Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 50. (10.12.1885)
- Date
- 1885-12-10
- Page
- Seite 383 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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kemimig.verschafft, bietet das neueste Werk vom Prof. Schürer I in Gießen: „Geschichte des jüdischen Volkes" in welchem die Forschungen jüdischer Gelehrten gar sehr berücksichtigt werden. Wir finden daselbst Citate aus Grätz, Bacher (Agadah) Derenbourg, Hamburgers Real - Encyclopädic u. a. m. Vielleicht gelangen dadurch unsere Reichen zur Erkenntniß, daß zur Zierde und Hebung des Judcnthums auch die Förderung der jüdischen Wissenschaft gehört, wie es in der Chanukahaftara heißt: „Nicht durch Macht auch nicht durch Kraft, sondern nur durch meinen Geist!" B. Aktona. In der neuesten Dvppelnummer des von Dörpfeldredigirtcn„Evangel. Schulblattes" theilt Br. F. Finger Erinnerungen aus der berühmten Bender'schen Erziehungs- Anstalt für Knabe» (in Weniheim an der Bergstr.) aus den Jahren 1832—44 mit. I» dem Artikel ist folgender Passus bcmerkcnswcrth: „Unter den „Auswärtigen" (so nannten unsere Zöglinge alle Schüler, die nicht in der Anstalt) waren nicht wenig Katholiken und auch einige Juden. Das Vcrhältniß der verschiedenen Konfessionen war im ganzen ein gutes. Wenn zwar ein jüdischer Knabe frech auftrat, wurde ihm von den christlichen gehörig gedient. Sonst aber hatte ein Jude als solcher nichts zu leiden. Samstags besuchten die Juden die Schule, schrieben aber nicht. Wenn nun am Ende der Stunde die Aufgaben für die nächste genannt wurden, schob der Jude stillschweigend dem christlichen Nachbar sein Tagebuch zu und dieser schrieb ihm die Aufgabe ein". Eigcnthümlich berührt cs, daß hier den jüdischen Schülern ei» freches Benehmen gewissermaßen als aus- .schlicßlichc Eigenheit zugesprvchen wird. Sollte hier nicht die Subjcmvnät des Verfassers mitspielen? 8.— Göppingen, 25. Rov. Herr Rabbiner Herz feierte gestern seinen 70. Geburtstag und zugleich sein 40 jähriges Dienstjnbiläum. Der Jubilar hat sich in dem langen Zeitraum, welchen er den israelitischen Gemeinden Jebenhausen und Göppingen Vorstand, nicht nur die Liebe und Anhänglichkeit seiner Glaubensgenossen, sondern auch die Achtung seiner christlichen Mitbürger in vollstein Maße erworben. Am Vorabend seines Geburtsfestes brachte ihm der hiesige Liederkranz ein Ständchen. Gestern Vorm, wurde ihm von den Vertretern der isr. Gemeinden Göppingen und Jebcnhansen eine künstlerisch ausgestattcte Adresse überreicht, in welcher seine großen Verdienste um die beiden Gemeinden, beleuchtet waren. Gleichzeitig überreichte das Komite eine ansehnliche Summe, welche der Jubilar zu einer wohlthätigen „Rabbiner Herz'sche Stiftung" bestimmte. Herr Oberamtiiiann Mosthaf überbrachte ein Anerkennungs- und Gratulationsschreiben der israelit. Oberkirchenbehörde. Abends fand zur Feier des Tages ein Bankett statt, an welchem sich fast sämmtliche Mitglieder der israel. Gemeinde betheiligten. Den ersten Toast aus der, Jubilar brachte Kirchenvorsteher Fabrikant Sam. Fleischer aus, Lehrer Friedmann aus Jebenhausen brachte den Dank und die Anerkennung dieser Gemeinde zum Ausdruck, worauf der Jubilar in herzlicher Weise sür die Beweise von Liebe und Anhänglichkeit von Seiten beider Gemeinden dankte. Herr L. A. Gutmann toastirte auf die geehrte Frau Rabbincrin. Herr Kirchenvorsteher Julius Rein g an um brachte auf ben ältesten Schüler, den intimen Freund des Jubilars und Gönner der isr. Gemeinde, Hrn. Ernst Pfeiffer aus Stuttgart, einen Toast aus, der von diesem mit einem Hoch auf das Gedeihen der beiden Gemeinden erwidert wurde. Weitere Toaste wechselten mit Gesangsvorträgen bis zuin Schlnsse der schönen Feier. Es war auch eine große Zahl schriftlicher und telegraphischer Gratulationen von nah und fern eingelaufen, darunter eine Depesche von einein einstigen Schüler in Philadelphia. Der Jubilar erfreut sich einer guten Gesundheit; möge es ihm vergönnt sein, noch lange in Segen zu wirken. Kamrovrr (Or.-Corr.) Im Mai d. I. ist in unserer Gemeinde ein Unternehmen ins Leben getreten, welches, wie das von dem bezügl. Comitä erlassene Circular sagt, sich „zur Aufgabe stellt, eine zweckmäßige, auf sittlicher und religiöser Grundlage beruhende Erziehung der Kinder aus denjenigen ärmeren Klassen, welche im elterlichen Hause eine solche entbehren, in die Hand zu nehmen oder zu fördern." „Noch immer," sagt dasselbe weiter, „bleibt es eine recht fühlbare Lücke, für arme jüdische Knaben , denen das Haus die Segnungen einer entsprechenden Erziehung nicht gewähren kann, eine zweckmäßige Heranbildung in der Weise zu schaffen, daß sic von früh auf zu nützlicher Arbeit angehalten und dadurch leichter in den Stand gesetzt werden, einem praktischen und ehrbaren Gewerbe sich zuzuwenden. Die normale Volksschule — das beweist die bisherige Erfolglosigkeit — kann den oft schädlichen Einflüssen des Hauses nicht genügend entgegenarbeiten, und mit wenigen Ausnahmen bleibt denn einem solchen die Schule verlassenden Knaben nur die Wahl, wenn nicht Begabung und gelegentliche Unterstützung ihn einem höhcrn Studium zuführen, dem nieder» Handel sich zuzuwenden. Schon seit längerer Zeit haben sich Handwerkervereine in jüdischen Gemeinden gebildet, welche gerade Kinder ärmerer Klassen auch dem Handwerke zuzufllhren sich zur Aufgabe gestellt haben. Aber diese Vereine haben ihre Ziele in der erwünschten Weise nicht erreichen können, weil ihre Wirksamkeit frühestens erst da beginnt, wo der Knabe die Schule verläßt, und in den meisten Fällen weder Neigung noch körperliche Fähigkeit bei dem Knaben — um von Abneigung und Vorurtheilen der Eltern ganz zu schweigen — sich vorfiiibet". Deshalb will das Streben des besagten Comitss dahin gehen: a) Die Unterweisung in Gartenbau und Obstbaumzucht, soweit diese zur Erlernung des Handwerks und einzelner technischer Fächer erforderlich sein kann, in die jüd. Volksschule einzuführen. b) Die armen Kinder in der schulfreien Zeit zu beaufsichtigen und zu beschäftigen. Als Ausgangspunkt dieser Bestrebungen ist zunächst in's Auge gefaßt: Die Unterweisung in Gartenbau, Obstbaumzucht und Handfertigkeitsübungen als Unterrichtsgegenstand in den Lehrplan des jüd. Lehrerseminars zu Hannover zu bewirken und die Erziehung in angegebener Weise bei den Kindern der mit jener Anstalt verbundenen Uebungsschule, weiche, etwa 60 an der Zahl, fast ausschließlich den ärmeren Klassen angehören, zu erstreben. Es sollen hierdurch einerseits die jüd. Volkslehrer, mit den nöthigen Fähigkeiten und Kenntnissen ansgestatlet, Liebe zu diesen Fächern gewinnen und in ihrem späteren Berufskreise durch Unterweisung und Selbstbethätigung auf die Kinder der Volksschule diese übertragen können — ganz abgesehen von den praktischen Vvrtheilen, welche dem jüd. Bolkslehrer gleich dem christlichen hieraus erwachsen können. Es sollen aber andrerseits und vorzüglich bei den die Uebungsschule besuchenden armen Kinder» die oben bereits angedeutete Erziehung und praktische Heranbildung angebahnt werden. Als Mittel zur Erreichung der erstrebten Ziele sind in Aussicht genommen: a) die zu diesem Zwecke erforderlichen und entsprechenden Baulichkeiten herzustellen und ein geeignetes größeres Grundstück hierfür zu erwerben. b) die Geldmittel zur Ausführung obiger Pläne aufzubringen. In wohlwollender Weise sind uns zu diesem Zwecke von einem nicht genannt sein Wollenden vorläufig 30,000 M. schenkungsweise zur Verfügung und auch von anderer Seite ansehnliche Beiträge in Aussicht gestellt worden, aber noch reicht dies bei Weitem nicht hin, um an die Verwirklichung der angegebenen Ziele herantreten zu können".