Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 48. (26.11.1885)
- Date
- 1885-11-26
- Page
- Seite 364 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 364 —' In dieser Hinsicht ist es besonders das vor nicht langer Zeit erschienene Buch von Or. Eduard Reich, ehemaligem Doccntcn der Hygiene an der Universität zu Bern: „Pathologie der Bevölkerung'" welches mit seinen durch nichts begründeten Behauptungen diesem Vorurtheile neue Nahrung zugeführt hat und von den judcnfcindlichcn Blattern in gehässigster Weise zu Angriffen auf das Judcnthum ansgcbcutet worden ist Rach Or. Reich ist die Häufigkeit des Irrsinns beiden Juden deshalb eine so große, weil „die jüdische Religion Grausamkeit und Wiedcrvcrgcltung lehrt, den Egoismus fördert, die nieder» Leidenschaften erregt und dies Alles bei einem geistig thätigcn, von Natur ans zu Rache, Blutgier und Habsuchi neigenden Volke. Je größer die Häufigkeit der Gebrechen innerhalb einer Mcnschengrnppe, desto größer das Maaß von Entartung. Diese letztere wird aber nicht bloß bewirkt durch den Betrieb nervcnaufregendcr Handelsgeschäfte, nicht bloß gefördert durch Berheirathnng Nervöser und an konstitutionellen Uebeln Leidender im enger» und engsten Kreise der Verwandtschaft, sondern mächtig genährt \ durch den Einfluß einer bluttriefenden (!), rachegierigcn Religion, welche zugleich das Weib an Sklavcnkctten (!) schmiedet und, einer Waare gleich, in das Ehebett verkauft. Welches Volk hat mehr Handel getrieben, als daS italienische, heftiger mit Verstand und Phantasie gearbeitet und doch, wie wenig Wahnsinn bei den Italienern. Ich möchte, Alles zusammengenommen, wohl bezweifeln, ob die Juden den Italienern geistig überlegen seien, mehr Phantasie haben, als die Letzteren; aber die Juden sind entarteter durch ihre socialen Beziehungen, durch den Einfluß ihrer Religion; die Italiener sind durch ihre katholische Religion, welche, bei all' ihren schwachen Seilen, doch eine Religion der Barmherzigkeit und Liebenswürdigkeit ist, unzähligen Ursachen des Wahnsinns entrückt worden". Greller kann wahrlich blinde Voreingenommenheit, grobe Unkenntniß und vollständige Verkennung historischer Erscheinungen und Verhältnisse, soweit sie die jüdische Religion betreffen, nicht zu Tage treten! Die letztere gegen diese Beschuldigungen zu vertheidigen, ist denjenigen gegenüber, die sie kennen, unnöthig; denen, die sie nicht kennen, kann nur der Rath crtheilt werden, zunächst die Religionssatznngen des Judenthums genauer zu studieren; und mit denen, welche in Vorurtheilen befangen sind, „kämpfen Götter selbst vergebens". Nur die bescheidene Frage möchten wir dem Verfasser jener Zeilen zur Beantwortung vorlegen, wie es denn kommt, daß in der Geschichte der katholischen Religion, der „Religion der Barmherzigkeit und Liebenswürdigkeit", so viel von Flüchen, von Vertreibungen, von Kcrkerstrafcn, von Marterinstrumenten, von Autodafö's erzählt wird, während die Geschichte jener „bluttriefenden, rachgierigen Religion", der jüdischen, nur erfüllt ist von Seufzern und Thränen und nur berichtet von Leid und Verfolgung! — Wenn wir cs daher auch mit Entschiedenheit zurückweisen müssen, daß in der Religion eine der Ursachen zu suchen ist für die Gebrechen, die unter den Juden Vorkommen, so verdienen dagegen die andern Factoren, die Or. Reich dafür anfllhrt, mehr Beachtung (den Umstand freilich, daß bei den Katholiken die Ehen zwischen Blutsverwandten verboten sind, und ein Dispens nur sehr schwer zu erreichen ist, hat er ganz außer Acht gelassen). Es ist, wie wir selber bereits oben erwähnten, eine Thatsache, daß Nervenleiden und Irrsinn in erschreckenden Verhältnissen unter den Juden anzutreffen sind, und wir können nun einmal unser Auge nicht davor verschließen; ebensowenig vor dem Factum, daß diese Erscheinungen vorzugsweise im Gefolge der Verwandtschaftsehen auftreten. Hier droht eine Gefahr, die, wie die Statistik lehrt, mit jedem Jahre wächst. Möge Jederman, dem die Interessen des Judenlhums am Herzen liegen, mit Wort und That dahin wirken, daß diese Gefahr, soweit cs noch möglich ist, beseitigt werde. Noch ein Wort über den Charakter der öffentlichen Thoravorlesnng. Der in Nr. 46 der „Jsr. Wochenschr." enthaltene Leitartikel über die öffentliche Thoravorlesung*) bezweckte hauptsächlich, de» das Gnesencr Gutachten umgebende» Schein der Gelehrsamkeit als falsch zu erweisen; der Artikel ist auch größtenthcils von Kennern der betreffenden Quellenschriften gewllrdigtjworden. Um den heutigen Ausführungen desselben Herrn Verfassers folgen zu können, sind weiter keine Kenntnisse nöthig, als das Verständniß der hebr. Gebete oder auch nur — der deutschen Ucbersetzung derselben. Der „Jsch Jehudi" schreibt: Man wird mir zugeben, daß die Verfasser und Ordner der Gebete vor und »ach der Thoravorlcsung deren rechte» Zweck doch auch „ein wenig" gekannt und nur diesem entsprechend jene Gebete verfaßt resp. geordnet haben. -Kim bitte ich, die Tefilla zur Hand zu nehmen. Beim Ausheben der Thora aus der h. Lade wird Gott zuvörderst dafür „gepriesen, daß er die Lehre seinem Volke Israel crtheilt hat in seiner Heiligkeit. Konnte der Vers, dieses Gcbetswortes die Thoravorlcsung als etwas Anderes, denn als „eine heilige Handlung" auffassen. Es folgt das chaldäische Stück B'rich sch'meh. Darüber stehen in vielen Gebetbüchern einige Zeilen in rabb. Schrift; ich übertrage sie: „Im heiligen Sohar steht geschrieben, Rabbi Simon sage, 'daß, wenn die Thora zu öffentlicher Vorlesung auSgchobcn lvird, die Pforten des Himmels der Erbarmung sich aufthun und die himmlische AUliebe erregen, und daß man alsdann das B'rich sch'meh beten müsse." (Wie i ch mir, nebenbei bemerkt, diese Worte deute, sind sie sehr schön.) Den sogenannten „Frommen" ist der Sohar „heilig"; diesem aber ist die Thoravorlesung doch etwas Anderes als „reines Lernen". Noch mehr erkennt inan das, wenn man das B'rich sch'meh übersetzt; ich hebe nur einige Sätze bcrvor: „Laß uns Zuströmen dcn Segen deiner Erleuchtung und nimm unser Gebet in Liebe an! Ich stehe hier als Diener des Heiligen, Hochgclobten. Bor ihm beuge ich mich und vor der Würde seiner Lehre zu jeglicher Zeit. Möge cs Dein Wille sein, daß Du öffnest mein Herz für die Lehre und erfüllest die Wünsche meines Herzens!" Ein „Diener des Heiligen", der Gott bittet, den Geist durch die Lehre zu „erleuchten" und „das Herz für die Lehre zu öffnen", ist doch wohl ein „Gottesdiener" selbst im Sinne des deutschen Strafgesetzbuches. Auf die Aufforderung des die vorzulesende Thora emporhebcnden Vorbeters: „Erhebet den Ewigen mit mir und seinen Namen wollen wir vereint verherrlichen!" — erfolgt eine entsprechende Antwort der Gemeinde. Dieses Responsorium allein wäre schon eine Widerlegung des Gnesencr Responsums. — In dem Gebete Wcthigaleh, <N7lIN1), das vor der offenen Thorarolle gesprochen wird, heißt es: „Erweiset Ehre der Thora! Es trete (zum Segensspruch) her der Kvhen!" Hiernach soll also der Segcnsspruch nicht „aus point d’honneur für die Gemeinde," sondern aus point d’honneur für die Thora gesprochen werden. Sodann wird in demselben Gebete die Lehre Gottes (nach dem Psalmisten) als seelcnerquickend und herzerfreuend — das heißt doch wohl als „erbauend"? — gerühmt. Dieses Gebet unmittelbar vor Vorlesung der Thora zu sprechen, *) Das. S. 348a Z. 15 v. o. muß cs heißen: oft ähnlich vor» kommenden (statt: oft vork.).