Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 47. (19.11.1885)
- Date
- 1885-11-19
- Page
- Seite 359 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I — 359 Der Vorstand, davon in Kenntnis; gesetzt, zog es vor, einer immerhin zweifelhaften Auffassung von Seiten des Senats aus dem Wege zu gehen und verzichtete unter Zustimmung des Repräseutentcn-Colleqiums aus den betreffenden Paragraphen, Es wird daher in Zukunft davon abhängen, wie der jeweilige Vorstand die Sache anffassen und, wenn eine Meinungsverschiedenheit eintritt, ivie das zuständige Gericht die Besttmmungcn in den Testamenten deuten wird, welche in säst allen eine hebräische Fassung haben; wie: HSTD1? ptHW1? OT IS ,nSa nojsn. oder ohne die erste Hälfte des Satzes, zuweilen auch durch nn:inrt nsS ausgedrückt sind, bei dreien ist hinzugefügt HBinn "YIK *pYl und zwei enthalten den gleichen Wortlaut in deutscher Sprache, — Ein einziges Testament aus neuester Ze>t knüpft die Bedingung daran, daß beide Ehegatten Juden seien. Danzig, 9. Nov, (Or.-Corr,) Der Segen der Bereinigung der fünf Gemeinden wird immer fühlbarer. Nicht nur die große Synagoge mit ihren 1000 Mänitcr- und 700 Frauensitzen, für deren architek oniichc Schönheit die bewährte» Baumeister Ende und Bökinann aus Berlin zu sorgen berufen sind, wird »ach il rer Vollendung von dem einheitlichen Wirken einer opscrfreiidigcn Gemeinde Zeugniß oblegen*); schon jetzt ist manches Werk entstanden, das bei der früheren Zersplitterung unmöglich gewesen wäre. So wird in diesen Wochen ein Gebäude seiner Bestimmung übergeben werden, welches schon längst geplant und als ein Bcdürfniß anerkannt war, das ist die Leichenhalle auf dem größcreu Friedhöfe der Syuagvgcngemeinde, D esclbc erhebt sich m geschmackvoller Würde, die mit ernster Einfachheit gepaart ist, unten am Fuße des auf dem sogenannten Stolzcnberge angelegten Friedhofes, Dort sollen von jetzt ab den Entschlafenen die letzten Liebcsworte gesprochen werden. Um den nothwendigcn ritucllcu Anforderuugen für die Kohanim zu genügen, ist auf Wunsch des Rabbiners, der selbst ein Kvhen ist, die Halle so gebaut, daß sic ans zwei nach ritueller Vorschrift getrennten Räumen besteht. Am Slifiungstage der Chewrah Kadischah, am 21,Kislev, soll die Einweihung stattfinden. Eine aiidere Folge der Vereinigung ist die einheitliche Verwaltung der israelitischen Armenpflege, Früher konnte durch die Zersplitterung auch auf diesem Gebiete nichts Einheitliches geschaffen wcrdeii; jetzt herrscht auch da Ordnung und guter Geist, beitu Gemeinde und Chewrah Kadischa haben die Verwaltung i» die Hand genommen. Ebenso ist zu berichten, daß die Institutionen der Schechitah, welche früher dadurch im Arge» lag, daß die Schächter nicht als Gcmeindcbeamte» fungierte», durch ge- *) lieber die Ausstellung einer Orgel im neuen Tempel ist von den Gemeindebehörden eine definitive Entscheidung noch nicht ersolgt, Herr Rabbiner Or, Werner wünscht die Einführung der Orgel nicht, ob seiiic Bemühungen von Erfolg sein werden, läßt sich »och nicht bestimntcn, Herr Di, Jellinck antwortete jüngst in der „Neuzeit" einem möhrischen Orgclgcgner Folgendes: „Tie Orgelsragc ist längst von den Gemeinden in Paris, Berlin, Pest, Frankfurt a, M,, Breslau, Hamburg, München, Carlsruhe, Leipzig, Dresden, Cassel, Erfurt, Königsberg u s, w, praktisch gelöst worden, indem die genannten Gemeinden seit Jahren eine Orgel beim Gottesdienste gebrauchen. Diese Gemeinden repräscntiren über MUOtXi Juden, die soviel wcrih sind, wie die Handvoll Menschen in Ihrer Nähe, ivclche gegen die Orgel vpponiren. Heule liegt die Sache so, daß die Orgelsrage eine Frage des Gcmei»desricdcns ist, und nicht ein Object des Schulchan Aruch. Ihr Zurück,veiscn einer Anstellung in einer Gemeinde, die eine Orgel in, Gottesdienste gebrauchte, gereicht ihrer Ueberzcugungstreuc zur Ehre, daraus folgt aber nicht, daß Paris, Berlin, Pest, Prag, Hamburg, Breslau u, s, w, sich ihre Belehrung au« einer kleinen mährischen Gemeinde holen müssen Die Herren Isidor in Paris, Joel in Breslau, Kämpf in Prag, Kays erlin g in Pest, dürsten auch Bescheid wissen über das, was der Geist des Judcnthums gestattet, Ihre Jdcntifieirung der Orgel mit Siandsäulcn, die verboten sind, muß entschiedenzurückgcwicsen werden Eine Orgel ist keine heidnische Standjäule, Es steht Jedem frei, eine Orgel beim jüdische» Gottesdienste abzulchncn, man dars aber nicht die grötztcn Gemeinden der Judenhcit in Europa und Anrerika eines Mangels an Treue zum Judcnihum und an Pietät vor demselben zeihen, weil sie seit Jahren an musikalischen Klängen im Gotteshause sich erbauen," regelte Oberaufsicht jetzt viel strenger controlliert werden können. Die von dem Rabbiner als untauglich bcsundenen Schächter sind pensioniert, vier zuverlässige Beamte und eine größere Anzahl von Aufsehern sind als offizielle, von den Fleischern unabhängige Beamte angestellt. Allerdings bedurfte und bedarf es da einer großen Energie des Rabbiners, um alle Mißbräuche, die früher zu berechtigten Klagen Beranlassung gegeben, zu beseitige» und alles vorschriftsmäßig durchzuführen. 8, Hchueidemützk, (Or,-Corr,) Auch zu uns ist die Mähr von dem delphischen Orakel aus Gnesen gedrungen, wissen wir doch jetzt, wohin wir zu wallfahrten haben, um neue rabbitiische Lehrsätze über den Atlstand in der Synagoge zu höre». Wahrlich, als ich zum erste» Male von diesem Gutachten hörte, stieg mir die Schamröthe ins Gesicht, nicht fassen konnte ich es, daß ein Rabbiner eine derartige Sentenz abgeben u»b damit dem Unfug im Gotteshause Thür und Thor öffnen könnte, — Das menschliche Gefühl, der gesunde Menschenverstand mußte ihm doch sagen, daß mit dem Moment, in wtlchem nian das Gotteshaus betritt, durch die Ehrfurcht, die jeder anständige Mensch de» geheiligte» Raume entgegenbringt, sich schon eine Andacht, ein Gottesdienst kennzeichnet. Wohin soll es denn führen, wenn man cs erst herausdeffniren sollte, bei welchem Theil der Andacht eine Störung zulässig, bei welchen nicht! Um die Haltlosigkeit solcher Ansichten klar zu stellen, bedarf cs erst doch gar keiner Beweise aus den rabbinischen Schriften, traurig genug ist cs schon, wenn der Vortrag aus der Thora anderen gottesdienstlichen Handlungen hinlenangestellt weiden sollte. Mit dem Chi llul ha schein werfen die Orthodoxen sonst nur so um sich, wie es in ihren Kram paßt, aber dieses „Gutachten" wird, fürcht' ich, noch viel Chillul haschem verursachen. Als Gegenstück hierzu sei hier ein Fall, der Kiddusch haschem verursachte, erzählt. In einer westpreußischen Stadt lebt seit langer Zeit der Rabbiner in einem Hause und in Freundschaft zusammen mit einer höchst achtbaren christlichen Familie, Der Sohn dieser Familie studiert Theologie und steht vor seinem Examen, die Aufbringung der Geldmittel müssen nun in letzter Zeit etwas schwer geworden sein, die Mutter des jungen Mannes wend t sich an den dortigen evangel, Geistlichen, aber ohne Erfolg, sie klagt nun ihr Leid dem Rabbiner, dieser verspricht sofort Hülfe, Er begiebt sich zu einigen christlichen und jüdischen Notablen des Ortes und hat sehr bald die erforderliche Summe zusammen; ein christlicher höherer Beamter bat bei dieser Gelegenheit den Rabbiner, wenn letzterer einmal für einen Juden etwas sammle, doch auch wieder zu ihm zu kommen. Ist das nicht Kiddusch haschem, ist das nicht praktisches Judenthum? Heißt das nicht sein Wirken als echter Diener Gottes richtig auffassen? Die Angelegenheit ist aus leicht begreifliche» Gründen sehr discret gehalten und kann daher der Name der Stadt nicht angegeben werden. Aus Württemberg, 9. Novbr, (Or.-Corr.) Der kürzlich hier verstoibene Friseur Sedlmaier (Katholik) hat dem israel. Waisenhaus in Eßlingen 1000 Mark testamentarisch vermacht. Gestern fand in Braunsbach das 25jährige Dienstjubiläum des Rabbiners M, Berlin ger, Sohn des verstorbenen Rabbi Hirsch Berlinger in Berlichingen, unter Theilnahme aller Konfessionen, des Ortsvorstaudes mit den bürgerlichen Kollegien, der Orisgeistlichen und vieler evangel, Geistlichen des Bezirks stait. Die Festrede beim Gottesdienst hielt Lehrer Strauß, Die Gemeinden des Bezirks (Hall, Crailsheim, Michelbach, Ernsbach, Nagelsberg, Oehringcn u, a,) übergaben als Ehrengabe eine wllrtt, Staatsobligativn von 1000 M, und einen silbernen Pokal, die Gemeinde Braunsbach einen Regulateur, auch die politische Gemeinde überreichte als Zeichen ihrer Verehrung ein altdeutsches, schöngearbeiteteS Schreibzeug, Von nah und fern liefen telegraphische und briefliche Glückwünsche ein. *i J I \