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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-11-12 · N° 46. (12.11.1885) · p. Seite 352

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 46. (12.11.1885)
Date
1885-11-12
Page
Seite 352 (sequence 6)
Language
German
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E. Aus Snd-Aentschkaud, 6. Novbr. (Or.-Corr.) Der D.-J. G.-B. hat eine Commission gebildet zur Erforschung und Bearbeitung der jüdisch deutschen Geschichte. Orthodoxe Blätter brachten die erste Meldung; —kein Wunder!, nach dem geheimen und auch offenen Bllndniß, welches der Bund mit der Orthodoxie geschlossen. Jedoch ist auch schon die Stimme der Gegner im orthodoxen Lager laut geworden. Man merkt, daß man nur als Mittel benutzt wird und ist deshalb über die scheinbare Bevorzugung nichts weniger als befriedigt. Denn kein orthodoxer Rabbiner oder Gelehrter ist in die Commission gewählt, sondern nur Christen oder Juden, welche für das bezügliche Fach keine Bedeutung haben, Niemand, der fähig wäre, die hebräischen Quellen zu lesen und zu deuten. Und wer von den fähigen Juden wird nun solchen Männern Handlangerdienste leisten? Darum wird das Unternehmen, so lobcnswerth auch der Plan ist, durch die Art der Ausführung, ein verfehltes, und was leicbt der Fall sein kann, — au diesem Auteruehmen Kau» der Wund selbst zu Grunde gehen, was ivir sehr bedauern würden. Denn man merkt die Absicht unb wird verstimmt; Ni eman d ist von der Thätigkcit des Bundes besricdigt, die Orthodoxen sind nicht gewonnen, und die Reformer sind vor den Kopf gestoßen worden. So ist inan ohne alle Freunde. Es ist dies die Affaire von dem, der sich zwischen zwei Stühle setzt; weil er auf' keinem einen festen Sitz und Platz hat, fallt er durch. Man versteht den Gemeindcbund; — er fürchtete, die Orthodoxen zu verletzen, wenn er nicht aus ihrem Lager Männer in die Commission wählt; diese würden jedoch am Ende sich gescheut haben, mit den Rcfornicrn an einem Tische zu sitzen und gemeinsam zu arbeiten. Aber ausschließlich Orthodoxe zu wählen, würde die Rcsormer verletzt haben. Um sich aus dieser Verlegenheit zu helfen, wählte der Gcmeindebund weder aus dem einen, noch dem andern Lager, nicht einmal die Heroen der jüdischen Geschichtsforschung und Wissenschaft. Aber die Wissenschaft ist doch eine freie Republik, in der die Wahrheit den Präsidentenstuhl einzunehmen hat. Warum denn wohl dieser Umschwung im Gemcindebunde? Die Leiter desselben sind doch nichts weniger, als orthodoxe Schwärmer. Nun, — es gicbt ja auch Rabbiner und Vorstände, die cS zum Scheine mit den Orthodoxen halten, um sich in Stellung zu halte» und vor Untergang zu bewahren. Im Lager der Reformer, meint man, herrscht Gleichgültigkeit und Jndifferentismus, vielfacher Mangel an Interesse für Judenthum, jüdische Religion und Wissenschaft; da ist keine Thätigkcit und kein Leben. Im Lager der Orthodoxen ist zwar auch kein Leben, aber doch Bewegung, wenn auch eine künstlich gemachte. Die Reform ist scheinbar todt, aber doch keine Leiche; die Orthodoxie ist noch nicht gestorben, aber eine alternde und abständige Greisin, die dem gewissen Tode nahe. Und mit dieser geht der jugendliche Gemeindebund eine Verbindung ein? Diese kann weder auf Neigung und Ueberzeugung beruhen, noch von langer Dauer sein. Das ist eine sogenannte conventionelle Heirath, eine Geld - und Geschäfts-, keine LiebeS-Ehe. Zur Beschwichtigung der Orthodoxie beeilt sich eine officiöse Sold-Feder des D.-J. G. B. im „Israelit" zu erklären, daß ja ein „streng gesetzestreuer" Gelehrter vom Berliner Rabbiner-Seminar (Br. Berliner?) nachträglich cooptirt werden solle. Grätz aber bleibt ausgeschlossen, „er darf einem Watlcnbach u. s. w. nicht an die Seile gestellt werden!?"*) Aber statt dieser offenen Anlehnung an die exclusive Orthodoxie, sollte der Gemeindebund eine Vereinigung der beiden Hochschulen für die Wissenschaft des Judenthums unter gemeinsamer Leitung erstreben. Denn die Wissenschaft ist frei und ohne Parteispaltung. *) Wäre die geeignetste Antwort auf diese Schmähung „unseres Grätz" nicht die, daß sämmtliche Schüler und Freunde Grätz', welche Dclcgirte des D.-J. G.-B. sind, dieses „Ehrenamt" nicderlegten, w ie wir's bereits gethan, und den D.-J. G.-B. vollständig ignorirtcn? lRed.) -Lylk» H. 1?X. Der Direktor der hies. Kreditanstalt Herr G o tl b erg, hatte gegen den letzten Redacteur der eingegangcnen autisem. „deutschen Volkszeitung" die Beleidigungsklage erhoben. In Nr. 72 des Blattes befand sich eine Correspvndenz aus Lyck, über die hiesige Credilgescllschaft. Es wurde darin u. A. gesagt, daß, um die Schädigung der christlichen Mitglieder der Gesellschaft vollkommen zu machen, nun noch ein „bankerottirter Jude" zum Director gemacht worden sei. Der Angeklagte Zinke suchte sich damit zu exculpiren, daß er behauptete, sein Chef, Herr Liebermann von Sonnenbcrg, habe ohne sein Vorwissen die Aufnahme des Artikels angeordnet. Rechtsanwalt Winterfeld als Vertreter des Klägers behauptete, daß eine solche absolut grundlose Besudelung eines Mannes, die lediglich aus dem Grunde in die Welt gesetzt worden, weil derselbe eines anderen Glaubens sei. eine exeinplarische Strafe verdiene, und er beantragte deshalb 14 Tage Gcfängniß. Der Berliner Gerichtshof ging über diesen Antrag um das Vierfache hinaus und erkannte auf zwei Monate Gesängniß. Der Gerichtshof war dabei der Ansicht, daß derartige frivole, vollständig aus der Luft gegriffene Beschuldigungen eine empfindliche Sühne verlangen und daß sich ein Blatt, welches dieselben colporiire, mit seiner antisemitischen Tendenz in keiner Weise decken könne. Derartige tendenziöse Ehrabschneidereicn müßten an jedem Blatte, gleichgiltig welcher Richtung, gleichmäßig geahndet werden, und von diesem Gesichtspunkte aus sei die beantragte Strafte als zu niedrig erschienen. B. Wernburg. Die hiesige Bankfirma Levi Calm & Söhne, deren Jnbabcr Hcrr Commerzienrath Emil Calm ist, begeht am 12. d. M. ihr 100jähriges Bestehen, worüber das hiesige Tageblatt Folgendes berichtet: „Es war am 12, November 1785, als Fürst Alexius Friedrich Carl an Levi Calm zu Bcrnburg die Conzession zur Eröffnung eines Geschäfts ertheilte. Derselbe strebte fleißig vorwärts und nicht minder seine beiden Söhne Carl und Meyer Calm, die das Geschäft 1821 übernahmen und von denen der letztgenannte sich zugleich als langjähriger Stadtrath viele Verdienste um das Wohl unserer Stadt erwarb. Jetzt in dritter Generation ist Herr Commerzienrath Emil Calm, der jüngste Sproß in dieser Generation, alleiniger Inhaber des, aus ursprünglich kleinen Anfängen, nunmehr zu bedeutendem Umfange angewachsenen Unternehmens. Bekanntlich zählt dasselbe, besonders seit die Anhalt-Dessauische LanaeSbank commanditarisch an der Firma betheiligt ist (seit 1872), zu den bedeutendsten in unserer Stadt. Das ist ein schöner Beweis für die redliche Arbeit, das fleißige Streben, welches sich in der Familie Calm stets bekundet hat. Auch für das Gemeinwohl ist dieselbe, und insbesondere der jetzige Inhaber des Geschäfts, stets opferwillig euigetreten, weshalb denn auch dem bevorstehenden Jubiläum das gebührende Interesse entgegcngebracht werden dürfte." Oesterreich-Ungarn. Men. Die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung vom 9. d. M. schreibt: Professor Roh ling — jüdischer Abkunft! kein Scherz, kein schlechter Witz, sondern die purste Wahrheit ist es, die wir hiermit verkünden. Prof. R., der große Judenhasser R. ist — jüdischer Abkunft! Das Merkwürdige in dieser Thatsache ist nur, daß sie erst jetzt bekannt wird. Von verläßlichster Seite wird uns nämlich Folgendes mitgetheiit: Vor einiger Zeit wurde Prof. Rohl. gefragt: wo und wie er denn eigentlich seine angeblichen Kenntnisse der hebr. Literatur erworben habe? Darauf antwortete er wörtlich: „Ich habe schon in meiner frühesten Jugend hebr. Studien getrieben, und zwar bei meinem Onkel, der Rabbiner war." — Sollte von welcher Seite immer der Versuch gemacht werden, diese unsere thatsächliche Mittheilung anzuzweifeln, oder gar zu widerlegen, so sind wir ermächtigt, die hochachtbare Persönlichkeit zu nennen, der gegenüber Herr Prof. Rohling die obige Aeußerung gemacht hat.

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