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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-12-03 · N° 49. (3.12.1885) · p. Seite 376

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 49. (3.12.1885)
Date
1885-12-03
Page
Seite 376 (sequence 6)
Language
German
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- 376 — und cr ist auch verfolgungssüchtig, wie keine Kirche es je gewesen ist. Der erste Schritt war die Verringerung des Budgets für die Religionen, der zweite wird die Abschaffung des Cultusbudgets sein. Das Hauptargument dafür ist freilich mehr als fadenscheinig. Denn, wenn es wahr wäre daß es Rechtens ist, Niemand zu zwingen, daß er dafür steuere, was ihm nicht gefällt, so würde, wie die „Arch." richtig bemerken, der Bauer sicher seinen Beitrag für die Universitäten, jeder Hasser der Musik und der Theater die Steuer für Opern und Kunstschulen — die Diebe den für die Polizei verweigern. Gegenüber einer solchen Gesellschaftsordnung wäre der polnische Reichstag noch ein Ideal von Gesetzmäßigkeit gewesen. Zkaris. Seltsam, aber wabr! Hier wird schüchtern gegen das lleberwuchcr» der Mi-scbeberach agitirt — das ist eine Refvrmfrage, die in fast allen anständigen Synagogen Deutschlands i Badeorte ausgenommen) längst mit vollständiger Abschaffung gelöst ist. Diese Andacht störenden Ai-sobeberaab haben nicht wenig dazu beigetragen, der Thoravorlesung die ihr gebührende Feierlichkeit zu nehmen. Es ist ja dabei meist nicht aus den „Segen", sonder» auf die „Spende" abgesehen, und diese kann ebensogut durch ein Spendenbuch ohne Ai-sobsbsraob-R eclame geleistet werden. GroHbritannien. London, Ende November. (Or. - Corr.) Die bevorstehenden Neuwahlen ins englische Parlament und deren wahrscheinliche Endresultate bilden augenblicklich das Hauptthema der Besprechung und Unterhaltling in hiesigen jüdische» wie nichtjlldischen Kreisen. Der Umstand, daß die Zahl der jüd. Candidaten für's Parlament diesmal weit größer ist, als je zuvor, ist bcmerkenswerth. So waren z. B. bei den letzten Wahlen nur 10 jüd. Candidaten, von denen 5 gewählt wurden, während jetzt deren 18 sind, nämlich 13 liberale und 5 conservatioe, von denen tvohl die größere Majorität aus dem parlamentarischen Kampfe siegreich hervorgehen dürste. Wie aber das Resultat der fraglichen Wahlen a, ch ausfallen mag, immerhin ist es interessant, zu sehen, erstlich, daß die englischen Juden, oder vielmehr die Repräsentanten derselben, Männer sind, die gerne bereit sind, ihre Zeit und ihre Energie den Interessen des Staates zu dienen, und dann auch, daß ihre sociale Stellung im Lande derart ist, daß sie auf die moralische Unterstützung ihrer christlichen Mitbürger rechnen zu können glauben. Die jüngsten unmenschlichen Vorgänge in Preußen, wobei Tausende unserer Glaubensgenossen dem Elende preisgegeben wurden, sind von drei hies. Blättern und namentlich von der „Times" in gebührender Weise getadelt und als eine Schmach der europäischen Civilisation bezeichnet worden. Ob die Urheber derselben von derartigen Bemerkungen Notiz nehmen werden, ist sehr fraglich, immerhin aber haben diese den Vortheil, daß sie der englischen Nation einen Begriff geben, wie man in Deutschland Recht und Gerechtigkeit handhabt. Aus jüdisch - litterarischem Gebiete ist in jüngster Zeit nur wenig hier erschienen, das erwähnenswerth wäre. Eine Ausnahme hierin macht jedoch die kürzlich von vr. Fried- Iander, Director des Jcws' College, edirte englische Uebersetzung des „More Nebuchim", die auch mit einer lesenswerthen Einleitung versehen ist. Derselbe hat auch in Verbindung mit dem besagten College einen litterarischen Verein gestiftet, wo monatliche Vorträge über jüdische Themata gehalten werden. Die Redaction des „Jewish Chronicle" hat kürzlich den Versuch gemacht, auch ein Predigt-Magazin zu veröffentlichen, und zwar läßt sie jeden Monat eine von den besten hies. jüd. Predigern gehaltene Predigt nebst litterarischen Notizen erscheinen. Am Ende eines jeden Jahres werden diese in einem Separatband zu haben sein, um dadurch zu bezwecken, daß die englische Predigt-Litteratur durch neues werthvolles Material bereichert wird. Ob dies fragliche Unternehmen von gutem Erfolg sein wird, das wird die Zukunft lehren. Bulgarien. Sofia. Die Ereignisse der Balkan-Halbinsel haben die ganze Welt überrascht, die Juden von Sofia aber noch mehr als alle Welt. — Der 6 (b. i. 18.)September war nämlich Freitag,Erew-Jom- Kippur, und gerade wurde in der Synagoge das traditionetle „Kol Nidre" vorgetragen, als die Bevölkerung von Sofia auf die Nachricht von dem Sturze des Paicha von Philippopel und der Vereinigung von Ostrumclien mit Bulgarien sich in weniger als einer Viertelstunde erhob und mit brennenden Fackeln die Straßen durchzogen mit dem Rufe: „Tod den Türken, Hoch das geeinte Bulgarien"! Ein 8 jähriger Knabe kam in die Synagoge und erzählte seinem Vater es sei in der Stadt Revolution ausgebrochen, und daß seine kleineren Geschwister sowie alle Kinder der Stadt weinten und nach den Eltern schrieen. Natürlich wurde der Gottesdienst unterbrochen, und jeder suchte feine Wohnung zu gewinnen. Glücklicherweise verlief alles ohne trüben Zwischenfall, und durch die Angst und Ungewißheit der Dinge, die kommen konnten, verbrachten die Juden eine schlaflose Nacht. In der Frühe begaben sich angesehene junge Israeliten aus die Polizei-Prüfcctur, wo sie, sowohl im Namen der Gemeinde als für sich selbst, der Freude über das glückliche Ereiguiß, wie es damals erschien, Ausdruck gaben, und erklärten zugleich, daß die Juden, da heute ein Tag des Fastens und der Buße sei, heute nichts weiter thun könnten, als an diesem großen und heiligen Tage für das Glück des geeinten Vaterlandes zu Gott zu beten, indem sie sich vorbehielteu, am folgenden Tage sich den Demonstrationen ihrer Mitbürger anzuschlicßen. Der Präsect beruhigte die Delegirten und sagte: „Es ist ein glücklicher Umstand, daß dies patriotische Ereigniß auf einen sür Euch so heiligen Tag füllt. Betet zum Gotte Israel für euch wie für uns! DaS Vaterland wird es euch Dank wissen." — Diese Worte wurden dcnr Grand-Rabbin und dem Vorstande rappvrtirt und der Morgengottesdieust begann um 10 Uhr. Der Grand-Rabbin hielt eine patriotische „Derascha", die auch auf die aus Neugierde anwesenden Christen einen guten Eindruck machte, ebenso wie das Gebet für den Fürsten Alexander von Battenberg. Sonntag, de» Tag nach Jom Kippur, begab sich der GrandRabbm von 2 Notabeln begleitet zum Minister des Innern; sie beglückwünschten ihn im Namen der jüdischen Gemeinde und versprachen deren Mithülfe. Der Minister dankte und sagte: „Das Land, die Regierung und S. H. der Fürst erwarteten von den Juden, daß sie den Umständen entsprechende Opfer von Geld und Blut zu bringen bereit sein werden". Die Subscription begann sofort unter den Juden und noch während des Sukkothfestes wurden dem Staatsschätze 12,000 Frs. zugeführt, während die Subscriptiou noch sortdauert. Andererseits hat sich eine große Anzahl junger Leute freiwillig als Soldaten eingereiht und bilden nun eine Legion von 300 Mann, die sich den von Widdin, Sistova, Rustschuk rc. Kommenden anschloß — In Philippopel bewiesen die Juden sich als treue Anhänger der Türken, und erklären auch später, sie würden der neuen Regierung nur dann gehorchen, wenn S. M. der Sultan auf seine Rechte als Padischa verzichten und diese dem Fürsten Alexander öffentlich einräumen würde. Sowohl der Patriotismus der bulgarischen, als der der türkischen Juden verdient alle Anerkennung. Vermischte und neueste Uachrichte». Magdeburg. Aus Kerpen, (bei Köln) erhalten wir folgende Mittheilung: In Nr. 46 Ihrer gesch. Wochenschrift bringen Sie die Notiz aus der Wiener „Sonn- und Montags-

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