Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 47. (19.11.1885)
- Date
- 1885-11-19
- Page
- Seite 356 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mehr und fälscht man schon soweit die Geschichte, daß das „Reichsgcldmonopol" unser» Altmeister Göthe einen Antisemiten nennen darf? Die Antisemitenbewegung ist der ganzen civilisirtcn Welt gegenüber ein Armuthszeugniß für Deutschland und der Inhalt des oben genannten Blattes beweist zur Genüge, daß nur die beschränktesten, wissenschaftlich und moralisch vernachlässigte» Elemente mit solchen Be, strebungcn sympathisiren. Ei» Protestant," Zur Abwehr! (Unter dieser Ueberschrist erhielten ivir vom Verfasser des Leitartikels in Nr, 44 d. Bl,: „Aufruf zur Bildung einer freien Vereinigung für die Interessen des conscrvativ-liberalen Judcnthums" de» nachfolgenden Artikel, dem wir — so gern wir jede persönliche Polemik von uns. Bl, scrn halten möchten — die Ausnahme nicht versagen können, nicht nur aus Rücksicht auf unser» sehr geschätzten, treuen, von Begeisterung für das Jndenttniin erfüllten Mitarbeiter, sondern vor Allem deshalb, weil durch die scheinbar persönliche Polemik doch der Kampf der Principien hindurchleuchtct, dem wir niemals ausweichcn wollen, denn er trägt zur Klärung der religiösen Zeitströmung bet. Nicht in der Unterdrückinig der Ansichten, sondern in der vollen Freiheit der Meinungsänsterung der Vertreter der verschiedenen Richtungen erblicken tvir die Ausgabe der jüd, Journatistik und insbesondere unseres unabhängigen, nur im Dienste der Wahrheit stehenden Blattes, Bei dieser Gelegenheit niöchten wir auch die jüngst von einem orthodoxen Blatte uns in demonstrativer Weise bcigelegte hochchrenvollc Bezeichnung: „Das Organ der Breslauer Schute", insofern damit eine Verantwortlichkeit der letzter» für den Inhalt des erstcrn ausgcdrückt sein soll, bcschcidentlichst zurückivcisen. Die Redaction,) Tic Orthodoxie consolidirt sich: die Flügel sind ihr gewachsen und hohnlachend fletscht sie gegen den religiösen Liberalismus ihre Zähne, Wie der „Jezer hora“ (der böse Trieb) im Menschen nach der Ansicht unserer alten Weisen anfangs bescheiden wie ein Gast Einlaß begehrt, um zuletzt den Hausherrn zu spielen und dem Hausherrn die Thüre zu weisen: so ist die jüdische Orthodoxie Anfangs sehr bescheiden ausgetreten — sie verlangte nichts, als Gewisse nsfreihcit, als das Recht, nach ihren Grundsätzen sich religiös einzurüchten. Mochten diese Grundsätze noch so obscur, manche derselben noch so sehr allem gesunden Verstände Hohn sprechen: wer konnte ihr Verlange» als ein ungerechtes bezeichnen? Wer bloß gegen Gewissenszwang protcstin, der hat immer Recht: der Unsinn, die Dummheit ist kein Verbrechen, — Aber der Unsinn ist cs zumeist, der, wenn er das Joch abschüttelt, zum Tyrannen wird; die Dummheit, wenn sie von der Toleranz sich das Recht der Existenz erstritten, wird am leichtesten zur extremsten Intoleranz,— So macht es die jüd, orthodoxe Partei unsercr Zeit: sie hat Toleranz gepredigt, gedonnert, so lange sie der Toleranz bedurfte; jetzt ist sie mündig, ist sie manneskräftig geworden: jetzt zeigt sie ihre Jntvicranz mit größter Schamlosigkeit. — In wahrhaft erschrecklicher Weise vcrräth diese Gesinnung die Sir, 45 des orthodoxen Epigonen-Blättchcns „Jeschurun," redigirt von dem Kausmann Jsaac Hirsch, Hirsch hat bekanntlich eine» Aufruf zur Bildung eines „orthodoxen Vereins" veröffentlicht. Wer könnte ihm das Recht hierzu streitig machen? Gewiß Niemand, Wenn Jemand sein Geld zum Fenster hinaus werfen will, wer will es ihm wehren? — Wer wollte aber dem gegenüber cs als ein Uurecht bezeichnen, wenn daraus ein Anderer einen Aufruf zu einer Contre- Vereinigung, zu einer „freien Vereinigung für die Interessen des conscrvativ-liberalen Judenthums" erläßt? Sollte der gesunde Menschenverstand nicht wenigstens ebenso viel Recht haben, wie der Unsinn? Die Logik nicht wenigstens mit der Dummheit gleichberechtigt sein? — Von diesem Rechte habe ich Gebrauch gemacht, indem ich den in Nr, 44 d. Bl, veröffentlichten Aufruf der geehrten Redaktion d. Bl. zur Verfügung stellte. Wer konnte mich deshalb tadeln? Höchstens die Gegner der Orthodoxie, welche keinerlei Trennung innerhalb-des Judenthums wollen. So hat es der Herr Redakteur dieses Blattes.in einer Anm. gethan; ähnlich sprach sich ein greiser Theologe „vom Rhein" ohne Bezug auf mich aus, — Wer hatte aber am wenigsten Recht, meinen Aufruf als ein Unrecht zu bezeichnen? Offenbar die Orthodoxen, die ja mit einem solchen Aufruf für ihre Richtung den Anfang gemacht, und unter den Orthodoxen hatte offenbar die „Fraktion Hirsch", von der der ortbodvxe Aufruf ausgmg, das geringste Recht, mich wegen meines Aufrufs auch nur im geringsten zu tadeln, da ich doch in meinem Sinne nur dasselbe gethan, was Hirsch nach seinem Si: ne gethan. Ein Tadel von Seiten der Fraktion Hirsch ist eine Verhöhnung des obersten Grundsatzes alles Rechts: der Rechtsgleichheit; ein solcher Tadel wäre offenbar entweder eine Bornirtheit, oder eine Arroganz, oder beides zugleich, — und einen solchen Tadel in schärsster Form hat das Organ der „Fraktion Hirsch" gegen mich erlassen. In Nr, 45 dieses Epigonen-Blättchcus werde ich einfach mit „Pfefferkorn, Eisenmenger" nnd Cvusortcu in eine Reihe gestellt, weil ich das Unglaubliche gewagt — llorribils dictu: ich habe die Orthodoxie angegriffen! — Man sieht cs, die Orthodoxie ist verwöhnt, sie ist in den letzten Zeiten von einigen ängstlichen Gemütbcrn aus Furcht vor dem Antisemitismus und vom D.-J. G,-B, aus schlauer Berechnung als das liebe Kind an den Busen gedrückt nnd gehätschelt worden. Man sagte sich: Das Schiff des Jnventhums ist leck geworden, cs sinkt, die Matrosen, die Offiziere verliere» den Muih, den Kops — aber anstatt an die Pumpe» zu eilen, das Loch zu verstopfen nnd dann an Stelle der faulen Balken frische, feste, gesunde zu setzen, die dem vereinten Anprall der Wogen des JndifferentiSmuS und Materialismus Widerstand zu leisten verniögen, verlassen sie das Schiff, springen in die Wogen hinein, weil sie daselbst eine» schwachen Strohhalm: „Orthodoxie" erblicken, an den wolle» sie sich halten, der soll sie vor dem Untersinkett bewahren, O der Bequemen! o der Verblendeten! Von einem Strohhalm erwarte: sie, was ihnen ihr bloß leckes, nur der Reparatur bedürftiges mächtiges Fahrzeug nicht liefern kann! Von dieser Verbleiidung befallen hat m »euerer Zeit der Kampf gegen die Orthodoxie ausgehört, man ließ sie gewähre», die Zeit war zur Bekämpfung innerer Gegensätze nicht angethan. Nun sind die Herrn Orthodoxen den Weihrauch schon so gewöhnt, daß sie, als geschähe etwas Unerhörtes, etwas Ungeheuerliches auffahren, wenn cs nun wieder Jemand wagt, der Orthodoxie die einfache Wahrheit zu sagen, die in Hinsicht der Logik und Huinanität abscheulichen Blößen der Orthodoxie bloßzulegen. Ich habe es gewagt, der Orthodoxie zu sagen, sie cnltivire „nichts weiter als eine cyiiische Gleich,,Willigkeit gegen den tiefen Kern des Judcnthuins", „ihr sei die Lehre Mvsis gar nichts, der klare Wortlaut uiiserer gottbegeistcrten Propheten gar nichts" — darum bin ich ein „Pf,ffcrkorn und Eisenmenger", denn — hört und staunt: „auch diese zogen gegen das orthodoxe Judenthum zu Felde"! So sagt Herr Jsaac Hirsch ausdrücklich. Also „Pfefferkorn undEisenmenger" sind nicht darum „Ps,ffcrkorn und Eisenmenger", weil sie gegen das Judcnthum, sondern weil sie gegen das orthodoxe Jtideulhum zu Felde zogen. Ein Seitcnstück hierzu ist nur der in dies. Bl. gebührend gewürdigte Montefiore Nekrolog der „Jüd. Presse"; dort ist auch Montefiore nicht daruur Montefiore, weil er Montefiore ist, sondern weil er ein Orthodoxer mar — les extremes se touchent. Dielen Herrn ist die Orthodoxie die Achse, um die sich alles drcstt. Antiochus Epiphanes, Haman — sic waren nicht Feinde des Judenthums, sondernder Orthodoxie des Judenthums! Sind diese Herrn so lächerlich dumm? O nein, die Herrn sind klug, wie die Schlangen! Mit einem geschickten Strich, mit einer kaum merklichen Fälschung hat sich der Epigone Samson Raphael Hirsch'S einen Schein von Berechtigung verschafft. Ich polemisirte in meineui Artikel gegen „die jüdische Orthodoxie", oder allgemein gegen die „Orthodoxie": der Buchhalter-Redakteur macht aber daraus: „das orthodoxe Juden thum". Würde ich den Ausdruck: „Das orthodoxe Judenthum" gebraucht haben, ich Hütte ohne Zweifel hinzu-