Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 49. (3.12.1885)
- Date
- 1885-12-03
- Page
- Seite 373 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 373 seines Vaters Rabb. S. R. Hirsch betreffend, sehr aufgebracht ist und seinem Zorne freien Lauf gelassen hat. Was er gesagt und w i e er geschmäht hat, weiß ich nicht, will es auch nicht wissen, weil mir jenes Blatt und die Hirsch'schen Bestrebungen sehr glcichgiltig sind. Wenn der Verfasser des Artikels „Zur Abwehr" dem gen. Blatte energisch entgegen tritt, so ist ihm das nicht zu verargen, denn warum soll er nicht eben so gut eine freie Vereinigung Vorschlägen dürfen, wie die Orthodoxen in Frankfurt. Wenn ich dagegen, weit entfernt ungehalten zu sein, oder zu Pvlemisiren, oder dem perfiden Verfahren in gleicher Weise entgegen zu treten, mit stoischer Ruhe ganz offen bekenne, daß ich mich des orthodoxen Zornes freue, so habe ich kaum nöthig, den Grund hierfür anzugeben. Der Zorn ist ein Beweis, daß meine Ansicht, die Aufforderung des Rabb. Hirsch tverde sowenig den erwünschten Erfolg haben, wie das Austrittsgesetz, die richtige sei. Man ahnt die Erfolglosigkeit und glaubt durch perfide Täuschung und nichtswürdige Verdächtigung die Gesinnungsgenossen gleichfalls in Zorn zu versetzen, damit diese D'Mrn (was bekanntlich im orthodoxen Lager ein Hauptmotiv ist) zeichnen werden. Man wird sich aber verrechnet haben. Noch ist der jüdische Geist nicht so verdummt, das jüdische Herz nicht so versteinert, um den alten Wabrspruch von der allgemeinen Menschenliebe und Alle umfassenden Wohlthätigkeit, über Bord zu werfe» und einer Vereinigung sich anzujchlicßen, die nicht nurunjüdisch, nein die gradczu heidnisch genannt zu werden verdient. Wer, der aus dem Grunde seines Herzens der jüdischen Religion angehört, wird cs als jüdisch-religiös betrachten, die Judenheit zu zerreißen und einen großen Theil jüdischer Glaubensgenossen aus Gemeinden von der Wohlthätigkeit und Unterstützung activ und passiv ausznschkießen! Läuft der Ausruf nicht mit schamloser Hartherzigkeit darauf hinaus, das alte: „wir sind alle Söhne eines Vaters, unseres Stammvaters Abrahams" zu zerstören? Und warum? weil man in seinem verblendeten Dünkel nur das für wahr, fromm und gut hält, was man selbst dafür erklärt und jeden Widerspruch in stolzer Ueberhebung von sich weist und als ketzerisch verurtheilen zu dürfen sich einbildet! Der orthodoxe Jude, der etwas auf unseren Stammvater Abraham gicbt^ möge sich doch fragen, ob er, dem gesagt wurde, daß er seinen Kindern und Hausgenossen gebieten möge. Recht und Gerechtigkeit auszuüben, der den Muth hatte, die Gerechtigkeit selbst Gott gegenüber in der Frage zu vertreten: „Der Richter der ganzen Erde sollte nicht Gerechtigkeit üben?", sollte nicht auch die Schuldigen verschonen, damit die Unschuldigen nicht schuldlos leiden, ob er, dieser Abraham, einen solchen „Aufruf" unterzeichnen würde? Der orthodoxe Jude, dem der Prophet Jesaias, der allerdings gegen die Orthodoxen seiner Zeit sehr scharf sich ausgesprochen, doch noch ein jüdischer Prophet ist, möge sich aufrichtig frage», ob dieser einen solchen Ausruf unterschreiben würde, durch den der Jude den Juden von seiner Wohlthätigkeit ausschließt, oder der Prophet Jirimiah, oder der Prophet Micha, der die erhabenen Worte sprach: „Es ist Dir gesagt worden, o Mensch, was gut ist, was der Ewige von Dir verlangt: Gerechtigkeit üben, Wohlwollen lieben und auch im Verborgenen mit Deinem Gotte wandeln." Würden diese und andere Propheten einem Vereine beitreten, welcher jeden jüdischen Stammesgenossen, der eine Synagoge besucht, in der die Orgel spielt, von derWohlthätigkeit ausschließt?*) Weiß man denn in Frankfurt und Hannover nicht, daß nach der Lehre des Talmuds die Störung der Eintracht in der Gemeinschaft Israel ein größeres Vergehen ist, alsderGötzen- *) Ja hier «afft der Ritz zwischen dem biblisch-prophetischen Judenthum und dem des Schulchan Äruch! Unsere buchenstabengläubigen Orthodoxen werden sich aus den Sch.-A. Jore Deah c. 251 § 1 und 2, sowie aus die betr. Commeutatorcn berufen. 6lr. rar. z. St. 'Kl -ps -mx 'NI ^22 irx mato X bv “am HpTlC 1? jnp }'3”n; ferner Comm. Schach a. a. O.zu § 2 f'NN X1N1 1Ü5NL71 li)D “HDKT Diese Bestimmungen vertragen sich allerdienst? Doch wozu noch ein Wort hierüber verlieren? Man kann von einer Widerlegung nur dann sich Erfolg versprechen, wenn cs denGegncrn umWahrheit zu thun ist. Kann man aber das bei Leuten voraussetzen, die statt sachlich zu rechtfertigen, stets nur persönlich werden und durch Verdächtigungen, Verunglimpfungen u. s. w. den Gegner besiegen wollen? Für mich ist dieser Gegenstand abgeschlossen. „Jeschurun" oder jedes andere Blatt mag noch so viel schmähen und lästern, ich werde nichts darauf erwidern- Rur das Eine will ich noch bemerken: Schon die Aufforderung zur Gründung einer solchen Vereinigung ist ein so großes Chillul Haschem, wie ich mir ein größeres nicht zu denken vermag; sollte dieselbe aber trotz aller Abmahnung zu Stande kommen, so würde dieses aiPTI SlSn so constant werden, daß die llrheberschast ganz entschieden als B'3T1 NX X’tonü bezeichnet werden müßte, denn die Folgen würden für Judenthum und Juden von unberechenbarer Schädigung sein. — Aus Schlesien (Or.-Corr.) Ausweisungen über Ausweisungen und kein Ende! Aus die Gefahr hin, die Unzufriedenheit und den Unmuth Ihres Correspondenten aus Beuthen wieder zu erregen, muß ich zu meinem eigenen großen Mißbehagen wieder über Ausweisungen und ihre traurigen Folgen Bericht erstatten. Gott ist mein Zeuge, daß ich viel lieber Freudenbotschaften aus der Diaspora des schlesischen Israel gemeldet hätte; allein amicus Plato, amicus Socrates, amicissima veritas. Darf man päpstlicher sein, als der Papst? Darf man sich scheuen, das Kind beim rechten Namen zu nennen? Mein Bericht über Ausweisungen in Königshütte stützte sich auf die von verschiedene», unabhängigen, schlesischen Tagesblättern gebrachten Mittheilunge», welche bis heute nicht widerrufen worden sind und die auch„ich noch heute aufrecht erhalte. Leider scheinen die Ausweisungsmaßregeln noch lange nicht bei ihrem Endpunkte angelangt zu sein. Die Kreise Rybnik- Pleß, in welchen früher von Ausweisung österreichischer Untenhanen Nichts verlautete, werden jetzt davon betroffen. Im Kreise Rybnik richten sich diese Verfügungen fast ausschließlich gegen unsere Glaubensgenossen. Selbstverständlich hat man darin keine Animosität der Behörde zu erblicken, allein facta loquuntur. Mehrere Glaubensgenossen haben mir ihre Ausweisungsordre vorgezeigt. Ich ersehe daraus, daß die Exccutiv-Behörde jetzt allerdings vorsichtiger zu Werke geht, wie ehedem. Sie setzt sich, ehe sie die Ausweisung verhängt, mit der Behörde in der Heimath der Auszuweisenden in Verbindung und vergewissert sich vorher, daß die Heimathsbehörde der Üebersiedelung der Auswanderer keine Hindernisse in den Weg legt. Weil viele Auswanderer von der Heimathsbehörde zurückgcwiesen wurden, unterhandelt man vorher mit der Behörde im Ausland- Um so kürzer ist aber die Frist, welche man nunmehr den Ausgewiesenen gönnt. So sind mir Fälle bekannt, in welchen Oesterreicher galizischer Provenienz, die Preußinnen geheirathet. seit 7 rcsp. seit 14 Jahren Frau und Familie hier kümmerlich aber rechischaffen durch Handel oder Gewerbebetrieb ernähren, die Aufforderung erhielten, binnen 14 Tage» das preußische Gebiet zu verlassen, weil ihnen die Rückkehr in die Heimath offen stehe. Werden aber auch die Aermsten sich sofort in ihrer Heimath eine Existenz gründen können? Wie sollen sie, ihre Frauen und zahlreichen Kinder ihr Dasein fristen, bevor sie Brot und Erwerb in ihrer ursprünglichen Heimath finden? Wenn doch die Hilfs- Comuö's, welche sich ad hoc in Galizien gebildet, auch unser» unglücklichen, unbemittelten Glaubensgenossen mit Rath und That zur Hand gehen wollten! Sollte der dings nicht mit den Grnndprincipien der auf Alle sich erstreckenden Wohlthätigkeit, von denen das wahre Judenthum durchweht ist. (Wir begreifen deshalb auch recht wohl die von einem solchen orthodoxen Rabbiner uns gemachten Bedeuten bezüglich des Bcüritts zum Orden der B'nai Brith, der an das prophetische Judenthnm anknüpst und die praktische Wohlthätigkeit nach den umfassendsten Grundsätzen der allgemeinen Menschenliebe den Ordensbrüdern zur heiligen Pflicht macht.)