Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 46. (12.11.1885)
- Date
- 1885-11-12
- Page
- Seite 351 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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351 gegeben, in der Methode hat er viele ewig gütige Grundsätze ausgesprochen. „Sein unbestreitbares Verdienst is es — sagt Dities a. a. 0. ©. 144 — die Nothwendigkeit und Wichtigkeit einer Lehrkunst mit Bestimmtheit hervorgchobcn zu haben" — aber Herr Seminar-Director Di-, Stein meint: „in Ratich habe das Bestreben, die Pädagogik zu einer „geheimnisvollen Kunst" auszubauschen, seine größte Verkehrtheit erreicht", Man sieht, das Herr Dr. St, sich mit diesem Urthcil über Ratich in „schweren Jrrthum" befindet, und wenn er nun weiter sagt, „so war cs der geniale Pestalozzi, der die Erziehung und geistige Ausbildung auf ihre wahrhaften Grundiagen zurückführte und sie ihren natürlichsten Veriretcrn, den Müttern, wieder zurückgebcn wollte" — so liegt auch die>cr Darstellung eine vollständige irrthüniliche Auffassung von der erzichiingsgeschichllichcn Bedeutung Pcstalozzi's zu Grunde Daß Pestalozzi nicht nur die Erziehung, sondern auch den Unterricht in die Hand der Mütter legen wollte, das ist einer seiner größten Jrrthümcr. Dittes sagt selber voll ihm: „Pestalozzi erwartete ohne Zweifel von den Müticrn mehr, als sie, von seltenen Ausnahmen abgesehen zu leisten vermögen". Wen» Pestalozzi in dieser Hinsicht Recht hätte, dann gäbe es keilie — Lehrer-Seminare und natürlich auch keine Seminardirctorecn. Leiver hat Pestalozzi Unrecht: Die Mütter ftnb nach dem jetzigen Culturzuslande des weiblichen Geschlechtes wohl die besten Erzieher,— aber auch das nur in harmonischer Verbindung mit der Strenge des Vaters — keineswegs aber die besten Lehrer, Pestalazzl's Ansicht von dem didaktischen Berufe der Mütter ist auch nur geschichtlich zu begreifen, „Weil es mit den Schulen, besonders mit der Bildung der Lehrer, sehr schlecht stand, die Vornehmen aber entsittlichend und erdrückend, statt veredelnd und erhebend auf die »lederen Stände wirkten, so wollte Pestalozzi die Bildung des Volkes, auch den Unterrichl, in die Hand der Mütter legen". Wenn der Herr Seminar-Director Dr, St, noch heule für diese Idee Peslaiozzi's schwärmt, so ist das ein Angriff auf die Bildung des Leyrerstandcs und ein Schnitt ins eigene Fleisch, Nein, Gott s, d,, wir haben einen vorzüglich gebildeten Lehrcrstand, und wenn wir auch der Beihilfe des Hauses nicht entbehren wollen, so erwarten wir doch nur eine Unterstützung hlnsichtlich der Erziehung des Gemllths und des Willens; in Bezug auf den Unterricht wird wohl jeder Lehrer mit mir übcreinstimmen, es sei, natürlich von Ausnahmen, die die Regel nur bestätigen, abgesehen, am besten, wenn die Mutter dem Lehrer nicht „ins Handwerk pfuscht". (Schluh folgt.) Berichte und- Correspondrnzen. Deutschland. Iterki«, (Or.-Eorr.) Auf die Arena des Kampfes zwischen hypcrorthodox und conservativ-libcral gehe ich nicht, dafür ist die „Spitze" dieses Blattes?) Ich habe genug an den politischen Schlagwörtern: ultramontan, conservativ, freiconscrvativ, national-liberal, die tiefer in das Leben, auch der Juden, eingreifen, als jene rein akademische Frage?*) Berlin ist die Hochburg des Freisinns und wird es bleiben trotz der Christlich - Socialen antisemitischerseits — trotz Adaß Jisrocl semitischerseils. Daß die letztere jetzt Corporationsrechte erlangt hat, dürfte für das hiesige Gemeindeleben von gar keinem Einfluß sein, höchstens für den Deutsch - Jsr. Gemeindebund, der nun eine Gemeinde mehr als Verbündete »ufführen kann, was bei dem sinkenden Stern des D.-J. G.-B. ihm gerade jetzt sehr zu gönnen ist. Vergleicht man das bescheidene, charakterfeste Wesen der früheren Leiter des D.-J, G.-B,, eines Kohner und Nachod s. A,, mit dem jetzigen, mehr nach Außen hin glänzen wollenden Streben, *) Wir bringen in nächster Nr. eine Entgegnung aus die diesbezüglichen Expectorationen des „Jeschurun". (Red.) **) Die aber sehr in's prattisch-religibse Leben eingreift. (Red.) das sein Ideal im Zusammentagen mit christl. Geheiwräthcn und Professoren erblickt, so muß man dem Urtheilc eines der ältesten Begründer und Ausschußmitglieder des D, - I, G.-B, zustimincn: „Seine schönste und beste Zeit hat der D.-J. G.-B, hinter sich!" — Auch wir werden von vielen „Ausgcwiesenen" heimgesucht, Besonders sind es frühere Eultusbeamte, die ihre Schritte hierher lenken, um Hülfe zu suchen. Freilich die große Masse merkt cs nicht, daß so vieles Elend an die Thüren Einzelner klopft, aber einzelnen Rabbinern und Beamten gellen die Ohren von den Klagen und Lamentationen, die sie täglich zu höre» bekommen. Merkwürdig, aus allen Theilen Preußens ko r men diese Unglücklichen, die doch meislentheils nach England oder Amerika auswandern, zunächst nach Berlin. Und warum machen Viele die meist unnöthige Reise und nehmen hier Tage und Wochen kostspieligen Ausemlialt? Etwa weil hier mehr und reichere Juden wohnen, oder weil unsere Millionäre wohlthätiger sind, als anderswo? Keineswegs, Mir ist z, B, bekannt, daß der anständigen Frau eines heruntergekommenen jüd. Lehrers im Comptoir des Freiherrn v, B. als Unterstützung — einige Marken für je ‘/3 Portion Essen aus einer christl. Volksküche verabreicht wurden, die sie für Geldanweisungen hielt. Die Antwort auf vbigc Frage ist nicht schwer zu finden. Hier ist der Sitz mehrerer humanen Institute und vor Allem — des Deutsch - Jsr. Gemeindebundes, der den größten Magnet für alle Hülfesuchenden bildet. In der ganzen Provinz werden die unterstützungsbedürftigen Lehrer überall an den D.-J. G.-B, gewiesen und, wenn sie unter den schwersten Opfern hier angelangt, ebenso schleunig von ihm — abgewiesen. Die Statuten des D.-J. G.-B. — heißt es — erlauben nicht, an diese bejammernswerthen Unglücklichen eine Unterstützung zu verabreichen. Eine kleine, freilich sehr ungenügende Unterstützung erhalten die Mitglieder der „Hülsskasse für Eultusbeamte,i" aus dieser, auch dort erlauben die Statuten keine derartige Unterstützung, allein anstatt der Paragraphen setzt der Vorstand derselben ein bischen Herz und nur wenig Rachmonus! Man sollte nun meinen, daß nach den erfolgten Ausweisungen viele Gemeinden ohne Beamten bleiben und mit der Laterne auf die Suche nach „geeigneten Subjecten" gehen. Dem ist aber nicht so. Für jede vacante Stelle mit 1800 M. Einkommen giebt es 40—60 Bewerber, für eine solche mlt 1000 M. immer noch mindestens 20 Candidaten. Die besser situirten russischen oder polnischen Cultusbeamten sind nämlich naturalisirt und nur die ganz kleinen Gemeinden, die 5—700 M. Einkommen oder noch weniger gewähren und in Folge dessen auch alle Jahre wechseln, hatten früher kein Interesse daran, daß sie ihre Lehrer zur Naturalisation veranlaßten oder ihnen dazu Verhalten. Diese Unglücklichen — arm auch ohne Ausweisung — müssen nun darunter bitter leiden, aber nicht die Gemeinden. Eine Corporation, die nicht mindestens 1000 M. Einkommen garantirt — etwa so viel bekommt gewöhnlich ein „Hausknecht" — braucht keinen eigenen Beamten anzustellen; sie soll sich mit den benachbarten Gemeinden associiren und mit 2—3 vereint einem Beamten eine anstrengende zwar, aber menschenwürdige Existenz bieten. Lassen Sie mich mit einem Ausspruch schließen, der durch die hochgestellte Person, die ihn gcthan, von Bedeutung ist: „Die jüdischen Gemeinden wollen möglichst billige Kräfte und nehmen deshalb nur polnische oder russische Beamte, anstatt tüchtige deutsche Kräfte, die freilich mehr Geld kosten," — dieses sagte vor. Woche kein Geringerer, als der Vater der Ausweisungen, der Minister des Innern, Herr von Puttkamer, zu mir, der ich wegen eines ausgewiesenen Lehrers persönlich (mit Erfolg) bei ihm petitionirte. Möge» die Gemeinden diesen Ausspruch beherzigen!