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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-11-05 · N° 45. (5.11.1885) · p. Seite 342

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 45. (5.11.1885)
Date
1885-11-05
Page
Seite 342 (sequence 6)
Language
German
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— 342 — 86 Jahre alt) von selten körperlicher nnd geistiger Frische. L. hatte vor 2 Jahren das Unglück, beim Hinabsteigcn in den Keller von der Treppe hinunterzufallen und sich zwei Rippen zu zerbrechen. Die hinzugezogencn Aerzte hatten den Kranken fast aufgcgcbcn und schien cs ihm nicht mehr vergönnt zu sein, das Fest der diamantenen Hochzeit zu feiern; doch genas der Kranke bald mit Hilfe Gottes. Er besucht fast täglich die Synagoge. Die Eheleute erfreuen sich einer zahlreichen Nachkommenschaft. Sic haben 8 Kinder, 41 Enkel und 5 Urenkel. In der festlich geschmückten Synagoge hatte sich heute eine nach Hunderten zählende Menschenmenge, Juden sowie Christen, versammelt, um der religiösen Feier bcizuwohnen. Nachdem vom Cantor das Minchagebct rcciticrt worden war, betrat das Jubelpaar, während eine Musikkapelle vor dem Gotteshause einen Choral spielte, die Synagoge. Der greise Jubelbräutigam und die Jubelbraut nahmen unter dem Trauhimmcl Platz, worauf ei» zu diesem Feste eingeübter gemischter Chor das „Mi Adir“ sang. Hierauf betrat der Rabbiner Herr Dr. Roth die Kamel, um den 60 jährigen Ehebund eiuzusegncn. Redner schilderte in begeisterten Worten das Gottveriraucu, das das Jubelpaar in so mancher Zeit der Noth bewiesen hat, und mit welcher Sorgfalt und warmer Liebe sich die Jubelbraut nicht nur der Pflege der Kranken im eigenen Hause, im eigenen Familienkreise, sondern in der ganzeir Gemeinde stets hingcgcbcn hat. Ein Chorgesang, der viel zur Hebung der Feier beitrug, schloß den feierlichen Act. Der hier bestehende jüdische Fraueuverein, dessen thätigcs Mitglied die Jubelbraut gewesen war und bei dessen Gründung sic mitgchvlfen hatte, widmete derselben zur Erinnerung an diesen Tag eine silberne Schale. Bon Nah und Fern liefen zahlreiche Glückwunsch-Telegramme ein. Des Abends hielt die zahlreichen Verwandten und einige fremde Gäste ein Mahl zusammen, bei dem es an heiteren Toasten und Aufführungen nicht fehlte. Möge es dem Jubelpaar vergönnt sein, sich des beschiedenen Eheglücks noch länger in Gesundheit zu erfreuen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Der jüngst erschienene 24. Jahresbericht des Vereins zur Unterstützung mittelloser israelitischer Sludirender schließt in Einnahme und Ausgabe mit 4034 fl. 81 Kr. ab. Es sind von den Einnahmen des Vereins im verflossenen Rechnungsjahre unterstützt 165 Studircnde der Medicin, 67 Hörer der Rechte, 4 Hörer der Philosophie, 45 Techniker, 7 Pharmaccuten und 17 Veterinäre. Unter den Gebern und Mitgliedern des Vereins figuriren die angesehensten Namen der Wiener Gemeinde. Der Vorstand desselben besteht zur Zeit aus dem Herrn Or. A. Jcllinck als Vorsitzenden und den Herren Michael Biach, Or L. Furth, l)r. Emanucl Schiffniann, Friedrich Singer, Wilhelm Wcrtheim und Or. G. Wolf. Der Effeclen-Bestand des Vereins ist auf 25 750 fl. angewachsen. I). Wien, 29. Octobcr. (Or.-Corr.) Von Tag zu Tag dringen neue Details über die letzte» Reichsrathsverhandlungen in die Ocffentlichkeit, welche von den großen politischen Blättern todtgeschwiegen werden. Zuerst, erfuhr man, daß der Führer des „Dcuschen Klubs" Or. Kuotz in der Adreßdebatte die Verhetzung der Czcchen gegen die Deutschen als das Werk des jüdtschen Journalisten Joseph Graf und des ihm nahestehenden Statthalters (Freiherr v. Kraus ist ein getaufter Jude) bezeichnet hat, weicher Uinstand nach Or. K.'s Ansicht geeignet ist, den Antisemitismus zu erwecken. Kürzlich hat der Abg. Or. Patlai in einer Antisemiten- Versammlung, die von 4000 Menschen besucht gewesen sein soll, die nach seiner Ansicht bemerkenswerthe Thatsache seinen Zuhörern erzählt, daß in der Debatte über die Verlängerung des Ausnahmezustandes in Wien Herr v. Schönerer dem Referenten Or. Zucker (Professor des Strafrechts an der czechischen Universität in Prag) die Worte zugeworfen hat: „Es ist bcmerkenswerth, daß ein Jude für ein Ausnahmegesetz plaidirt; ich werde nächstens daraus die Consequenzen ziehen." Rumänien. Aukarrll. Hier war in den letzten Wochen eine fürchterliche Aufregung unter den Juden, u. zwar nicht durch die Regierung, sondern durch einen Glaubensgenossen hervorgerufen. Der Urheber der gen. Aufregung war Herr Armand Levy aus Paris. Derselbe besitzt Conncxionen mit den einflußreichsten Persönlichkeiten unseres Staates und wollte die inner» Verhältnisse der Juden durch eine Art Consistorial-Vcrfassung ä la Frankreich ordnen. Indem dadurch den Juden eine amtliche Vertretung dem Staate gegenüber gegeben würde, glaubte Armand Levy auch in politischer Beziehung seinen Brüdern dadurch einen Dienst zu leisten. — Aber er hatte mit dem Fanatismus der dortigen Orthodoxen nicht gerechnet. „Consistorium" — dieses Wort war sür sie schrecklich, und da es eine entfernte laute Aehnlichkeit mit „Inquisition" hat, so benutzten sie dies, um eine fürchterliche Aufregung zu inscenircn. Was war leichter, als die gedankenlose Menge gegen den Neuerer zu Hetzen: „Wir brauchen Brot, und er will uns ein — Consistorium geben! Herr A. Levy war seines Lebens nicht sicher: säst wäre er das Opfer eines brutalen Attentats geworden. Endlich scheint man durch Vorstellungen aus Paris das Vernünftige einer staatlichen Organisation eingeschcn und giebt vor, falsche Vorstellungen von der Sache gehabt zu haben. Das Attentat, wird behauptet, stamme nicht von den Juden her, wofür allerdings der Umstand spricht, daß der Attentäter in eiu Regierungsgebäude retcrirte und dort verschwand. (Siche unter „Neueste Nachrichten" Bukarest. Red.) Palästina. Jerusalem. Am Rosch-Haschana feierte das in Jerusalem erscheinende hebräische Blatt „Hazwi" den Jahrestag seines Bestehens. Auch wir wünschen dem Blatt glückliches Gedeihen, da es mit Mannesmuth alle Schäden ver dortigen Vcrhältniffe bespricht. Diese Besprechungen eröffnen uns oft einen Einblick in kaum glaubliche Mißstände. Wer wollte es z. B. glauben, daß au dem Bikkur-Cholim"- Krankenhause und im Vereine „Misgab-ladach" judenfeindliche Missionsärzte mit Uebergehung der anerkannt bessern jüdischen angestcllt sind, u. zwar aus keinem andern Grunde, als aus Furcht, die jüdischen Aerztc könnten sich Einblick in das Treiben der Verwaltung verschaffen und aus der Schule plaudern, während das von Christen nicht zu befürchten ist? Dies Blatt giebt dem Vorstände des „Bikkur cholim" den Rath, abzudanken und andern den Platz zu räumen, da derselbe zu starrköpfig ist, um in die Anstellung der jüd. Aerzte zu willigen, ja lieber das Krankenhaus zu schließen. Einer anderen Anklage leiht auch „Hazwi" Ausdruck, daß nämlich bei der Vertheilung der eingehenden Spenden das schnödeste Unrecht geübt werde, uud daß das Sendboten- Wesen noch immer bei den Sephardim im Schwange sei. In seiner jüngste» Nummer berichtet das Bl. sogar das fast Unglaubliche, daß in der Gemeinde der Sephardim ein Missionär als Sekretär im Vorstande sitze! Aus Liberias meldet dasselbe Blatt, daß daselbst die Errichtung eines Krankenhauses beschlossen sei. Die Heilquellen von Tiberias werden von weit und breit benutzt, aber es fehlt an allem Comfort und aller körperlichen Pflege, wodurch der Nutzen der überaus heilkräftigen Quellen größtentheils aufgehoben wird. Ein Krankenhaus ist daher eine dringende Nolhwcndigkeit, und wird sich wohl auch durch Benutzung seitens der Reichen zu einer Einnahmequelle gestalten. _ Uerrnischle und neueste Nachrichten. W. Magdeburg. (Or.-Corr.) In einer am 20. d. unter dem Vorsitz des Stadlvervrdneten-Vorstehers Nesemann in Gommern abgehaltenen Wahlversammlung, zu welcher die Wähler aller politischen Parteien eingeladen und zahlreich er-

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