Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 50. (10.12.1885)
- Date
- 1885-12-10
- Page
- Seite 381 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 381 — lischen Büchern wird ein Religionsgesctz verkündet, in welchem die Gesetze der Sittlichkeit, die Ethik, der eigentliche Cultus und die des Cultus oder der äußeren religiösen Handlungen einen ethischen Zweck und in ihrer Ausübung mit den Anforderungen der Ethik in Uebcreinstimmung sind. Wir könnten dieses durch unzählige Schriftstellen belegen, wollen uns aber, um nicht zu weitläufig zu werden, auf einige wenige Verse beschränken, nämlich Hl B. M. 19, 2—3 und V. 30. „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige euer Gott". In diesen Worten ist zweifellos das Grundprincip des praktischen Judenthumes uns gesprochen: die KeMgKeit. Höheres als die Heiligkeit, sowohl in der Gesinnung, als im äußeren Verhalten giebt es nicht und vermag der Mensch nicht zu denken. Das höchste Ideal für den menschlichen Geist zum Vorbildc seiner Vervollkommnung ist die Heiligkeit und nur dadurch ist ein solches Ziel ihm gegeben und kann von ihm angestrebt werden, daß ihm die Erkcnntniß geworden: Gott ist der Keikige. (Fortsetzung folgt.) Berichte und Correlpondenren. Deutschland. Berlin, 7. Dccember. Die Commune Berlin hat einen großin Verlust erlitten — ihr Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Wolfgang Strohmann ist gestern Mittag nach kurzem Krankenlager einem gastrisch-nervösen Fiber, verbunden mit einer Lungenentzündung, erlegen. Die Trauerkunde ruft in den weitesten Kreisen die tiefste Thcilnahme hervor, denn er war ob seines mannhaften, Lbcrzcugungslreuen Auftretens und makellosen Characlcrs, sowie wegen seiner persönlichen Liebenswürdigkeit, selbst von seinen politischen Gegnern hochgeachtet. Selbst das conservatire „Deutsche Togcbl." schreibt heute anerkennend: „War der Verstorbene schon durch seine communale Thätigleit berufen, nach seinen Kräften a» dem Wohlergehen der Reiche Hauptstadt mitzuarbeitcn, so hat er sich auch durch seine hervorragende Bctheiligung an den verschiedenste» Wchlthätigkeiisvereinen der Stadt Verdienste erworben, die Jeder, der ihn in dieser Thätigkeit kennen gelernt hat, wohl zu würdigen wissen wird." M ir Ablauf dieses Jahres sind elf Jahre vollendet, seit er sein veranlwortungsreiches, schwieriges und ungewöhnlichen Tact erforderndes Amt übernahm, und die seitdem zu Anfang jeder neuen Sitzungsperiode erfolgte fast einstimmige Wiederwahl des dafür in seltener Weise begabten Mannes legte ein vcllgiltigcs Zeugniß dafür ab, wie sehr man die über jedes Lob erhobene Art und Weise seiner Amtsführung zu schätzen wußte. Seine Unparteilichkeit und Präzisicn in der Geschästslcitung die logische Schärfe, mit der er stets das Rechte zu treffen wußte, verbunden mit einer sich unwandelbar glcichbleibendcn Liebenswürdigkeit im persönlichen Verkehr mit seinen Kollegen, erzwangen selbst die Achtung der wenigen Gegner, welche ihm seit der Neuwahl der Stadtverordneten-Versammlung gcgenüberstanden. Sein Herz war von einer unzerstörbaren Liebe für seine Mitmenschen, namentlich für diejenigen unter ihnen, welche durch des Lebens Noth schwer bedrängt sind, erfüllt, und nie hat er sich durch die unverdienten konfessionellen Anfeindungen, denen er in nicht geringem Grabe und zwar von einer am allerwenigsten dazu legitimirtcn Seite her ausgesetzt war, darin irre machen lassen. Er war der Begründer des „Vereins gegen Verarmung und Bettelei", und sein Werk sind die seit einigen Jahren regelmäßig zusammentrcicnden Kongresse der Armcnpffcger des Deutschen Reiches, welche sich das hohe Ziel vorgestcckt haben, die gesummte Armcnpffcge in einer den Bedürfnissen der Zeit entsprechenden Weise zu organisiren. Auf diesem Gebiete, das seinem warmen Herzen ein unerschöpfliches Feld segensreicher Thätigkeit erschlossen, lagen die eigentlichen Wurzeln seiner Kraft. In der That, wenn alle diejenigen, deren Thränen er trocknen half, denen er Trost und Labung spendete in den Stunden des schwersten Erdenleidens, ihm das Grabgeleit geben könnten, wahrlich, sein letzter Gang würde sich zu einem imposanten Zuge gestalten, wie ihn die Rcichshauptstadt wohl noch nie ihre Straßendurchfluthen sah. vr. Straßmann war stets ein treuer Bekenner des freisinnigen Gedankens, der sich bei ihm mit einer warmen Anhänglichkeit an das Kaiser- und Königshaus einte. Er wußte dieser Empfindung, ohne jemals in Byzantinismus zu verfallen, bei den mancherlei Anlässen, die ihn in seiner Stellung mit den Gliedern unseres Herrscherhauses in nahe Berührung brachten, stets ebenso überzeugten, als männlichen Ausdruck zu geben. Stoch auf seinem Krankenlager wurden ihm Beweise der Zuneigung seitens des Kaisers und Kronprinzen zu Thcil. Er war — so schließt die „Volkszeitung" ihren ihm gewidmeten Nekrolog — ein Jude, aber ebenso an Christen, wie an seine Glaubensgenossen dürfen wir den Mahnruf richten: „Gehet hi» und thut desgleichen". Wir lassen hier einige biographische Notizen folgen: Der Verewigte war am 8. Lctober 1821 zu Rawitsch geboren bat also ein Alter von 64 Jahren erreicht. Lein Lebensgang ivar in Kürze folgender: Nachdem er die Bürgerschule in Raivitfch besucht, ging er nach Breslau, Ivo er am dortigen „Katholischen Ghmnasinm" im Jahre 1842 sein Abilurientencxamcn machte. Bon 1842 bis 1843 studirte er in Breslau Philosophie und betheiligtc sich in hervorragender Weise an der bnrschenschastlichen Bewegung. Sodann ging er nach Berlin, wo er von 1843 bis 1848 Medizin stndirte und sich lebhaft an der Bewegung des letzteren Jahres bethciligte. Im Jahre 1843 trat er als sreiwilligcr Kiimpser bei der um die Losrcißung vom dänischen Joch ringenden Armee Schleswig-Holsteins ein, harrte hier bis zum traurigen Ende aus und wurde wegen Tapferkeit vor dem Feinde zum Offizier ernannt. 1852 kehrte er nach Berlin zurück, wo sich aber anfänglich seinem Staatsexamen die schwersten, politischen Rücksichten entspringenden Hindernisse cntgkgenstellten. Erst im Jahre 1854 konnte er sein Staatsexamen ablegen und wurde im Jahre 1855 nach Ausbruch der Choleraepidemie zum „Cholera- und Armenarzt" ernannt. Jni Jahre 1862 wurde er in die Stadtverordneten-Versammlung und am I. Januar 1875 zum Stadvcrordnetcuvorstcher, inl Jahre 1876 zum Landtagsabgcordnetcn gewählt, welch' letzteres Mandat er erst in diesem Jahre aus Gesundheitsrücksichten niedcrgelegt hatte. Der Verstorbene, seit 1861 vcrheirathete, hintcrläßt eine Wittwe und zwei Kinder, eine Tochter, die sich kürzlich nnt dem Privatdocenten an der hiesigen Universität, Herr vr. Lehmann, verlobt hat, und einen Sohn, welcher Chemie studirt. Zwei Brüder des Verstorbenen sind praktizirendc Aerzte in Berlin, Pros. vr. Frönkel sein Neffe. Sic umstanden sein Krankenbett. Die Leichenseierlichkeit findet Mittwoch, Mittags 12 Uhr im Festsaale des Rathhauses statt, woselbst die Leiche aufgebahrt wird. Der Magistrat, die Stadtverordneten, die Burgcrdeputirten und die BczirkSvorsteher werden in corpore erscheinen. Geladen werden außerdem der Hos, die der Commune Vorgesetzten staatlichen Behörden, die Stadtältesten, die Ehrenbürger und die Presse. Oberbürgernicistcr v. Forckenbcck und die Stadtverordncien Virchow und Löwe werden sprechen. Der Tomchor wird die Trauergesängc ausführen. Sodann wird der Leichcnzug unter Vorantritt eines Musikcorps, dem sich Magistrat und Stadtverordnete in corpore anschlicßen, sich nach der israelitischen Begräbnißstätte in der Schönhauser Allee in Bewegung setzen, woselbst die Beisetzung im Straßmann'schcn Erbbegräbniß erfolgt. Die Feierlichkeit auf dem Kirchhofe wird einen confcssionellen, die im Rathhause einen rein communalen Charactcr tragen. Zkekgard, 30. November. (Or.-Cor.) In diesem gesch. Blatte, Nr. 45, las ich, daß man gern Näheres über die Abstammung des Herrn Simon von Zastrow wissen möchte. — Der Vater des genannten Herrn war mit einer öeborenen v. Zastrow verhcirathet, hatte 5 Söhne, von denen 2 geadelt sind. — Der Vater war Arzt in Polzin und er hat sich schon taufen lassen, vielleicht Ende der 20 er Jahre; als Beweggrund nahm man damals an, daß ein von ihm in einer Raubmordaffaire ausgestelltes Attest nicht für vollgiltig beim Gerichte erachtet wurde; es wurde damals nämlich ein jüdischer Mann im Walde bei Polzin ermordet und beraubt; Andere meinen, daß er auch ein Verhältniß mit seiner zukünftigen Frau gehabt und diese ihn als Juden nicht würde geheirathet haben. — Die Kinder sind schon als Christen geboren. — Die alte Frau Simon war eine nahe Verwandte des Herrn v. Kleist-Retzow. — Diese Mittheilungen habe ich von alten zuverlässigen Leuten. A. A