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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-12-03 · N° 49. (3.12.1885) · p. Seite 372

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 49. (3.12.1885)
Date
1885-12-03
Page
Seite 372 (sequence 2)
Language
German
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— 372 — ruitg der wenigen Glaubensstarken, die ihr Leben, aber nicht ihren Gott lassen wollen: „dies ist das Wort des Herrn an Serubabel — nicht durch Heeresmcnge und nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr Zebaoth". — Auch der Thron der Hasmonäer stürzte zusammen; der Tempel wurde zum zweiten Male zerstört. Das Riescnnetz der römischen Weltherrschaft hatte auch Israel umstrickt, ein Netz der qualvollsten Tyrannei. — Auch die Maschen dieses Netzes lockerten sich, lösten sich auf, doch für Israel nur, um neuen Fesseln Platz zu machen. Die finstern Jahrhunderte des Mittelalters umwölkten den Horizont der Geschichte: die ganze Welt stand Israel feindlich gegenüber, alle Menschen und Staaten reichten sich brüderlich die Hand zur Unbrüderlichkeit gegenJsrael. Zerstreut,zersprengt war Israel, alle Kraft der Volks-Macht war versiegt, alle Heere der Staaten und Völker waren bewaffnet zu seiner Vernichtung. Achtzehnhundcrt Jahre hat diese Schreckenszeit gedauert, bis die Sonne der Humanität am Himmel des Völkerlebcns aufging. Und Israel? Ist es nicht untergegangen in dem achtzehnhundertjährigen Kampfe gegen die ganze Welt? Nein! Gekämpft zwar hat es nicht, ihm fehlten die Heere, ihm fehlte die Kriegsmacht; aber es hat Widerstand geleistet, es hat sich erhalten, sich erhalten durch die göttliche, unsterbliche Kraft seines Glaubens, die unabhängig von den äußern Umständen sich äußert, durch jenen Geist, der im noch so starren Felsenblock Wurzel schlagen und gedeihen kann, bis der Felsen gesprengt und neue Lebenskraft in Fülle sich aufthut: „Dies ist das Wort des Herrn an Serubabel: Nicht durch Heeresmenge und nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige Zebaoth". — Die Sonne der Humanität ist nun über Israel seit einigen Jahrzehnten in den Culturländern aufgegangen, die unermeßliche Schaar bewaffneter Feinde ist zusammengcschrumpft, und selbst der neuerdings wieder aufgewühlte Haß gegen das Judenthum hat in seinen sittlichen Grundlagen sich als so klüglich entpuppt, daß die einige Zeit beängstigend angeschwollene Fluth sich bald wieder verlief. Feinde hat Israel wohl noch genug, denn die Humanität hat noch viele Feinde. Aber Feinde die es wagen, sich offen als Feinde der Humanität zu bekennen und damit ihre Feindschaft gegen Israel zu motiviren, deren giebt es heute nur verschwindend wenige. Nach außen hin hat sich also die Verheißung des Propheten herrlich bewährt: „Nicht durch Heeresmenge und nicht durch Macht, sondern durch meinen Geist" — Wie steht es aber im Innern Israels? Soll ich in den allgemeinen Wehruf cinstimmen und sagen: Traurig, sehr traurig. Nein! Am Chanukafeste wäre das eine Verhöhnung der tröstlichen Erinnerungen. So schlimm, als es zur Zeit des Marathias in Israel stand, kann es niemals in Israel stehen. Eine Zerfahrenheit, wie in den Jahren, die den ruhmreichen Makkabäer-Thaten vorhergingcn, war nie wieder in Israel und kann es nie geben. Auch für unsere Zeit wird die Devise des Chanukafestes: „lo bechajil w’lo bekoach ki im beruchi“ seine Wahrheit behaupten. Die beiden Extreme, die das Judenthum im Innern gefährden, erscheinen in der Form des und H3, der großen Menge und der blinden Gewalt. Unzählbar ist die Legion des Jndifferentismus und blind, roh, unbeugsam erscheint die Kraft, die Gewalt, die Gewaltthätigkcit des Fanatismus. Auf der einen Seite die Heeres men ge der in Gleichgiltigkeit Wurzelnden, denen es ganz einerlei ist, wie sich die Menschen ihren Glauben zustutzen, wenn sie selber nur Ruhe haben, derer, die von Religion nichts wissen wollen, — und auf der andern Seite die starrköpfige Schaar der aus falscher Religiosität Denkfaulen, die sich für unfehlbar halten und Andersdenkende — überhaupt Denkende — verketzern. Nun, dieser Fanatismus wird früher oder später eine Beute des Jndifferentismus. Das ist nur eine Frage der Zeit. Und der Jndifferentismus, wenn er erst diese seine providcntielle Bestimmung erfüllt hat, wird aus sich die Flamme der Begeisterung schon hervorlodern lassen. Der Jndifferentismus hat insofern auch eine Mission, freilich eine auch für ihn verhängnißvolle. Man traut dem Judenthum keine andere Kraft zu, als die des Buchstabenglaubens, und um das Judenthum nicht zu entkräften, überläßt man den Fahnenträgern des Buchstabenglaubens das Terrain, ja, erkennt es ihm sogar noch als rechtmäßig denen gegenüber zu, die in dem Judenthume einen göttlichen Geist erkennen. — Das schadet aber nichts: Der Jndifferentismus hat es nicht nöthig, dem Fanatismus den Krieg zu erklären; unbewußt, ohne daß er es will, verwittert in seiner Atmosphäre die Felsenhärte des Fanatismus. Mögen sie sich auch hie und da brüderlich die Hand reichen, sich umarmen und einander „die Hände waschen" — das schadet nichts, im Gegentheile: je intimer Judifferentismus und Fanatisnius zu einander stehen, desto schneller ist der Sieg des Jndifferentismus entschieden. Und wenn erst dieser gesiegt haben wird, dann wird er sich selbst besiegen, denn dann wird der göttliche Geist des Judenthums sich seine neuen Propheten-Jllnger erwecken, er wird in seiner schlackenlosen Reinheit, in seiner erhabenen Majestät vor den Augen der Menschheit erscheinen, und wo die Herrlichkeit Gottes in ihrer Wahrheit erscheint, da giebt cs keine Gleichgiltigkeit! Nur wo blindes Buchstaben-Götzenthum den Thron des Göttlichen usurpirt, da feiert die Gleichgültigkeit ihre Orgien.*) Nicht der Jndifferentismus ist unser Unglück, sondern der Fanatismus. Schaffet diesen fort und jener ist beseitigt. Das ist die Lösung des Räthsels unserer Zeit, die ewige Lösung der Räthsel der Ewigkeit. „Nicht durch Heeresmenge und nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr Zebaoth". — Dies war das Wort des Ewigen an den Serubabel des babylonischen Exils und dies ist das Wort des Ewigen an die Serubabel aller Zeiten. Berichte und Correspondenzeu. Deutschland. 3?ora Hlhein. (Or.-Eorr.) Aus dem in Nr. 47 enthaltenen Artikel „Zur Abwehr" ersehe ich, daß der „Jeschurun" von I. Hirsch über meine Acußerungen, den Aufruf *) Ein hochgestellter christlicher Geistliche ries jüngst aus der Gencralsynode den fanatischen Orthodoxen die auch im jüdischen Lager beherzigenswcrthcn Worte zu: „Je unbedingter die Herrschaft einer von innerer Unwahrheit durchzogene» Orthodoxie, desto zügelloser schreitet der nackte Unglaube einher, das Treiben der starren Orthoxie ist schuld an dem Uebcrhandnehmen des crassen Materialismus und des — Indifferentismus".

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