Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 45. (5.11.1885)
- Date
- 1885-11-05
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 340 — tljum zur Aufgabe stellen sollten, und nun wird daraus eine Sammlung des ungeheuer großen, «massenhaft anschwellenden Stoffes" (wie es im Prospcct heißt), der Regesten zur mittelalterlichen Geschichte der Juden, nebst kritischer Bearbeitung und Edition und Commcntirung der Quellenschriften und der commentirtcn Uebcrsetzungen u. s. w,! Welche immense Kosten dem D, - I, G. - B, daraus erwachsen und wie diese gedeckt werden sollen, ist noch gar nicht zu übersehen. Da existirt nun seit mehreren Decennien eine „Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums", herausgegcben von Grätz und Frankel, das gewiesenste Organ für obige wisscnschafliche Zwecke, das läßt man bei Seite l'egcn und will in kostspieliger Weise eine neue „Zeitschrift für die Geschichte der Juden" gründen — „durch Bereitstellung der erforderlichen Mittel", wie es in einem, offenbar vom D.-J. G.-B. inspirirten Artikel heißt, der die Runde durch die Tagesblätter machte. — Das Alles ist uns unbegreiflich. Eines aber ist uns begreiflich und drängt sich jedenr Denkenden immer mehr auf: die Forderung, daß an die Spitze eines Gemeiudcbundes vor Allein practische Männer gehören. — Man schreibt uns ferner hierüber: Berlin. <Or.-Corr.) In dem von dem Vorsitzenden des D.-J. G.-B. zur Schaffung von Regesten für die Geschichte der Juden Deutschlands einberufene Comits soll, wie uns von zuverlässiger Seite berichtet wird, ein auswärtiger, christlicher Professor, der früher zu Prof. H. Grätz in Breslau intime Beziehungen hatte, seine Verwunderung darüber geäußert habe, daß Letzterer nicht eingeladen worden sei. Wir glauben nicht, daß es dem Vorsitzenden des D.-J. G.-B. gelungen ist, einen vernünftigen Grund für den Unglimpf anzugeben, der durch die Jgnorirung eines so eminenten Geschichtsforschers demselben angethan wurde. Wir ersehen hieraus jedenfalls, daß, so gering auch die Schätzung sei, die sich die wissenschaftlichen Leistungen jüd. Aulvrcn bei christl. Fachgenossen erfreuen, diese denn doch noch mehr Verstündniß für dieselben haben, als unsere leitenden (?) jüd. Kreise. Wir ersehen aber auch hieraus, woher es eigentlich kommt, daß christl. Fachgenossen die Arbeiten jüd. Autoren, die sie vielfach benutzen und ausbeuten, gleichwohl so von oben herab beurtheilen. Gerade die Kreise, welche in erster Reihe bei einer Herausgabe von Regesten für die Geschichte der deutschen Juden im Mittelalter interessirt sind, fühlen sich durch diese Taktlosigkeit in höchstem Maaße verletzt, und es steht nicht zu erwarten, daß sich tüchtige und charactervolle jüd. Gelehrte nach diesem Vorgänge dazu hergeben werden, im Solde jener Herren zu arbeiten, die jüd. - wissenschaftliche Leistungen so wenig zu schätzen wissen, daß sie einen Grätz nicht zu den „geschulten" jüd. Historikern zählen, denn ein Gelehrter wie Grätz, der zu einer solchen Arbeit, wie sie vom Vorstande des D.-J. G.-B. geplant wird, geradezu prädestinirt ist, gehört nicht zu jenen Männern, die man sich nachträglich „coopicrr", er ist vielmehr in erster Reihe berufen, hier mitzusprechen und die Weise anzugeben, in der das Prvjecl verwirklicht werden kanti. Ob aber die Gemeinden sich zur Herbeischaffung der Geldmittel werden bereit finden lassen, wo die eigentlich berufenen Kreise sich mit Recht widerstrebend oder doch gleichgültig verhalten, das wollen wir »och abwarten. Velatus. A»s Zkheiutzeffen, 19. Oclbr. (Or.-Corr.) Sie brachten jüngst aus Hamburg einen Artikel, der von dem „über das Grab hinaus" reichenden Fanatismus der Orthodoxie berichtete. Das erinnerte mich an ein Erlcbniß aus meinen Wanderungen in der jüngsten Ferienzeit, das ich zu Nutz und Frommen derjemgen, die etwa gleichen Weges kvminen mögen und sich vor berechtigtem Schmerz schützen wollen, hier erzähle. Kennen Sie Bingen, diesen prächtigen Fleck deutschen Bodens? Die Herrlichkeiten der Natur vereinigen sich hier mit dem Meisterwerke der deutschen Kunst, dem herrlichen Denkmale, das uns an eine glorreiche Zeit der deutschen Nation erinnert, an die wiedererstandene deutsche Einheit. _ Und wenn man erst die Höhen ringsum besteigt und hinschaut auf die gesegneten Hügel allerwärts, die in reicher Fülle und unvergleichlicher Güte die Gottesgabe reifen, die das Menschenherz erfreut! Immer neue Herrlichkeiten bieten sich da dem Auge dar! — So wanderte ich, von einem Schulmanne in leitender Stellung in Bingen eingeladen, auf einem mir neuen Pfad, der Steigweg genannt, den dieser humane Mann mir zeigen wollte, hinan, immer um- und ausschaucnd und den überraschten Blick nach allen Seiten hinlenkend; vor mir in gleicher Höhe dies Denkmal, Schloß Klopp, den ganzen Niederwald, unter mir Bingen, rechts die Rochushöhe, links die Biegung des Rheins weit abwärts, die man nur von hier sehen kann, zur Seite das Nahethal! — Da, auf der Höhe angekommen, stand ich ans einmal stille, mein Fuß war wie angewurzelt, und das ganze, große Wehe des Judenthums der Gegenwart überkam mich so urplötzlich und so schmerzvoll, wie noch nie! Bon einem wegbreiten Platze getrennt liegen hier, auf der herrlichen Anhöhe, zwei jüdische Friedhö fe nebeneinander, der eine von einer hohen Mauer umgeben, der andere von Holzpfählen cingezäunt, in Mitten der Weinberge des Scharlachskopfs! Der letztere Frieohof, der „orthodoxen" Austrittsgemeinde angehörig, obgleich nach den Steinen zu urtheilen, schon 4—5 Jahre alt, enthält nur 3 Gräber, des eines alten Mannes, einer alten Frau und eines Knaben von 15 Jahren. Und die Grabsteine trugen durchaus nicht das Gepräge der Orthodoxie. Die nach außen gerichtete, vergoldete Inschrift des zuletzt genannten Knaben war sogar ganz deutsch, kein hebräischer Buchstabe von außen sichtbar! Auch die anderen Steine trugen theilweise deutsche Schrift und waren durchaus nicht von jener Einfachheit und Gleichmäßigkeit, die die alten Grabstätten so eindrucksvoll machten und die beizubehalten eine edlere Aufgabe des Judenthums wäre als manches Andere! Selbst die hebr. Inschriften, mit vielzeiligen Akrostichons, entsprechen nicht meinem Geschmacke; ich halte sie nicht fürwürdig, schon weil sie zumeist der Wahrheit ebenso wie der hebr. Sprache Gewalt anlhun. Eine Grabschrist ist um so ergreifender, je weniger Worte sie hat. Doch an all das dachte ich nicht in diesem Augenblicke! Ich dachte nur an den Schnitt ins Leben des Judenthums und der Judenheit, den hier diese Todtcn darstellen. Ich dachte nur an das tiefe Wehe, das den fühlenden Juden ergreifen muß, wenn er an dieser herrlichen Gräberstätte, wie sie großartiger in ihrem wahrhaft göttlichen Schmucke, wohl nicht auf deutscher Erde, vielleicht nirgendwo gefunden wird, Angesichts des Denkmals der deutschen Einheit, von der Uneinigkeit und Zerrissenheit des kleinen Häufleins sprechen und an dieselbe denken muß, dem er durch die Religion, deren höchstes Ziel der „Frieden" ist, angehört. Die isr. Religionsgemeinde Bingen zählt nur etwa 100 Familien und man sieht ihren Friedhof weither, wenn man den Rhein aufwärts kommt. — Mein humaner Begleiter mußte fühlen, was in mir oorging, denn er sagte: „Ach, ich hätte Sie nicht hierher führen sollen. Ich kann inir bei Ihren mir wohlbekannten Gesinnungen, bei Ihrem Streben, immer mit Stolz die Glanzseiten des Judenthums hervorzuheben, denken, was Sie hier fühlen, wo Ihnen der Starrsinn des Fanatismus bis über das Grab hinaus entgegentritt". Und warum diese Trennung? Wie ich mir habe sagen lassen, nur wegen der Orgel und einem Gebete für eine Behörde, die seit mehr als tausend Jahre nicht mehr existirt. Aber was hat das mit dem Friedhof zu schaffen, wohin beide nicht kommen? Und mit diesen Gesinnungen und Bestrebungen in Ihrer eigenen Gemeinschaft, — wie können Sie da die Berücksichtigung der Juden und des Judenthums erwarten und durchführen wollen, die Sie und Ihresgleichen anstreben? Sie haben in Ihrem Preisartikel „Toleranz und Humanität" so eindrucksvoll gegen Stöcker und Genossen gesprochen! Und nun sehen Sie — hier! Und wenn Sie wüßten! Dieser Knabe,