Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 45. (5.11.1885)
- Date
- 1885-11-05
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9586215-9584997--5957-9585000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
339 — pp^S ein „Geheimniß" geblieben? Ich habe ja dies in meinem Reorganisations-Artikel ganz klar auseinandergesctzt. Wenn Herr Dr. Stein sich die Mühe genommen hätte, diesen Artikel aufmerksam zu lesen, so würde er weder die Herbart- Zillcr'sche Methode eine „gcheimnißvolle Kunst" nennen, noch würde er in die eine kolossale Unkenntniß der allgemeinen Zustände der iSr. Religionsschule verlachenden Fragen ausbrechen: „Bedarf es wirklich solcher Künste zur Ertheilung eines gedeihliche» Religionsunterrichtes?" Nach dieser Frage zu schließe», hat Herr Dr. Stein keine Ahnung von der Misere der jüdischen Religiousschulcn. Wenn dies aber der Fall ist, dann soll er das Polemisircn gegen Personen, die in der Praxis stehen und die wirklichen Zustände kennen, bleiben lassen. Herr Dr. Stein sieht die Verhältnisse zu rosig an, und das ist bei ihm unbegreiflich. Er hat die spätem Lehrer zu Schülern, die sind aber von einer ganz andern Qualität, als die Schüler, die diese Lehrer später in der Religionsschulc unterrichten. Da reicht oft alle Kunst nicht aus, um einen gedeihlichen Religionsunterricht zu ertheilen, kann nicht ausreichcn, weil die Zeit nicht ausreicht, weil vor lauter Latein und Französich und Musik rc. JV11 ppa nn:ia minn. Einzige 6 Monate sollten Sic nur Lehrer >» einer Religionsschulc sein, und Sie würden über Ihre optimistische Frage: „Bedarf es wirklich" rc. die Hände über den Kops zusanimcnschlagen. Sie müssen nicht von Ihrem Seminar auf die Volksschulen schließen, und Sie müßten mit den Bezirksrabbinern und Schulinspectoren freundschaftliche Fühlung halten wollen, damit sie nicht für utopische Zustände Ihre Lehrer ausbilden, sondern die Wirklichkeit'im Lichte der Wahrheit kennen lernen. Sie sind ja der begeisterte Fahnenträger des Princips der „Harmonie": nun warum fangen Sie nicht bei sich selbst an? Warum suchen Sic nicht die Harmonie mit den Kreisen, die Ihnen Ihre Lehrer abnchme»? Sie sagen selber, es muß auch Harmonie zwischen dem Wesen und den Worten des Lehrers sein: nun warum diese Disharmonie zwischen Ihrem Wesen und Ihren begeisterten Worten für Harmonie? Sie sagen auch: „Nicht Derjenige entspricht dem Ideal, der... . in den 4 Wänden seines Schulzimmers die Grenzen seiner Wirksamkeit sicht, sondern der, welcher draußen im Leben sicht" — das lassen Sie S i ch gesagt sein. Sie kennen nur die Lehrer: wie cs mit den Schulen bestellt ist. und zwar größtenth eils ohne alle Schuld der Lehrer, sondern als Folge unserer Zeitumstände, das wissen wir Rabbiner besser, als Sie. „Es bedarf nur der Harmonie" in der Erziehung — wo zeigt sich aber denn bei Ihnen, dem Apostel der pädagogischen Harmonie-Lehre, die Harmonie? „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" — sind das aber Früchte der Harmonie, wenn man seinem Gegner „Niederträchtigkeit und Strebcrthum" insinuirt? Ich kenne zwar nicht die Adresse, an welche das Cvmpliment gerichtet ist; ich für mich zähle mich wie gesagt zu den „besseren Geistern", die sich nur im „schweren Jrrthum" befinden. Aber es mag für welche Adresse immer bestimmt sein — wenn dies die Früchte der Harmonie sind, dann danke ich für — Obst. Des rauhen Basses Gepolter gehört zwar auch zur Harmonie, heißt ja die musikalische Harmonie - Lehre auch „General-Baß". Aber auch der Baß und gerade der Baß will mit einer gewissen Würde gestrichen sein. Wer aber seinem Gegner „Niederträchtigkeit und Streberthum" an den Kopf wirst — der weiß den Fiedclboge» der Polemik wahrhaftig nicht mit Eleganz zu führen, und der Mann von Erziehung, von harmonischer Erziehung, ist gerade in der Situation der Polemik zu erkennen: 10123,10223,12'23. „Niederträchtigkeit und Streberthum", diese Worte habe ich in Berlin oft gehört, natürlich ohne daß es mich anging, wenn ich von der Neuen Friedrichsstraße aus in's Museum ging, da kam ich an den — Höckerweibern vorbei; von Männern, an deren Achtung mir gelegen war, mit denen ich „Harmonie" erstrebt, habe ich diese Waffen nie schwingen sehen. Die hatten immer zu viel Selbstachtung, zu viel Takt, ja zu viel Klug" heit. Den» wer schadet seiner Sache mehr, als wer sie nur mit „Niederträchtigkeit und Streberthum" vertheidigen z» können glaubt. Und das soll noch dazu Harmonie sein! — (Schlug folgt.) Berichte und- Correspondenren. Deutschland. Merlin. (Or. - Corr.) Durch die beiden orthodoxen Blätter in Mainz und Berlin läßt der D.-J. Gemeinbebund bekannt machen, daß er eine „historische Commission zur Erforschung der Geschichte der deutschen Juden? eingesetzt habe, welche aus den Fachgelehrten PPros. DDr. Breßlau-Berlin (Vorsitzender), Stobbc-Lcipzig (stcllvcrtr. Vors.), Bärwald- Frankfurt a. M., L. Geiger, Wattenbach und Weizsäcker (sämmtlich in Berlin) besteht. Dieselbe hat sich bereits cvnstituirt und beschlossen: 1. Die Bearbeitung von Regesten zur Geschichte der Juden im fränkischen und deutschen Reich zunächst bis zum Jahre 1278. Die Regesten sotten behufs möglichst vollständiger Uebcrsicht über das vorhandene Material aus allen urkundlichen, chronikalischen, epigraphischen und Rechtsguellcn in rein chronologischer Folge znsammengestcllt werden. 2. Die .Herausgabe einer „Zeitschrift für die Geschichte der Juden" in Deutschland, in welcher kleinere Qucllencditionen, Abhandlungen, Handschriftcnvcrzeichnisse u. s. w. veröffentlicht werden sollten. Zum Leiter des ersten Unternehmens Ivurdc Or. Breßlau, zum Redakteur der Zeitschrift Or. Geiger erwählt. Indem die Commission weiter die Herausgabe einer Saninilung von commcntirtcn und wissenschaftlich bearbeitetet, liebersetzungen der in hebräischer Sprache abgesagten Quellenschriften zur Geschichte der deutschen Juden in Aussilbt nahin, beschloß sic zunächst, um eine Uebcrsicht über den Umsang und die Bedeutung dieser Arbeit zu gewinnen, eine Bibliographie des handschriftlichen und gedruckten Materials, das für dieselbe in Betracht kommt, Herstellen zu lassen. Für die Bearbeitung dieser Bibliographie sind Verhandlungen mit einen, Fachmanne (Steinschneider?) angekniipst worden. So schön es ist, daß auch nichtjüdische Gelehrte zur Theilnahme an diesem Unternehmen herangezogen sind, so ist es doch unbegreiflich, daß man dc,i jüd. Historiker xax’ Dr. Grätz, sodann Dr. D. Cassel Kayserling, auch Prof. Martin Philippsohn in diese Commission nicht berufen hat. Soweit unser Berliner Correspvndent. Uns ist noch einiges Andere hierbei völlig unbegreiflich. Das Unternehmen an und für sich ist höchst anerkennensiverth, aber man muß sich doch fragen: Gehören dergleichen wissenschaftliche Unternehmungen zum Ressort des D.-J. Gemeindebundes? Sind es nicht vornehmlich practischc Verwaltungsfragen, deren Lösung ihm obliegen? Zu den Hauptzwecken des D.-J. G.-B. gehört in erster Reihe: „Erstrebung eines gleichmäßigen Systems der definitiven Anstellung von Gemeindebeamten" — was hat der Ausschuß zur Lösung dieser Lebensfrage der jüdischen Beamten gethan? Uns ist nichts bekannt. Da steht ferner: „Ausbildung der jüd. Jugend für Handwerk, L a ndwirthschaft und technische Gewerbe" — von einer energischen Thütigkeit Seitens des D.-J. G.-B. ist auch auf diesem Gebiete nichts dekannt geworden. Da ist ihm ferner übertragen: „Förderung des Krankenpflege-Wesens (Ausbildung jüd. Krankenpflegerinnen u. s. w.)" — davon verlautet ebenfalls nichts. Da steht auch im Prvgramni: „Unterstützung von Unternehmungen und Veranstaltungen zur Hebung der Volksbildung unter de» Juden" — was hat der D.-J. G.-B. hier schon geleistet, wer's weiß, melde es uns*) — „und zur Verbreitung richtiger Kenntnisse von dem Wesen und der Geschichte des Judenthums" heißt es weiter, und Jeder, der der Berathung der Statuten in Berlin bcigewohnt, weiß, daß man darunter die Verbreitung populär geschriebener, ausklürend wirkender Broschüren verstanden hat, die sich die Widerlegung und Berichtigung mancher Vorurtheile gegen Juden und Juden- *) Die Unterstützung gewisser jüd. Blätter durch Abonnements ist doch kaum nennenswerth. X ' '