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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-12-10 · N° 50. (10.12.1885) · p. Seite 380

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 50. (10.12.1885)
Date
1885-12-10
Page
Seite 380 (sequence 2)
Language
German
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— 380 — angesetzt, um die vielgepriesene Einheit zu zerstören. Die allergeringste Veranlassung in einer Gemeinde wird zu einer wichtigen Action aufgebauscht, um orthodoxe Winkelinteresscn und disponible und ausrangirte Chassidim an den Mann und in die Gemeinden zu bringen. Die Orthodoxie, eine Minorität nicht allein der Zahl, sondern auch der Intelligenz nach, aber rührig und nicht wählerisch in den Mitteln, bläst jetzt zur Sammlung, um das, was sie seit Jahren vereinzelt gethan, durch eine Bereinigung sanctioniren zu lassen. Die Constituirung der „Adas Jisroel" in Berlin mit Corporationsrechten, die gleichzeitig mit Hirsch's Appell zusammenfällt, stellt der freien orthodoxen Vereinigung ein schlimmes Prognostikon, und die süßen Worte des Hirsch'schen Aufrufes erinnern nur allzusehr an die Worte und an vas Verhalten einer nichtjüdischen Corporation, an den Jesuitenorden, von dem ein berühmter Staatsmann gesagt: „sie kommen wie die Lämmer und hausen wie die Wölfe". — Wer gesonnen ist, in das „H irs ch'sche Horn" zu blasen und blindlings den Frieden der Gemeinden, die Selbstständigkeit und Autorität ihrer Beamten zu opfern, der mag der freien „orthodoxen Vereinigung" beitreten, und sein Geld dorthingeben, aber sicher können wir auf einen solchen das bezeichnende Wort der Mischnah anwcndcn: '231 pp b? VITO» ITO, das heißt: „er hat sei» Geld gelegt auf eines Hirsches Horn", oder, wie man bei uns sagt, dasselbe zum Fenster hinausgeworfcn. B. Das praktische Jndenthum. Von Landrabbiner Dr. L. Adler I.*) Die jüdisch-religiöse KthiK Ethik — Moral oder Sittlichkeitslehre, (nicht ganz zutreffend „Sittenlehre" gewöhnlich genannt) — und Cultus bilden den praktischen Theil der Religionslchre. Früycr, als der jüdische Staat ein thcokratischer war, oder, nach der im Pentateuch enthaltenen Gesetzgebung, werden sollte, gehörten auch die Rechtsgesetze, die bürgerlichen und kriminalistischen, zu dem praktischen Theile der Religion. So verschieden auch die beiden oben genannten, den praktischen Tbeit der Religion bildenden, Ethik und Cultus, in ihrem Aeußcrcn, ihrer Bedeutung und Wichtigkeit, sind, sie sind in dem Ursprung der Ausübung so verschmolzen, daß ein und derselbe bei Beiden vorhanden ist: nämlich Selbstbeherrschung oder Unterordnung des individuellen oder eignen Willen unter einen höheren, die Gesammtheit beherrschenden Willen. Wie Religion und Philosophie dieselbe Seelenthätigkeit sind: Denken, und zwar ideales Denken, so sind Ethik und Cultus dieselbe Willensthätigkeit: religiöser Gehorsam. Aber sie sind es doch Beide nur psychologisch in der hierbei erforderlichen Seelenthätigkeit der Selbstbeherrschung; als praktische nach Außen objectiv hervortretende Thätigkeiten sind sie überaus verschieden. Daß weder das Gemeinsame noch auch die Verschiedenheit beider allgemein erkannt und beachtet wird, ist sehr zu beklagen. Denn ich bin der Ansicht, ja der Ueberzeugung, das Menschengeschlecht würde viel weiter in der wahren Cultur, die doch unzweifelhaft in der wahren Sittlichkeit besteht, fortgeschritten sein, wenn der Unterricht in Religion ein mehr psychologischer wäre; wenn die Belehrung, sei es in den Schulen, sei es auf den Kanzeln, mehr dahin wirkte, daß der Mensch sich selbst recht gründlich kennen lernt, recht klar und in voller Ueberzeugung *) Als Fortsetzung der Artikel-Serie (I.—IV.): Was thllt uns noth? in No. 37 u. ff. einsieht, wie er ohne diese Erkenntuiß oder bei deren Nichtbeachtung sich selbst betrügt und aus diesem Selbstbctruge die Vernichtung des Lebensglückes hervorgehe. Wenn auch hier der Ort nicht ist, dieses weiter auszuführen, so darf und will ich doch nicht unterlassen, zur Begründung auf einen Seelenvorgang hinzuweisen, der in allem Thun der wichtigste, ja der einzige Factor ist: das menschliche Wollen. Jeder Mensch redet sich ein, er habe seinen Willen und was er that oder nicht that sei lediglich aus seinem Willen hervorgegangcn. Warum? „weil ich gewollt oder nicht gewollt" — ist oft die einzige Antwort, die gegeben wird und gegeben werden kann. Ist ja der Scclcnvorgang, den wir Wille nennen, so verschiedenartig. daß ohne Kenutniß dieser Verschieüenartigkeit eine Beurthcilung und Würdigung der eignen WillenSthätigkeit gar nicht möglich ist. Der Wille besteht in der Entschließung zur Ausführung oder Unterlassung dessen, was zu lhun oder zu lassen in unserer Macht steht. Der Wille bestimmt sich aber nie selbst, sondern er wird bestimmt. Von wem oder wodurch? Er wird es sehr verschiedenartig. Zunächst ist es der innere Trieb des physischen Lebens, der schon im Kinde die Bewegung der Organe bewirkt, auch im Tyiere dessen Thätigkest heroorruft und leitet. Ein lediglich durch diesen Trieb, wie z. B. Hunger und Dnrst, Schmerz und Zorn u. dgl. geleiteter Wille des Menschen ist als menschli cher Wille kein höherer, als der des Thiers. Der im Organismus begründete Trieb ist ferner in steter Abhängigkeit von der Außenwelt, sowohl Naturerscheinungen als Vorgängen oder Ereignissen und Begebenheiten. Wird nun hierdurch das Wollen oder Nichtwollen bestimmt, so befindet sich der Mensch wiederum auf einer nicht viel höheren Stufe geistigen Lebens, als das Thier auch. — Stellt er aber diesen unmitleibaren, oder mittelbar angeregten Triebe» das Denken entgegen, erhebt er sich zu dem begrifflichen") Denken, prüfctid ob vortheilhaft oder nachtheilig, klug oder thöricht, prüft er die Folgen und überlegt die Art und Weise des Verfahrens, dann steht er allerdings auf einer weit höheren Stufe, wenn auch dem Thiere die Ueberlegung sich keineswegs ganz absprechen läßt. Dasselbe gilt auch von der Macht der Gewohnheit. Bon ihr, die als zweite Naturmacht bekannt ist, in seinem Thun und Lassen bestimmt, ist es gleichfalls mit der Willensfreiheit nicht weit her. Wie wir aber oben gesehen haben, giebt es noch ein höheres ein ideales Denken, dessen Inhalt in den übersinnlichen Ideen besteht und als eine geistige Macht auch den stärksten Trieb zu beherrschen vermag. Der durch diese Beherrschung — Selbstbeherrschung — thätige Wille steht erhaben über dem des Thieres und ist — menschlicher Wille. Religion und Philosophie, deren Inhalt das ideale Denken ist, haben deshalb auch einen praktischen Tyeil, indem durch die Hinweisung auf das Bestehen eines höheren Willens, dem der denkende Mensch seinen individuellen Willen unterordnen müsse, die Anforderung eines selbstbeherrschendcn Verhaltens an ihn gestellt wird. Die Ethik, die man auch die Tugendlehre nennt, ist bei beiden, wenn auch nicht in jeder Beziehung gleichen Inhalts, doch in ihren Hauptanforderungen vorhanden, aber nur die Ethik, nicht auch der Cultus, der nur in der Religion einen Bestandtheil bildet. Wir finden deshalb in der heidnischen Zeit Ethik und Cultus von einander geschieden. Bei den Philosophen derselben, ist Ethik, aber kein Cultus, in den Religionen ist ein Cultus vorhanden, aber die Ethik fehlt. Ja der Cultus ist häufig ein solcher, daß er den Gesetzen der Ethik entgegen ist. Man braucht ja nur an den Moloch der Phönizier zu denken, an.die Verehrung der Mylitta re. Erst in den blb- *) Zwischen begrifflichem und idealem Denken ist ein großer Unterschied.

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