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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-12-10 · N° 50. (10.12.1885) · p. Seite 382

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 50. (10.12.1885)
Date
1885-12-10
Page
Seite 382 (sequence 4)
Language
German
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382 — L. -Leipzig. (Or.-Corr.) Der geistvolle und sonst so scharfblickende vr. Jellinek hatte das von Pror. Delitzsch Hierselbst in's Leben gerufene institutum judaicum hoffnungsvoll begrüßt. Er glaubte darin eine Art wissenschaftlichen Austauschs zwischen Christenthuin und Judenthum erblicken zu dürfen! Leider aber steht dem biederen Herrn Prof. Fr. Delitzsch noch höher als die Wissenschaft. —die Missionsthätigkeit unter den Juden. Diese Institute sind sammt und sonders nichts Anderes, als eine moderne Nachahmung jener wissenschaftlichen Curse, welche der Doniimkanergeneral de Pcnnaforte für Hebräisch und Arabisch halte cinrichten lassen. Darum ist äußerste Vorsicht geboten, daß nicht als ein kleines Körnchen wissenschaftlicher Leistung begrüßt wird, was als verwundete Kugel gegen Israel geschlendert wird. Delitzsch und seine Jünger sind cs auch, die die monströse Neubeiebung des Judenchrislenihums inscenirt haben, dessen Vertreter — wie die Faiseurs jetzt selbst zugcstehen — die Gebrüder Rabbinowitsch sind!*) Zudem scheint die Bewegung einen Verlauf zu nehmen, der den Herrschaften nicht paßt, Toch das intressirt uns nicht mehr. Die Rabbinowilsch uud Consorten sehen wir schmerzlos von uns scheiden. Interessanter sind uns die unireiwilligen Geständnisse, welche (in „SaatausHvffnung" von Prof. Franz Delitzsch) über die Mittel der Mission gemacht werden. Zuerst sind's kleine Weihnachtsgaben (S. 71), mit denen man die Halbgewonnen fcsthält. (Woher man zu einem „Proselytenwaisenknaben" kommt, ist freilich räthselhaft. Alle Slaatsgcsetze wehren dem Ueberlritte Unmündiger!) Da heißt cs u. A.: „(©. 88.) In den letzten Jahren, als die Juden aus „Rußland und Rumänien der Verfolgung halber zahlreich „nach dem hl. Lande flüchteten, bot sich der Judenmission „in Jerusalem günstige Gelegenheit, näher an die Jude» „heranzutrctcn. — „Man hat des Geldes nicht geschont, „um Barmherzigkeit an den Feinden des Kreuzes Christi zu „üben*. — Nun folgt die sonderbare Bemerkung, „daß man „jüdische Noth gelindert, ohne alle propagandistische Zudringlichkeit", welche sofort in's rechte Licht gestellt wird durch die folgende Bemerkung: „Allerdings geschah es, daß jene armen Emigranten, „als die Mission u. s. f., — die hergebrachten Vorurtheile „gegen das Chrsitenthum fallen ließen; sie fühlten sich auge- „zogen und zu Dankbarkeit verpflichtet, so daß sie sich nicht „widerwillig der Predigt vom Kreuze entzogen". Kann das alte gräßliche Bild von dem Bekehrer, der Brod in der einen, das Kreuz in der andern Hand haltend, der Jammergestalt zurust: „Küß und iß" — schlimmer erneut worden, als es hier in Artus, als es überall von der Mission geschieht? Nicht Belehrung und Ueberzeugung, sondern Stillung des Hungers wirbt die Taufzöglinge. Das wird im Weitern noch offener ausgesprochen, da wird den Kindern der Ungetansten der Christbaum entzündet „und sie hinge- „wiesen auf das Christkindlein." Und dabei kommt das Eingeständniß, daß das Brod nicht stark genug ist, das „Judenthum aus den Herzen Alles zu jagen (S. 95). „Sollten auch manche von hier fortziehcn, ohne den Heiland „durch die Taufe bekannt zu haben" u. s. f. Von Rußland wird zugestandcn, daß die Missionsarbeit gefördert wird, weil: „die Juden hier nicht im Vollbesitze bürgerlicher Rechte „sind. (S. 177.) — (S. 179.) „Eine gesunde Missions- „praxis dürfte nicht taufen, ohne garantirtes Unterkommen „der Täuflinge, im Osten schreibt der thatsächliche Nothstand „die umgekehrte Praxis vor. Erst die Taufe, denn nur so „ist eine Möglichkeit fester Anstellung. Aber wer tauft, „muß die Anstellung selbst erst suchen, und findet er sie „nicht, wer hat für die Täuflinge zu sorgen?" — Wie man in Rußland Juden den Uebcrtritt zu erleichtern sucht, indem man ihnen Beschneidung (neben der Taufe) und Sabbath als nationale Eigenthümlichkeiten läßt, so haben *1 So sind jüngst durch das dust. jud. „zwei Predigten" von Rabbinowitz, aus dem Hebräischen in's Deutsche übersetzt, bcrausgcgcben worden zum Zwecke der Projclytenmacherei. Vor Ankauf wird gewarnt! die Herrnhuter im vorigen Jahrhundert unter dem Grafen von Zinzendorf mehrmals den Jomkippur durch einen Gottesdienst gefeiert — was von Neuem zur Einführung angeregt worden ist. — (So interessant die Angaben über die Liturgie für diese Feier auch sein mögen, so gebricht es uns doch an dem genügenden Raum zum Abdrucke derselben. Red.) lind das Alles nützt Nichts. Denn so heißt cs S. 88. „Auch ist die Mühe und Arbeit (den Hammer des Gotteswortes auf das felsenharte Herz der Juden zu erheben) „nicht ganz ohne „Erfolg geblieben, denn hie und da ist es doch — gelungen, „einige Stücke von jenem Felsen abzuschlagen. Im Großen „und Ganzen aber ist er wohl „erschüttert" (?), aber noch „nicht gesprengt. Es wird noch viel mehr gebetet und gcar« „beitet werden müssen, wenn der riesige Block zerschmissen „werden soll." Also das ist des Pudels Kern! I-. Dresden, im December. (Or.-Corr.) Die Notiz in Nr. 49 Ihres gesch. Blattes ergänze ich noch dahin, daß der erwähnte Re>chstagsabgeordnete Baumeister Hartwig durch sein geräuschvolles, nach jeder Richtung hin Anstoß erregendes Anflrcten bald „abgewirthschastet" haben dürfte. In den Landtag wurde er nicht gewählt, in den Reichstag wird ihn Dresden nicht wieder senden und im Stadtverordneten- Colleg ist seine Partei desorganisirt. Seine „Wahrheitsliebe" — bekanntlich eine specielle Eigenthllmlichkeit antisemit. Führer — hat ihn schon in manche Polemiken und Prozesse verwickelt. Eine scheinbar rein technische, durchaus nicht judenfreundliche Abänderung der Ordnung in den officiellen Kirchennachrichten (veranlaßt durch eine Diöcesanversammlung, Antragsteller: Consiitorialr. Super. vr. Dibelius) weist der Synagoge den letzten Platz, nachdem 45 Jahre deren Gottesdienst als am Sonnabend statthabcnd zu oberst ohne Seelenschaden für die Dresdener verzeichnet waren. In Rücksicht auf eine im Jahre 1879 stattgehabte größere Mendelssohnfeier gelegentlich des 50jährigen Jubiläums deS hies. M.-Vercins sieht der Gcmeinderath von einer officiellen Feier des 100jährigen Todestages ab. Dagegen spricht am 8. d. M. im Brüder - Verein das Ehrenmitglied Herr Oberrabbiner vr. Landau über „Moses Mendelssohn." Wie alljährlich fand auch dies Jahr eine sehr gut besuchte öffentl. Chanukafeier der dies. Religionschule statt. Dem Gesang des Chanukaliedes, der Ansprache des Oberrabbincrs folgten deklamatorische Borträge. Zum Schluß wurden die Zöglinge mit Kuchen und Obst regalirt. Auf Anregung und durch Vermittelung des hiesigen General-Consuls Carl Mankiewicz (Mitvorsteher der isr. Gemeinde) fordert ein Comits aus den angesehensten Männern bestehend zu Liebesgaben für die Verwundeten des serbischbulgarischen Krieges (selbstverständlich ohne Unterschied der Nationalität und Confesfion) aus. Strekitz i. Mklbg., 1. December. (Or.-Corr.) In einem österr. Blatte las ich, daß die beiden ernannten Herrenhaus - Mitglieder in Budapest, Herr vr. Hirschler und Herr Karl Schwab, in einem Gespräch mit einem hervorragenden Kirchen - fürsten eine derartige Unwissenheit über das Judenthum an den Tag gelegt haben sollen, daß dieser die Aeußerung gethan haben soll: Für das Herrenhaus sind Sie gute Vertreter, aber wenn die Regierung Sie erwählen würde, um in einer jüdischen Glaubenssache mitzuwirken, dann würde ich Ihre Wahl aus allen Kräften verhindern, weil Ihnen jede Kenntniß in Bezug auf den jüdischen Glaube» abgeht! Ohne Zweifel ist dieser Kirchenfürst der Kardinal Haynald, der außer seiner bekannten Judenfreundlichkeit, tüchtige Kenntnisse der jüdischen Wissenschaft besitzt, in dessen Bibliothek eine Menge von Werken jüdischer Autoren ihren Platz gefunden. Suchen wir dagegen in den Bibliotheken der jüdischen Finanzfürsten, welche Traurigkeit, nichts von den bedeutenden literarischen Leistungen jüd. Gelehrten findet man in denselben. . Ein anderes erfreuliches Beispiel, wie die jüdische Wissenschaft in christlichen Kreisen sich immer mehr Aner-

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