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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-12-10 · N° 50. (10.12.1885) · p. Seite 384

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 50. (10.12.1885)
Date
1885-12-10
Page
Seite 384 (sequence 6)
Language
German
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— 384 — Das bctr. Comitä wendet sich nun „an alle diejenigen, denen die Ausbesserung der socialen Lage der ärmeren jüd. Bevölkerung am Herzen liegt, mit der dringenden Bitte, durch Zuwendung von Geldmitteln dieses Unternehmen zu fördern". So sehr wir uns indcß auch jeder Bethätigung des jüdischen Wohlthätigkcitssinnes freuen, so müssen wir doch bekennen, daß es uns einigermaßen zweifelhaft ist, ob es zweckmäßig und wohlgethan war, den Blick jenes unbekannten Wohlthäters gerade auf diesen Punkt zu richten, der, wie cs uns scheinen will, ganz andere Voraussetzungen zur Bedingung hat, als die geschilderten jüdischen Kreise sie abgeben. Unsere eingcbornen, in Dürftigkeit lebenden Glaubensbrüder sind Gottlob und Dank im Punkt „der sittlichen Grundlage ihrer Kindcrcrziehung" lange nicht so verwahrlost wie das Circular uns glauben machen will; überhaupt setzen diese bekanntlich aus Schweden hcrübergenommenen Bestrebungen eine Gewerbe und Ackerbau treibende Bevölkerung voraus, die wir weder sind, noch auch durch die Thätigkeit des geplanten Vereins werden. Die aus dem „Herzogthum" Eiugewandcrtcn bedürfen aber einer Schulung in der Heimat und sind möglichst fern zu halten. Die Bestrebungen werden daher, dessen sind wir gewiß, mit arger Enttäuschung nach jeder Richtung hin enden, die Opfer nicht lohnen, die sie gekostet haben. Man hätte solche Versuche nicht anstellen sollen, ohne sich mit maßgebenden Persönlichkeiten die Erfahrung auf diesem Gebiete haben, in Verbindung zu setzen. „Die Unterweisung in Gartenbau und Obstbaumzucht, sowie die Uebung in Handfertigkeit jederlei Art" wird eine kostspielige, der Mühe und Opfer durchaus unwerlhe Frucht auf dem projectirten Bode» bleiben. Oesterreich-Ungarn. A. M. Wie» (Or.-Corr.) ' In der Nummer 24 Ihres geschätzten Blattes ist eine Nachricht enthalten, die, wenn sie auf Glaubwürdigkeit sich stützen dürfte, geeignet wäre, das staunende Interesse auch nicht-österreichischer Leser in ungewöhnlichem Maaße zu erregen. Es hieß da, daß in unserem Wiener Gemeinderathe der Antrag eingebracht und zum Beschluß erhoben wurde, eine Straße unserer schönen Metropole Capstiranstraße zu nennen, zur Erinnerung an den im Jahre 1386 im Neapolitanischen geborenen Franziskancrmönch und Kreuzprediger Johannes Capistranus. — Wer nun jemals in den blutigen Annalen jener Zeit geblättert und den Spuren der lichtscheuen Thätigkeit des Mannes gefolgt ist, der mit blindem Fanatismus gegen die Ketzer wüthete und Hussiten lote Juden mit gleicher Wollust dem Feuertode preisgab, den mußte es nicht wenig befremden, daß gerade dieser, „allerdings canonisirte" Mörder der ihm gebührenden Vergessenheit entrissen und zum Namensträger einer Straße unserer lichten, fortschrittsfreundlichen Stadt erkoren werden sollte. Wie es nun seitens der mitten im Strudel einer leider nur allzufllhlbarcn rückläufigen Strömung Befindlichen zur alltäglichen Praxis geworden, überall die anti-sreundliche, vulgo anti-semitische Tendenz zu wittern, so auch hier, und bald war man bei der Hand, den naheliegenden, betrübenden Schluß einer zum Glück voreilig aufgestellten Prämisse zu ziehen. Wir sind in der angenehmen Lage, erhärten zu können, daß dieser ganzen scharfsinnigen Schlußfolgerung der Boden der Thatsächlichkeit mangelt, da der oben erwähnte Beschluß, wenn überhaupt von irgend einer Seite angeregt, gar nicht vor das Plenum des Gemeinderathcs gelangte, der übrigens solche Anträge von vornherein zu Falle zu bringen verstände: dann ist es dem erleuchteten Rache unserer Stadtväter noch immer gelungen, es sei hier dankbar hervorgehoben, das Gift der Unduldsamkeit und confessionellen Verhetzung, das allüberall durchzusickern strebt, von seinem gesunden Organismus fernzuhalten. Auch sei uns hier zu betonen gestattet, daß das hochverehrte Mitglied desselben, Baurath S t i a ß n y, gegen den die Spitze oben widerlegter Mitthcilung gekehrt war, schon zu viele Beweise hochherziger Gesinnung und gemeinnütziger, menschenfreundlicher Wirksamkeit geliefert hat, als daß der Verdacht mangelhafter Pflichterfüllung, wo es gilt, durch mannhafte Intervention das Gute zu fördern oder das Böse hintanzuhalten, ihn auch nur entfernt tangiren könnte. Krag. Man hat sich nachgerade bei uns in Oesterreich, oder vielmehr im österreichischen Israel, daran gewöhnt, Vorkommnisse von irgendwelcher wichtigen Tragweite, wie sehr sie auch uns Juden und nur uns betreffen und uns intcressircn mögen, in erster Linie an die Glocke politischer Tageblätter zu hängen, und erst durch diese solche Bestrebungen oder derartige Thatsachen zu allgemeiner Kenntniß in jüdischen Kreisen gelangen zu lassen; — speciell jüdischen Organen geht mau fein säuberlich, behutsam aus dem Wege; will man dann nicht etwa das jüdische Blatt, für das man gerne schreibt, mit N a ch d r u ck und abgestandenen Wiederholungen aus den politischen Tages-Jour-- nalen behelligen, muß man sich in der Berichterstattung, geradezu auf ganz interne, den professionellen Reportern entgangene Thatsachen beschränken; so berichte ich Ihnen denn, wie es von einer rührenden, innigen Anhänglichkeit an unfern vielvccchrten Oberrabbiner Zeugniß gicbt, wenn man sieht, wie sich Jung und Alt, Arm und Reich auftichtig bemüht, von dem persönlichen Befinden des beliebten, in Meran zur Kur weilenden Seelsorgers Herrn Rabb. Hirsch Nachricht zu erhalten; — daß der greise Kreis-Rabbiner Haller in Karonlincnthal erhalten, dürsten Sie bereits erfahren haben; daß ein neuer Verein sich gebildet, dessen Zweck es sein soll, dem Antisemitismus entgegenzuarbeiten, auch das berichten die öffentlichen Tageblätter bereits, doch müssen wir, wollen wir aufrichtig sein, gestehen, daß wir uns für einen solchen Verein durchaus nicht echauffircn können; wir glauben vielmehr, daß ein ruhiges, cinfaches, pflichtgetreucs, den st a a t l ich en ebenso wie den relig iö se n Obliegenheiten in anständiger, bescheidener Form gerecht werdendes Leben die beste Wirkung gegen jedes verwerfliche antiscmitiiche Streben ausübt — nur im Anblicke unseres musterhaften Lebenswandels nrüssen jene uns anfeindenden Unholde zu Schanden werden; — dazu bedarf cs also keines besonderen Vereines — zu solchem Streben erscheint jeder Jude, wie unsere Alten sagten, gewissermaßen "TD “Tlö IDli'l §DDW». Wenn das an Vereinen so reiche jüdische Prag durchaus um einen Verein reicher werden muß, so könnte die bei uns ebenso wie in einer anderen Grobgemeinde grassirende Vereins - Meierei Wohlthätigkcitsobjecte genug finden, an denen sie ihre unvermeidliche Vercinsgrllndungssucht in wohlthätiger Weise bethätigen dürfte; — über die Antisemiten-Epidemie, die bereits unleugbare Zeichen des Niederganges und baldigen Erlöschens zeigt, wird uns der „Hüter Israels" in erster Linie, und der gesunde Geist des Volkes auch ohne „Verein" hinweghelfen. Die Sammlungen für die Cantoren-Pensions- Kasse zeigen in den Ausweislisten, die die österreichisch-, ungarische Cantorenzeitung veröffentlicht, sehr erfreuliche Fortschritte, die Herren haben einen ehrlich gemeinten Mahnruf nicht ungehört verhallen lassen, sie haben sich, endlich aus langer Zaghaftigkeit kühn hervortretend, ermannt, und gehen jetzt tüchtig in's Zeug — ja! nur durch die Mitwirkung aller bei dem schönen Werke Juteressirten können und werden schöne Resultate erzielt werden; — wir bemerken bei dieser Gelegenheit einen nicht genug rühmenstverthen, opferfreudigen Eifer; mit dem da gerade die kleineren, sogenannten neuen, jungen Gemeinden sich als Spender bei den Sammlungen hcrvorthun. Ein Sturm im Glase Wasser hat sich vor ewigen Tagen in einer böhmischen Landgemeinde gegen einen Rabbiner erhoben, weil derselbe storribils dictu so grausam orthodox (?) war, eine kinderlose Wittwe, die, weil der Bruder des Gatten für jetzt nicht gegenwärtig ist, keine Chaliza erhalten konnte, nicht — ohne vorhergegangenen Chaliza-Act trauen wollte; — armer Rabbiner! von dem man einfach.

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