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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-12-03 · N° 49. (3.12.1885) · p. Seite 374

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 49. (3.12.1885)
Date
1885-12-03
Page
Seite 374 (sequence 4)
Language
German
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— 374 — Reichsraths-Abgcordnete, vr.I. S. Bloch, früher Rabbiner zu Floridsdorf, seiner Landsleute und Glaubensbrllder sich nicht mit Aussicht auf Erfolg annehmen können? DaS wäre in vielen Fallen WE3 ITtpB. Wie bekannt, haben manche Ausländer, welche in Preußen mit Ausweisung bedroht waren, das Jndigenat in anderen deutschen Staaten erworben, um so unbehelligt in Deutschland leben zu können. Auch diese Procedur scheint nicht mehr zum erwünschten Ziele zu führen. Es erscheint mir schier unbegreiflich und doch meldet mir eben ein Gcmaßregclter aus Amsterdam, er habe ins Ausland flüchten müssen, obgleich es ihm gelungen war, vor mehreren Monaten in Sachsen-Coburg-Gotha das Jndigenat zu erlangen. Wie der Betreffende mittheilt, ist ihm die Naturalisationsurkunde in Preußen abgenommcn und er mit Frau und Familie des Landes verwiesen worden. Nach diesen Anzeichen müssen wir noch auf manche traurige Ucberraschungcn gefaßt sein. Gott bessere es bald! Kan»over, 22. November. (Or.-Corr.) Der Vorstand des Vereins zur Errichtung einer jüdischen Altersversorgungsanstalt und Krankenstation hat jüngst über den derzeitigen Stand seines Unternehmens ein Circular erlassen, betreff dessen ich in Nachstehendem meiner Reporterpflicht genügen möchte. Die Idee zu einem jüdischen Krankenhause hier am Platze ging ursprünglich von dem sel. H. Oppenheim aus, der bekanntlich ein Orthodoxer Hirsch'scher Observanz war und diesen Gedanken durchzusühren suchte, trotzdem das städtische Krankenhaus in liberalster Weise jüdischen Kranken zur Verfügung stand und steht und der Magistrat s. Z. sich sogar erboten habcne soll, eveut. auch eine jllv. Station einzurichten. Daß daher diese Idee auch in jüdischen Kreisen ihre principiellen Gegner hatte, liegt auf der Hand und ihnen ist es vielleicht mit zu danken, daß die ursprüngliche Idee dahin erweitert wurde, daß man auch eine Altersversorgungsanstalt mit in den Plan aufnahm. Unseren Ansichten würde es freilich mehr entsprochen haben, wenn man sich darauf beschränkt und die ursprüngliche Idee ganz fallen gelaffen hätte, denn zu einer bcs. jüdischen Krankenstation liegt bei uns in Hannover ein zwingendes Bedürfniß nicht vor. Jndeß, daran wird sich jetzt nichts mehr ändern lassen. Das Project ist nunmehr, wie das Circular ausführt, davurch in ein anderes Stadium getreten, daß jüngst dem Vereine durch die Hochherzigkeit der sel. Frau Amalie Cohn ein Geschenk von 18.000 M. und durch de» gleichfalls inzwischen verstorbenen Herrn Carl Detmold 6000 M. als Geschenk zugeflossen sind. Der Vorstand hat nun nichts Eiligeres zu thun gehabt, als ein bisher zu einer Augenklinik benutztes Gebäude zum Preise von 95.000 M. anzukaufen und darin sein ganzes bis dahin angcsammeltes Geld (ja noch darüber hinaus) zu stecken und nun das Weitere von dem Wohlthätigkeitssinne unserer Gemeindemitglieder zu erwarten, an welche der gegenwärtige Appell nun gerichtet ist. Ob es im Allgemeinen practisch und wohlgethan war, schon jetzt mit einem Hauskaus vorzugehen, mag für heute unerörtert bleiben, doch wollen wir die Bemerkung nicht zurückhalten, daß erfahrungsgemäß solche zu ganz anderem Zwecke hergerichtete Gebäude für den neuen projectirten Zweck in der Regel so große Mängel zeigen, daß man nur zu bald zu der Einsicht kommt, daß ein Neubau besser und billiger gewesten wäre. Trotzdem wünschen wir, wie die Sache nun einmal liegt, dem Untennehmen den besten Fortgang, freilich in einem etwas modificirten Sinne, wie der sel. Herr H. O. es sich gedacht hat. Kanuover. Da ich bisher über den letztjährigen Rechenschaftsbericht des Vereins „zur Unterstützung israelitischer Armen und Beseitigung der Hausbettelei" in der Synagogengemeinde zu Hannover in diesem Blatte nichts erwähnt gefunden habe, so gestatte ich mir, nachstehend Einiges daraus mitzutheilen. Legt er doch ein glänzendes Zeugniß ab für den in der That großartigen Wohlthätigkeitssinn unserer Gemeinde. So betrugen im abgelaufenen Rechnungsjahre die Beiträge von Mitgliedern M. 11.671,50, wozu noch an Geschenken M. 769 und Zinsen mit M. 78,81 treten, zusammen also M. 12.519,31. Davon sind verausgabt: 1. Unterstützungen an hiesige Arme in wöchentlichen und monatlichen Raten M. 2205,40; 2. einmalige Unterstützungen an hiesige Arme M. 3619.60; 3. Darlehen und Vorschüsse M. 3423, bis 31. März 1885 zurllckgezahlt M. 2405,25, M. 1017,75; 4. Unterstützungen an durchreisende Arme M. 3532,75; 5. Anthcil an der mit der Armen-Commission der Synagogcngcmeinde gemeinschaftlich vorgenommencn a) Naturalienvertheilung M. 948,70, b) Vertheilung von Geld und Mazzos und Speisung am Pessachfeste M. 430,72, M. 1379,42; 6. Gehalt und Remunerationen M. 870; 7. Drucksachen, Porto und Diverses Mark 111,20, zusammen M. 12.736,12. Da der Verein 334 beitragende Mitglieder zählt, so beläuft sich somit der durchschnittliche Jahresbeitrag eines jeden auf ca. M. 32 pro aono. Die Anforderungen von Unterstützungsbedürftigen sind indessen in diesem Jahre so stark gewesen, daß der Verein trotz der vergrößerten Ausgaben nur einen mäßigen Thcil der an ihn gestellten Gesuche befriedigen konnte. Woherdas? Fast sämmtliche Unterstützte sind erst in dem lctzien Dccennium von auswärts (Ostpreußen, Posen rc.) nach dort gezogen, zum Theil wohl durch den hier herrschenden Wohlthätigkeitssinn dazu veranlaßt. Und dem gegenüber drängt sich doch die Frage aus, ob es wohlgethan ist, in so ausgedehnter oder gar noch forcirterer Weise diesem Wandertrieb jener uncivllisirten, mit Unsitten aller Art behafteten Leute Vorschub zu leisten. Vielleicht wäre auch hier weniger — mehr. Die Zabl der durchreisenden Armen ist von 1203 im Vorjahre aus 1250 gestiegen, doch ist die Ausgabe für dieselben, die theils in baarem Gelde und zum kleineren Theil in der Speisung am Sabbath und an Festtagen bestehen, von M. 3818,40 auf M. 3532,75 ermäßigt. Pro Kops durchschnittlich also fast 3 M., — unseres Erachtens viel zu hoch! Die auch in diesem Jahre in Gemeinschaft mit der Armen-Commission der Synagogengemeinde vorgenommene Vertheilung von Naturalien — Kohlen, Kartoffeln, Hülsenfrüchten und Bcod — während der Wintermonate December, Januar und Februar, sowie die zum Pessachfeste vorgenommene Vertheilung bezw. Speisung hat M. 1379,42, gegen M. 1524,08 im Vorjahre, erfordert. Endlich, so schließt der Bericht, haben wir unseren verehrlichen Mitgliedern noch die folgende Mittheilung zu machen: Wie in anderen Provinzen des Königreichs Preußen, so hat sich auch die Königl. Polizeidircction Hierselbst vor kurzer Zeit veranlaßt gesehen, einem erheblichen Theile der hier anwesenden Ausländer, zu dem auch eine große Menge der von uns bislang unterstützten jüdischen Armen gehört, den ferneren Aufenthalt im Königreich Preußen zu verbieten, und ihnen aufgegeben, binnen einer kürzeren oder längeren Frist das diesseitige Staatsgebiet zu verlassen. Nach zuverlässigen Mittheilungen steht auch einem großen Theil der übrigen hier anwesenden ausländischen Armen die Ausweisung binnen Kurzem bevor. Diesen Ausgewiesenen sind außer den nöthigen Zehrungskosten je nach ihrer Würdigkeit sowie mit Rücksicht auf ihre Befähigung oder Nichtbefähigung, sich außerhalb eine neue Existenz gründen zu könncn, noch kleine müßige Beträge in baarem Geld eingchändigt. „Nur durch allseitige rege und dauernde Theilnahme wird es uns möglich werden, von einer besonderen Sammlung Abstand zu nehmen. Bei den noch bevorstehenden, wahrscheinlich noch zahlreichen Ausweisungen werden wir in derselben Weise verfahren, um dadurch — wie das auch in allen übrigen größeren jüdischen Gemeinden geschieht — den trostlosen Zustand der Betroffenen nach Möglichkeit zu mildern". Kamburg, d. 27. Novbr. (Or.-Corr.) „Die hiesige deutsch-israelitische Gemeinde hat einen herben, fast unersetzlichen Verlust erlitten; eins ihrer besten Mitglieder, das, obgleich nicht hier geboren, mit allen Fasern seines Herzens mit ihr verbunden, dessen ganzes Fühlen und Denken nur auf die Förderung der Wohlfahrt der Gcnicindc gerichtet war, Wilhelm Moritz Wolfs ist ihr am 23. dieses Monats plötzlich durch den Tod geraubt worden; doch kam der Tod nicht unerwartet. Seit zwölf Jahren schon, nagte eiu asthmatisches Leiden an dein Leben dieses Mannes mit

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