Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 45. (5.11.1885)
- Date
- 1885-11-05
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 338 — wird notwendig dic Religion das Opfer sein und die bloß bürgerlichen Ehen werden in starkem Verhältnis zunehmen. Das sind die folgen, dic man vernünftigerweise voraussehen muß, ebenso wäre eS kindlich, sich darüber zu täuschen, daß die souvcraine Gewalt des Gatten, den „Get“ zu bewilligen, oder zu sversagen, nicht eine schreckliche Waffe sein werde für den Haß, selbst wenn sie nicht ein schändliches Mittel der Erpressung für den Gemeinen werden sollte. Unsere persönliche Erfahrung läßt uns keinerlei Illusionen in dieser Hinsicht, und in vielen Fällen bedurften wir einer sehr großen Selbstbeherrschung, um den Ausdruck unserer berechtigten Entrüstung zurückzuhalte». Selbst diejenigen unserer College«, welche nicht Gelegenheit hatten, solche niedrige Gesinnungen sich vor ihnen entfalten zu sehen, werden uns doch beistimmcn, daß geschiedene Ehegatten, auch wenn die Scheidung aus weniger lchweren Gründen erfolgte, nicht gerade Gefühle tiefer Zärtlichkeit für einander zu hegen pflegen. Nun an diese, wie an die oberste Behörde unseres Cultus, und au alle, denen cs am Herzen liegt, die Religion vor jeden Angriff sicher zu stellen und achtungswerthe Gefühle zu berücksichtigen, richten wir die Frage: ist es gerecht, ist cs moralisch, ist es der Religion von Nutzen, daß dic religiösen Vorschriften solcher Weise von ihrem Ziele abgelenkt werden, um dem Hasse die Waffen, der Gemeinheit eine Prämie zu verleihen? Wir für unfern Thcil denken nicht also, und glauben, daß auf religiösem Gebiete es Keffer ist, durch vernünftige Reformen alle Verwirrung und alle Unordnung z u beseitigen, und darum stehen wir nicht an, eine Reform der raKKinifchen Gesetzgebung hinsichtlich des „Get“ zu fordern“. (Schluß folgt.) Die Pädagogik des Seminardirectors Dr. Stein in Cassel, beleuchtet von vr. G old schm id t-Weilburg. (Fortsetzung.) Ueber die Bedeutung und das Quellengebiet dieses Princips, der Harmonie, giebt uns Herr Dr. Stein ja begeisterten Aufschluß. „Harmonie" — sagt er — „ist das mächtige Princip, welches in der Natur Alles zusammenhält. In wvhlgemeffcnen Bahnen kreisen die Himmelskörper, in richtigem Maaße und Verhältnisse wirken ihre Kräfte, in einheitlichem Zusammenhänge offenbaren sich ihre Erscheinungen. Sollte da nicht auch Ucbereinstimmung und Zusammenklang das naturgemäße Princip der Pädagogik sein?" „Sonderbarer Schwärmer!" möchte ich mit König Philipp ausrufen. Mein sehr verehrter Herr Dr! Die Pädagogik ist Gott s. D. eine realistische Wissenschaft und sie verträgt in dem Aufbau ihrer Principien keine Schwärmerei. Was hat die Astronomie mit der Pädagogik zu thun? Die Pädagogik beruht nach Hcrbart - Ziller auf Psychologie und Ethik, oder noch Drittes, besten Anhänger Sie sinv, auf Aulhropolvgie, also auf „Anatomie, Physiologie und Diätetik, sowie auf Logik, Aesthetik, Sitten- und Religions-Lehre und Psychologie". Aber wo hat man je gehört, daß die Pädagogik aut Astronomie beruhe? Wenn je, so gilt von der Pädagogik das Wort der Schrift: KTt OT3 fO, sie ist nicht im Himmel, sondern „in Deinem Herzen" Mensch, zu suchen. Im Himmel kann Harmonie das „mächtige Princip sein, das Alles zusammenhält", muß cS deswegen auch in der Erziehung sein? „Die Himmelskörper können in wohlgemessenen Bahnen kreisen" und in der Pädagogik braucht darum doch nicht „Harmonie das naturgemäße Princip" sein. Ihr Beweis paßt ebenso gut auf Alles, auf jede Wissenschaft und jede Kunst, selbst auf die Kriegswisscnschast und die Kriegskunst, wie auf die Pädagogik. Das tsrtiurn comparationis sind Sie uns ja auch für die Pädagogik schuldig geblieben. Ferner: „Harmonie ist das mächtige Princip, das alles zusammenhält" — was soll denn in der Pädagogik zusammengehalten werden? Meinen Sie eine Klasse Schüler: nun versuchen Sie es doch einmal, eine Klasse böser Jungen mit „Harmonie" zusammcnzuhalten. Ich fürchte, es wird die xylophonische Harmonie des Stockes daraus werden, wenn Ihnen nichts weiter als „die Harmonie der Sphären" zu Gebote steht. „Harmonie ist das mächt-ge Princip, das Alles zusammenhält" — was soll das bedeuten? Weiß man denn in Cassel gar nichts von einem Newton, der die physikalischen Ursachen festgestcllt hat, die Alles nach mathematisch berechenbaren Gesetzen zusammenhalten und deren Produkt erst dieHarmonie derHimmelskörpcr ist? Und ist cs nicht mit der „Harmonie" in der Kunst der Erziehung ebenso, ist sie nicht vielmehr das Produkt der durch Erfahrung erkannten und »ach nnffenschaftlichcr Einsicht angewendeten Mittel und Ursachen, und nicht „Princip der Pädagogik?" Also mit dem Zauberwort „Harmonie" ist in der Pädagogik der realen Kinderwelt nichts anzufangen. Durch dies Zauberwort erfährt man weder „Ziel" noch „Mittel", weder Stoff-Ordnung, noch planvolle Bcrtheilung, das ist eine geheimnißvolle Formel, die erst durch die Kunst der Erziehung in der realen Welt verwirklicht wird, nicht aber diese verwirklicht. Merkwürdig ist es, wie Herr Dr. Stein diese geheimnißvolle, absolut wesenlose Natur des Princips der Harmonie vollständig verkennt. Ihm scheint Harmonie eine mathematische Figur zu sein, dic an Evidenz nichts zu wünschen übrig läßt. Denn er sagt im Anschluß au sein Princip der Harmonie: „Gleichwohl begegnet man in der Gegenwart einem Bestreben, die Pädagogik von diesem ihrem einfachsten Grundsatz abzulösen und sie wieder zu einer „gehe>mnißvollen Kunst" aufzubauschen. Wenn diese Richtung in Ralcchius (verzeihen Sie: es heißt Ratichius) ihre größte Verkehrtheit erreicht hatte, so war es der geniale Pestalozzi" rc. ...Also die Herbart-Zillech'che Methode, welche nichts weiter ist, als eine zielbewußte Nachahmung der Erfahrung, die vom Concreten zum Abstracteu aufwärts und von dem Allgemeinen zum Besondern zurückschreitet, dieses non plus ultra der Klarheit, welche erst die Verwirklichung des Pestalozzi'schen Princips der „Naturgemäßheit" ist — diese Methode erscheint dem Herrn Dr. Stein als eine „geheimnißvolle Kunst," und sein eigenes Princip der „Harmonie" scheint ihm einfach, klar und naturgemäß zu sein! Giebt es etwas Geheimnißvolleres, als das Wesen der Harmonie? Harmonie, die gar nicht mit dem Verstände erkannt, sondern nur im Gemüthe gefühlt werden kann; sic, die das Princip der schönen Künste ist, deren Produkte nur einer ästhetischen Anschauung, aber keiner logischen Zergliederung fähig sind — sie ist dem Herrn Dr. Stein ein klares, einfaches Gesetz; dagegen ist ihm die nach den festcrkannten Gesetzen der Logik und Psychologie gefügte Pädagogik Herbart - Zillcrs „eine geheimnißvolle Kunst!" — Ja, das kann schon sein; aber ist es dann die Schuld Herbart-Zillcrs, oder dic des Gr. Stein? — Ich glaube selber, daß die Herbart -Ziller'sche Methode Herrn Dr. Stein eine „geheimnißvolle Kunst" sein müsse, denn derselbe spricht immer von den in allen pädagogischen Lehrbüchern breitgcdroschenen Schlagwörtern: „Ziel," „Mittel", „Stoff-Vertheilung", „Lehrplan"; aber merkwürdigerweise von einem „Lehrverfahren" spricht Herr Dr. Stein gar nicht. Was hilft mir alle Erkenntniß des Zieles und der Mittel, die noch so richtige äußere Bcrtheilung des Stoffes, wenn das innere Lchrverfahren, nach denr jeder Unterrichtsstoff in dem Zögling zur Vorstellung wird, nach dem in den erworbenen Vorstellungen Ordnung entsteht und auch die Wirkung auf den Willen erzielt wird — wenn dieses Lehrverfa hren nicht im Besonderen naturgemäß festgestellt ist? Dic Herbart-Ziller'sche Pädagogik ist die einzige, die das Problem des Lehrverfahrens in seiner ganzen Tiefe und Ausdehnung erfaßt und in ihren formalen Stufen genial gelöst hat. Das Ziller'sche Lchrverfahren soll zugleich das erzeugen, was unserer Rcligiousschule hauptsächlich fehlt: immanentes, sortwirkendcs Interesse. Warum ist das Herrn Dr. Stein