Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 48. (26.11.1885)
- Date
- 1885-11-26
- Page
- Seite 365 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 365 — wäre ein offenbarer Unsinn, wenn die Erbauung nicht einer ihrer Hauptzwecke wäre? Es bleibt mir nur »och übrig, daraus hinzuwcisen, daß Alle, die eine Gefahr bestanden, auch noch das D ankgcbet (bÄSUH unmittelbar nach dem zweiten Segensspruch zu sage» habe», worauf die Gemeinde mit einem Segenswünsche antwortet. Wie reimt sich zu dem „reinen Lernen" ein Dankgebet für das Uebcrstchen von Gefahren, ein Dankgebet, welches das Gemllth auf's tiefste ergreift? Darauf giebts nur die eine Antwort, daß das Ungereimte eben nur in dem Gutachten des Genesener Rabbiners, das von Dr. Hildesheimer in der „Jüd. Pr." seine Approbation erhalten hat, liegt. Die Pädagogik des Seminardirectors Dr. Stein in Cassel, beleuchtet von Dr. Goldschm id t-Wcilburg. (Schluß.) Die Pädagogik des Herrn Dr. Stein hat aber noch ein wichtiges Glied. Das Prinzip der „Harmonie" verlangt nach der Ansicht des Herrn Dr. St. unbedingt, daß.... — wer sollte das erwarten? — daß der Lehrer auch siN und ldNIV sei! Nur der Lehrer kann einen gedeihlichen Religions-Unterricht erthcilcn, der zugleich Cailtor und Schächter ist!! Er drückt das freilich etwas anders ans, bei ihm klingt das „harmonischer"; aber was hilft alle Phrase? Der häßliche Kern seiner schönen Phrasen ist doch kein anderer, als das rigorose Resultat: Der Lehrer muß auch Schochet sein! Herr Dr. St. drückt sich sehr geschickt so ans: „Es beruht endlich die Gedeihlichkeit des Religionsunterrichtes darauf, daß der Lehrer außer seiner schulamtlichen Thätigkeit diejenigen Funktionen noch übe, welche eine Verkörperung der Religionslehre, eine Vcrwcrthung und Verwirklichung derselben ausmachen. Was kan» dem Kinde die Wahrheit und Aufrichtigkeit religiöser Lehren einleuchtender mache», als wenn cs den Verkündiger derselben sie selbst öffentlich üben sieht) als wenn eS denselben in Andacht und Würde die heiligen und traditouellen Melodien anslimmen hört) als wenn es das Ideal einer wirklich sromnie» und gottergebenen Beters in ihm erblickt? — Und selbst diejenige Funktion, welche am meisten an die ehemaligen Opfer Priester erinnert" — alias 7112'NL' — „vermag sie nicht bei richtiger Auffassung dem genannten Zweck zu dienen und in die Harmonie des Ganzen sich einzusügen? Niemand wird alsdann sagen, daß die Opfergesetze veraltet seien, wen» er sie in dieser (?) Form immer noch lebendig findet". — Es ist das eine höchst geistreiche Sophisterei — aber dreh Sophisterei. So geistreich diese Apologie der Verbindung des Schüchtamtes mit dem Lehramte ist, so ist sie doch thatsächlich de» Thatsachen entgegengesetzt. Wenn irgend etwas Herr Or. St. in seiner „Harmonie"-Theorie hätte stutzig machen können, so mußte es diese Cvnsequcnz seiner Theorie sein. Man sieht daraus nur wieder, daß Herr Dr. St. das Leben und die thatsächlichen Verhältnisse nicht kennt. Wer diese kennt, weißes, daß nichts im Stande ist, einen gedeihlichen Religionsunterricht mehr zu beeinträchtigen, als wenn der Schüler den Lehrer in der Uniform des Schauchet kennen zu lernen Gelegenheit hat. Der Schüler erblickt in dem Schauchet nicht eine Miniatur-Ausgabe des Hohepriesters in Jerusalem, sondern nichts weiter als einen — Geschäftsmann, der 80 Pfennige oder wie hoch sonst die Schcchitah-Gcbühren sind, als Nebeneinkvmmen verdienen will. Aber was wird denn aus der „Harmonie"? Nun: besteht den» der Gipfel des religiösen Lebens in dem Akt der Schechitah? Würde nicht der Lehrer, der nicht Schochet ist, und dennoch streng nicht nur die Speisegesetzc, sonder» alle Vorschriften der Thora hält, nicht mehr „die Wahrheit und Aufrichtigkeit der religiösen Lehren einleuchtend machen", als wenn er Schochet ist, der ja — wie nicht blos das Kind meint, darum sromur sein muß, weil er Schochet ist, also aus Geschäftsrücksichten? Ich bin ja weit entfernt, die Verbindung der Schechitah und des Cantorats mit dem Lehramte zu pcrhorresziren: es können die Umstände so liegen, daß diese Verbindung nicht zu vermeiden ist. Aber in diesem Roth zustande einen Ideal zustand der Pädagogik zu erblicken — das ist offenbar ein Jrrthum. Wenn dies kein Jrrthnm wäre, dann wäre — der Rabbiner darum der schlechtere Religionslchrer, weil er nicht auch Jtn und 12N1V ist. Nein, das heißt die Dinge auf den Kopf stellen. Da haben unsere Weisen doch richtiger gcurthcilt, indem sie sagten nmp sbl TO IsnS. Je mehr die Frömmigkeit des Lehrers als ein Geschäft erscheinen kann, desto weniger wird sie als eine „Harmonie" mit seiner Lehre erscheinen. Und wenn wir die Lehrer selber fragen, so werden sie alle von der Hohepriester- Würde des Schochet nicht sehr entzückt sein; sie beneiden alle den College», der mit der jüdischen Gemeinde überhaupt^gar nichts zu thun hat. Wie unpädagogisch nach Dr. St.'s Theorie!—Nein, der Lehrer soll die „Wahrheit der religiösen Lehren" nicht durch die Synagogcn-Melodien und die Schechita „einleuchtend" machen, sondern — durch eine gute Methode, durch das richtige Lehrverfahrcn, durch Berücksichtigung des Ratich'schen Grundsatzes, den Katechismus nicht mechanisch auswendig lernen zu lassen, sondern alles gut zu erklären, ja sogar aus der bibl. Geschichte und dem eigenen Geist und Gemüthe des Schülers genetisch zu entwickeln, und seine „Aufrichtigkeit" kann der Lehrer durch sein ganzes sittlichreligiöses Leben einleuchtend machen, nicht durch — das Schlachtmcsser. — Als ob überhaupt das Ideal wahrer Frömmigkeit und Gottergebenheit im Beten und nicht vielmehr ini Leben, im ganzen Sein und Thun, zu verwirklichen wäre! — Diese Darstellung des Herrn Dr. St. ist also sowohl pädagogisch, als auch psychologisch und selbst vom Gesichtspunkte der Religion aus durch und durch falsch. — Die Verbindung des Cantorats, der Schcchita und des Lehramts sind nothwendige Nebel. Wenn der Lehrer sonst ein achtungswerther Charakter und tüchtiger Pädagoge ist, wird ihm diese Verbindung nichts schaden. Ein Hebel seines pädagogischen Wirkens und der ihm zutommenden Verehrung aber ist sie nicht; da sage ich: vox populi vox dei. — Ich will schließen, qbglcich ich mit Herrn Or. Stein noch nicht zu Ende bin. Er spricht auch noch den Gedankenkindern, die noch gar nicht das Licht der Oeffcntlichkcit erblickt haben, mit einem kategorischen „durchaus nicht" das Leben ab. Er macht Winke mit dem Zaunpfahle „harmonischer" Redensarten von „radicalcn Wortführern, die ein gleißnerischcs Lehrgebäude aufstelle», mit welchem ihre Gesinnung in schroffstem Widerspruche steht". — Das will ich aber Herrn Or. Stein großmüthig schenken. Er soll nicht unbeschenkt von mir scheiden. Ich schenke ihm überhaupt alles Persönliche. Mich intcrressirt nur das Pädagogische in seinen Auslassungen; Möge er es in Zukunft ebenso machen, sich nur um den Pädagogen Goldschmidt kümmern und nicht um den Menschen, Rabbiner re. Goldschmidt. Krrichte^und Correspondrnzen. Deutschland. Magdeburg. Das Septemberheft des ital. „Vessillo Jsraelitico", enthält das folgende Antwortschreiben des geehrten Herrn Redacteurs an uns, das auch weitere Kreise interessiren dürfte: „An den geehrten Herrn Rcdacteur der „Israelitischen Wochenschrift" in Magdeburg". In der Nummer 34 Ihrer sehr geschätzten Zeitschrift ist ein Artikel des Herrn L. Cohen (-Rees) enthalten, in welchem berichtet wird, daß in Westfalen von einem Pfarrer den katholischen Christen das Anzünden der Lichter in den israelitischen Gotteshäusern an unfern Festtagen untersagt worden ist. Dieser Artikel schließt mit einer mich ehrenden Bemerkung seitens der werthen Redaction, in welcher der Wunsch ausgedrückt wird, daß ich als Leiter des Vessill»