub zerfallen, sein Geist ist unser Aller Geist, in dem wir sortarbeiten werden sür die Dauer unseres Lebens, und der, wie wir fest vertrauen, wirksam sein wird über unser eigenes kurzes Leben hinaus. Dll aber, theurcr Freund, hast treu bis zu Dciticm Ende Deine Pflicht erfüllt. Du darist nun ruhen von der Arbeit, So sage ich Dir Lcbwohl. Schlas in Frieden!" Wiederum ertönte eilt mehrstimmiger Trauergesang. Zwölf Stadtverordnete Hobe» mut den Sarg auf ihre Schultern und unter den Klängen des Chorals: „Was Gott thut, das ist wolilgcthan!" fetzte sich der imposante Trauer - zug nach der letzten Ruhestätte auf dem jud, Iriedhofe in der Schönhauser Allee in Bewegung. Voran wehte das tiefumflvrte Magiftratsbaniier. b. Die religiöse Trnucrseier. Ergreifender Gesang des Synagoge,ichocs empfing den Sarg in der in reichem Trauerschmucke und Lichtcrglanz