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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-11-26 · N° 48. (26.11.1885) · p. Seite 368

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 48. (26.11.1885)
Date
1885-11-26
Page
Seite 368 (sequence 6)
Language
German
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368 — kennt die Verhältnisse und weiß, daß es nicht eine Bedürfnißfragc ist und daß sie am allerwenigsten in Religiosität ihren Grund hat. Es geht nämlich seit neuerer Zeit ein Zug durch Württemberg mit dem Ziel, die Lehrer und Vorsänger aus dem Kirchcnvorstehcramtc hinauszudrängen. Nach dem Gesetze hat der Rabbiner den Vorsitz und ist der Vorsänger sein Stellvertreter. Um dieses Gesetz zu umgehen, hat nian in Stuttgart zunächst lieben^ dem ständigen Rabbinen noch einen zweiten anzuslcllcn die Absicht und der Zweck ist bereits erreicht, es sitzt dort kein Lehrer oder Vorsänger mehr im Kollegium. In Heilbrvnn liegt der Fall etwas anders; aber mau hat es auch so zu richten gewußt, daß kein Lehrer mehr mitbcrathct. Ulm ist die drittgrößte Gemeinde in Württemberg: warum soll sie nicht auch das gleiche Recht haben, wie Stuttgart und Heilbronn, und sic wird ihr Verlangen auch ausführen durch Anstellung eines Rabbinen. Aber ich möchte nur, daß man das Kind beim rechten Namen nennt und nicht rücklings dem Rcligionslchrer alles in die Schuhe schiebt. Was haben denn die armen Lehrer gctha», daß man sic ans einmal so zurückdrängcn will? Haben sie denn nicht mindestens soviel wie die Rabbiner Euch geleistet? Lasset doch einmal die 12 Rabbinen in W. aufmarschircn und das Nens mene für Lehrer und Rabbiner aussprechcn! Aber — fragen wir — haben wir denn in W. nicht eine K. Jsr. Obcrkirchenbchörde? Ja, freilich! Und dennoch diese Zustände! Merkwürdig an der Sache ist nur das, daß in Ulm der jetzige Religionslehrcr ca. ’/, Menschenaltcr schon mit Segen wirkt, daß er dort alt geworden ist und er nun gerade jetzt nicht mehr genug leisten soll. Das glaube ich. Das wird uns und andern auch einmal nicht besser gehen; wenn wir grau geworden, sind wir auch nicht mehr so begehrt, wie in unserer Jugend. Aber schön ist cs nicht, wenn man die Jugendkräfie ausgenlltzt hat und die Schwächen des Alters nicht auch mit in den Kauf nehmen will. Palästina. Jerusalem. (Schluß.) Zwar ist cs im Jore deah nicht erlaubt, einen Täufling als Schächter anzustellcn, aber nur aus Besorgniß wegen „Terepha" und „Newclah", was doch aber bei einem Secretär wegsällt; auch macht es einen Unterschied, ob Jemand seinen Glauben aus Haß gegen denselben oder aus Eigennutz wechselt: bei dem in Rede stehenden Täufling ist aber bekanntermaßen das erstcrc nicht der Fall. Eine Thora-Rolle, die ein Täufling geschrieben, muß wohl religionsgesctzlich verbrannt werden; das gilt aber gewiß nur von heiligen Scripturen: Mezuzoth, Tcphillin rc.; profane Dinge dürfen aber ohne Zweifel von denselben geschrieben werden. Ich habe als Beweis für diese Ansicht eine der Koryphäen der Aschkenasim interpellirt und den Bescheid erhalten, daß auch Jsserles nichts von diesem ,äin" erwähnt, d. h. ob cs gestattet sei, einen jüd. Gemein de-Sc retär anzu stellen. Daraus ist zu schließen, dies sei gestattet, da sonst Jsserles, der alles Erschwerende citirt, dies nicht stillschweigend übergangen hätte und wäre auch nur eine Nadelspitze groß Unerlaubtheit dabei zu vermuthen, er würde es erwähnt haben".-Wir sehen zwar, daß die Deutschen im Auslände jede Freundschaft mit einem Täufling und noch mehr einem Missionär meiden. Das geschieht aber nicht, weil es religionsgesetzlich verboten ist, sondern weil dies als Ehrensache angesehen wird. Im Auslande ist man im Punkte der Ehre gar sehr empfindlich. Sie besitzen darüber eine ausgcbreitete „Halacha". Aber wir kümmmern uns um diesen Punkt (der Ehre so.) nicht, da kein „Jssur" darüber vorliegt. Für solche Fälle gilt der Grundsatz: „der eine ist empfindlich, der andere nicht. „Nehmen cs ja auch die Aschkenasim im heiligen Lande in Bezug auf Verkehr mit den Missionären nicht so ganz genau. Man braucht sich nur umzusehen! Im Auslande gilt jede Berührung, jeder Verkehr mit einem Neophiten, und noch mehr einem Missionär für verboten, der Verachtetste unter den Verachteten würde keinen Umgang mit ihnen Pflegen; hier im heiligen Lande sind die Neophitew und Missionäre die Würdenträger, die Ersten, die Spitzen in jeder Gemeindeangelegcnheit. Sie haben Zutritt in unser» Häusern und in den Häusern unserer Chacham's, sie sind unsere Aerzte und Vertrauensmänner, sie erbarmen sich unserer Wittwe», sie nehmen unsere Waisen auf und erziehen sie, sie weisen Arbeit zu den Frauen unserer Armen (das bezeugen ja die Missionäre ausdrücklich in ihren Journalen, und wenn sie als Secretäre Vertrauen verdienen, warum nicht auch in ihren Aussagen?). Wenn wir uns von ihnen fern halten, woher soll uns Hilfe kommen? darum, anstatt sie anzuklagen, wollen wir es lieber unfern Chacham's Dank wissen, daß sie in ihrer großen Bescheidenheit ihre eigene Ehre opfern und sich dem Honigwalde der Missionäre nähern, um ihm die Süßigkeit abzugewiunen, und wenn uns der süße Saft, gut mundet, so müssen wir uns auch schon ihren scharfen Stachel gefallen lassen. . . . Man führe nicht die Juden des Auslandes und ihr Sprichwort: „Nicht deinen Honig und nicht deinen Stachel!" gegen uns ins Feld! Wie gesagt, die haben ganz andere Grundsätze in Betreff der Ehre; sie sind sehr verwöhnt, ihre Ehre, die Ehre ihrer Gemeinde, ihres Volkes, ihres Landes ist Ihnen thcurer, als ihr Silber und ihr Gold, und für die Ehre Israels opfern sic ihr Leben. Nach ihren Grundsätzen ist jede Herabsetzung eines Rabbiners eine Entweihung des göttlichen Namens, und jede Entweihung des göttlichen Namens eine Gefahr für ganz Israel, und Gefahr gilt bekanntlich mehr als relig.-gesctzlichcs Verbot. Wir haben darin andere Grundsätze, das gehör! zu den Verschiedenheiten der Sitten der babylonischen und palästinensischen Juden, tvorin überall die Sitte auch maßgebend ist. — Ferner aber giebt es ja doch auch im Auslande jetzt viele Juden, die den Glauben gewechselt, und warum nun diese Vorwürfe über uns? Endlich aber bedenke man: wenn wir den betr. Neophiten entlassen, dann wird die Missionsgesellschast gar sehr über uns zürnen und die Hand von uns abziehen. Wir aber können ohne sie nicht bestehen. In unserer Gemeinde giebt es kein Krankenhaus, wir müssen das Missionshospital benutzen. Auch unsere größten Rabbiner und sonstigen Chacham's lassen sich von den Missionsärzten behandeln, und was soll geschehen, wenn diese erkranken? Einen andern Arzt zu ihnen rufen? das geht nicht: sie sind an die Missionsärzte gewöhnt, an diese glauben sie — können wir denn die Kranken zwingen, einem andern Arzt Vertrauen zu schenken? das Vertrauen aber ist bekanntlich zur Genesung sehr wichtig. Auch leisten die Missionsärzte ihre Hilfe umsonst, geben Medicin umsonst, und diesen Lebensquell sollten wir wegen der Ehre der Juden im Auslande verlassen? Sollen wir, die Armen des heil. Landes, den Aerzten uiiser Geld geben, ihnen jeden Schritt bezahlen, Aerzten, denen wir nicht vertrauen, uns anvertrauen, bloß um den verwöhnten Juden des Auslandes ein Plaisir zu machen, die die Ehre Israels über Gebühr Hochhalten, und uns den Zorn der Missionäre zuziehen? Was beginnen wir, wenn die Missionsgesellschaft alle armen Frauen unserer Gemeinde aus ihrem Hause jagt, woselbst sie Arbeit gefunden haben? Ist es ja bekannt, daß die Missivnsgcsellschaft die Arbeit nicht braucht, sondern nur die Frauen anzulocken bestrebt ist, um ihren Gesang und ihre Gebete mitauzuhören und allmählich an ihren Gottesdienst zu gewöhnen. Wen» die Frauen dort ihre Arbeit verlieren, so werden sie von uns Lebensunterhalt verlangen, während wir aller Mittel entblößt, diesen nicht' gewähren können — abgesehen von noch andern Einzelheiten, die nicht erörtert werden können. — Nach allem dem wird es wohl keinem mehr räthselhaft erscheinen, warum wir uns das Wohlwollen der Missiousgesellschaft zu erhalten bestrebt sind. Auch die löbliche Redaktion und die Leser werden begreifen, daß wir, indem wir einen Täufling zum Verband-Secretär machten, der Missionsgesellschaft ein großes Vergnügen bereiteten. Die Bedürfnisse eines Täuflings sind bekanntlich nicht klein,.

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