Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 46. (12.11.1885)
- Date
- 1885-11-12
- Page
- Seite 350 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 350 — Rechte der Gesetzgebung und der Abänderung bekleidete Versammlung, müßte eine öcumenische, allgemeine Synode sein. Allein vorausgesetzt, das Ccntral-Consistorium hätte den Willen, die Macht und das Recht, eine solche Synode zu berufen oder anzuregen: würde eine solche den „Gel" abschaffen können? Glaubt man, daß eine religiöse Heiralh ohne eine religiöse Scheidung getrennt werden könne, und zwar durch den religiösen Act, der mit klaren Worten .vom mosaischen Gesetz vorgeschrieben ist? Das Dina de malchutha darf man nicht mißbrauche». Diese Sentenz, die übrigens nichts weniger als unbedingt gilt, kann nur angewandt werden, wo das Landesgcsetz etwas verbietet, nicht aber da wo dies etwas gestattet; und wo ist es denn den Rabbinern verboten, den „Get“ zu verlangen? folglich muß er auch verlangt werden. Abgeschafft kann der „Gel." also nicht werden: kann er in der Weise geregelt werde», wie der Verfasser es als Ersatz vorschlägt? Das eigentliche Problem besteht darin, den Gatten zur Vollziehung dieses Actes zu zwingen, aber wir vermögen nicht cinzusehen, wie irgend ein Sanhedrin das moralische Recht oder die materielle Gewalt ihn zu erzwingen haben sollt?." — Anm. der Red. der „Israel. Wochenschrift": „Der „Univers Jsraclite" nennt sich aus dem Titelblatt ein „Journal des principes eonservateurs du Judaisme." Wie darf aber ein conscrvatives Blatt einen Artikel aufnehmen, der nichts weniger als die Abschaffung des Get verlangt? Er tritt zwar diesem Verlangen in einer Redaktions-Bemerkung entgegen; ja man kennt das! Er wagt es nur nicht, seine wahre Meinung zu sagen Würde er aufrichtig nicht mit den Vorschlägen des Rabbiners Netter übereinstimmen, wer zwingt ihn den», diesen Artikel aufzunehmen? Und einen Mann von solch radikaler Richtung nennt der sich conservativ nennende Univers seinen „geschätzten Mitarbeiter!" Ria» darf die Freiheit der Discussion nie so weit treiben, und wo dies geschieht, da ist es mit dem conservativen Princip eben nicht ehrlich gemeint" — — — so ungefähr würde der „Israelit" und seine Consorten die „Jlld. Presse" und „Jefchurum" sich vernehmen lassen, wenn der „Univers" ein deutsches und nicht ein französisches Blatt wäre. Wir aber beglückwünschen aufrichtig die jüdische Journalistik Frankreichs, daß sie mit solcher Berketzerungssuchr keinen Kampf zu führen braucht. Wäre unsere orthodoxe ^Journalistik von dem Geiste des conservativen, vom „Graud-rabbrir" L. Wogue redigirten „Univers" beseelt — es stünde wahrlich besser um das deutsche Judenthum. Die Pädagogik des Semiuardirectors Dr. Stein in Cassel, beleuchtet von Dr. Gold schmid t-Weilburg. (Fortsetzung statt Schluß*.) Sie haben auch Ratechius — richtiger Ratichius — genannt, Sie sagen von ihm: in ihm habe die Richtung, welche die Pädagogik zu einer geheimnißvolle» Kunst aufbauscht, ihre größte Verkehrtheit erreicht. Entweder kenne ichidie Geschichte der Pädagogik nicht, oder kennt sie Herr Seninardirector vr. Stein nicht. Der Leser mag urtheilen. So viel ich weiß, war Ratich „der Reformator der Methode", „deren Grundsätze für die Gestaltung der deutschen Volksschule grundlegend geworden" sind. Er hat sich zuerst gegen die Tyrannei des Lateinischen gewandt; in den ersten Schuljahren wollte er zuerst nur die Muttersprache gepflegt haben; er verwarf alles mechanische Auswendiglernen mit Hintansetzung des Verstandes, „da man ehe fordere, als man es recht gegeben, che übe, als mans gelernt". Sind das Grundsätze einer „geheimnißvollen Kunst"? Sind diese Grundsätze dem Herrn Seminardirector vr. St. ein Geheimniß? Das ») In vor. Nr. 3. 338 Sp. a Zeile 19 v. u. muß es st.: „noch Drittes" heißen: „nach Dittes." glaube ich nicht; nur daß Ratich der erste Apostel dieser Grundsätze war, scheint demselben ein Geheimniß zu sein, obgleich Cassel vorübergehend auch Ratich's Wirkungskreis gewesen. Ich kann mir denken, wieso Herr vr. Stein zu dem Jrrthum kam, die Ratich'sche Methode für eine „geheimnißvolle Kunst" anzusehen, vr. Stein ist Gegner H.rbart- Ziller's, also ein Anhänger der Dittes'schen Schule, und in Dittes' „Geschichte der Erziehung und des Unterrichtes" für „für deutsche Volksschul-Lehrer" — ein ausgezeichnetes Buch, welches, wie alles was Dittes geschrieben auch von mir, dem angeblichen „Herbart-Zillerianer" aufs höchste geschätzt wird — findet sich in der Biographie Ratich's (3. 143) folgende Stelle: „und (Ratich) hatte eine so hohe Meinung von sich, daß er seine Weisheit noch immer als ein Gebeimniß betrachtete, welches von einem Könige um schweres Geld erworben zu werden verdiene". Ratichs Methode war seiner Zeit, wie alles Neue, ein Geheimniß, welcher er verkaufen wollte; ist sie aber darum an sich eine „geheimnißvolle Kunst"? Ist sie für uns noch eine „geheimnißvolleKunst"? Amercka's Existenz war vor 1492 ein Geheimniß; wie man ein Ei, ohne daß es umfalle, aufftellt, war vor Columbus ein Geheimniß; sind das auch heute noch Geheimnisse? Hätte Herr vr. Stein sich die Mühe genommen und in dem zitirten Dittes'schen Werke außer S. 143 auch noch S. 142 gelesen, so würde er nicht in seine irrthllmliche Auffassung von der Ratich'schen Methode gefallen sein. S. 142 stellt Dittes Ratich's didaktische Grundsätze so dar: „Der Schulunterricht soll ' lleu Kinder», ohne Unterschied des Standes und Geschlechtes, zu Theil werden unv mindestens das Lesen und Schreiben im ganzen Volke verbreiten. Den Lchrstoss soll zunächst das Wort Gottes darbietcn; in der Schule zu Köthen wurde das erste Buch Mosis als Lesebuch benutzt. Der Unterricht muß einen naturgemäßen, der kindlichen Fassungskraft entsprechenden, vom Bekannten zum Unbekannten, vom Leichten zum Schweren lückenlos fortschreitenden Gang einhalten. Zuerst sollen die Sachen oder Sprachen selbst und dann erst die Regeln gegeben, die letztere aber nicht auswendig gelernt werde». Das Auswendiglernen wird überhaupt gänzlich verworfen. Alles soll dem Vorstande so deutlich gemacht und vom Lehrer so oft wiederholt werden, daß es von selbst in den Kindern haftet. Jeder Zwang zum Lernen, alles gewaltsame Lehren wird verworfen. Im Elementarunterrichte soll man Lesen und Schreiben nicht von einander trennen, sondern in enger Verbindung mit einander lehren. Dann aber sollen die verschiedenen Lehrfächer nicht neben, sondern n a cheinander gelehrt werden, alles eine Zeit lang ausschließlich. Die Methode aller Fächer muß möglichst gleichförmig sein, sie soll überall in genauer Erklärung des concreten Lehrstoffes bestehen und die Gesetze aus Beispielen entwickeln". „Die Muttersprache muß das Organ alles Unterrichts sein, dieselbe sprechen, schreiben, verstehen zu lernen, ist die erste Aufgabe des Schülers; a» die Muttersprache muß auch der Unterricht in fremden Sprachen angeknllpt werden", u. s. w. „ein guter Unterricht sei die beste Stütze der Disciplin, während ungeschickte Lehrer für ihre eigenen Fehler die Kinder büßen lassen. Geschlagen >ollen die Kinder überhaupt nur werden wegen Muthwillen und Bosheit, nicht wegen geringer Leistungen". Sind das Grundsätze einer „geheimnißvolle» Kunst"? Ich würde das Casseler Semiuar herzlich bedauern, wenn seinen Zöglingen das Gegcntheil dieser Grundsätze gelehrt würde. Aber das ist eben nicht möglich, dafür sorgen schon die preußischen Ministerial-Verfllgungen und die Herrn Schulräthe. Das sind eben die Grundsätze unserer modernen Pädagogik. Aber gerade Ratich, war der erste, der den Weg zu einer i:aturgemäßen Didaktik entdeckt hat. Vor ihm bestand der Lehrstoff der höheren Schule ausschließlich im Latein, der Volksschulen in Fibel und Katechismus. Die Methode war ein mechanisches Auswendiglernen; oie Disciplin war die barbarische Prügelstrafe, In Bezug aus den Lehrstoff und die Disciplin hat Ratich die Schäden seiner Zeit aufgedeckt und Comenius unschätzbare Anregung