Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 44. (29.10.1885)
- Date
- 1885-10-29
- Page
- Seite 332 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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332 — Standpunkte sich befindet, auf dem der Ultramontanismus in der katholischen und die S töcker'sche Partei in der protestantischen Kirche stehen. Gleich diesen sehen auch die „Orthodoxen des Aufrufs" in der Wissenschaft, namentlich in den fortschreitenden Disciplinen der Naturcrforschung, der kritischen Beleuchtung des Geschichtlichen rc., eine die Religion gefährdende Macht, welcher mit allen zu Gebote stehenden, wenn auch nicht gerade so ganz gesetzlich zulässigen und ein wenig lieblosen Mitteln entgegen zu wirken geboten ist. Sie lasse» hierbei nur den Umstand außer Acht, daß einerseits die jüdische Religion dicsS Macht nicht zu furchten hat, und andererseits Katholicismus und Protestantismus durch kirchliche Oberhäupter zusammengehalten werden, so daß die Verbindung der Gemeinden und der Gcmeindeglieder auch bei noch so großer Unduldsamkeit gegen den Freidenkcnden in ihrem Bestände nicht gelockert 'oder der Gefahr einer Auflösung ausgcsctzt wird. Wir Juden haben kein gemeinsames kirchliche Oberhaupt und wenn jede einigermaßen zahlreiche Partei sich besonders vereinigen und eine Scheidewand herbeiführen will, woran sie freilich nicht gehindert werden kann, welcher Zersplitterung ginge das Judcnlhum entgegen! Herr Rabbiner Hirsch gründet eine freie Vereinigung des orthodoxen Judenthums. In etwa 5—10 Jahren tritt eine Meinungsverschiedenheit ein, dann müssen die heutigen Orthodoxen innerhalb ihrer jetzt entstehenden Bereinigung wiederum eine neue „freie Vereinigung" zu Stande bringen und so soll es sortgehen bis — nur noch einige Atome orthodoxer Juden vorhanden sind. Und das soll zum Heile des Judenthums dienen? Doch der jüdische Geist als Geist der Wahrheit und Liebe — der mit der Orthodoxie nichts zu schassen hat — ist ein unsterblicher und wird auch diesen seinen gefährlichsten Feind überwinden. Aus Hstpreußen, 20. Oktober. (Or.-Corr.) Im Gegensatz zu der in Ihrer jüngsten Nr. unter „Beuthen" ausgesprochenen Ansicht, glaube ich, daß es Pflicht eines jüdischen Blattes ist, die generellen Berichte der politischen Tagesblätter über die Ausweisungen durch Details zu ergänzen, die auf die jüdischen Gemeinden Bezug haben, darum sende ich einiges zuverlässige Material über die Wirkungen der Ausweisungen in den hiesigen Gemeinden. Aus de» Kreisen Memel und Tilsit sind nicht weniger als 5 Cultusbeamte (Schächter) ausgewicsen, der Schochet von Ruß ging nach Amerika. Der Schachet, in Heydekrug bei Memel, wurde zudem noch mit 50 Mk. in Strafe genommen, mit der interessanten Motivirung, schachten d. h. schlachten könne Jedermann, dagegen dürfe kein Ausländer Borbeter sein. Zwei Schochtim, welche ganz in der Nähe der Grenze wohnten, sind nach Rußland übergesiedelt und kommen mit Erlaubniß zwei Mal wöchentlich über die Grenze, um iu ihrem alten Bezirk zu schlichten. Schlimmer sieht es in Memel selbst aus. Von 1214 Seel-Jude», welche Memel noch vor einigen Jahren hatte, sind bereits ca. 400 fort. Das Hilfskomits hat am 15. seine Listen geschlossen. Wenn auch der größte Theil der Fortgeschafftcn nur fluktuirendcs Proletariat war, das über die Grenze hin und zurück wanderte, um im Hausirhandel sein Dasein zu fristen, so wird der Bestand der Gemeinde jedoch insofern nicht unwesentlich alterirt, als dieselbe mit ihre» Institutionen bereits auf diese Insassen eingerichtet tvar. Or. Rülf hat infolge seiner unermüdlichen Sammlungen ein großes Krankenhaus und eine Schule eingerichtet, die jetzt fast verödet sind. Ein weniger drastisches aber eindringlicheres Bild, weil es sich um den Fortbestand einer einst wohlhabenden Gemeinde handelt, die alle ihre Institutionen aus sich herausgeschaffen hat, gewährt die Gemeinde Tilsit. Hier zogen allein in den Jahren 68—74 ca. 20 wohlhabende Gemeindeinitglieder nach Berlin, in den letzten Jahren rückten wieder 10 Familien, die hohe Gemeindeabgaben entrichteten, ihr Domizil nach Westen und jetzt sind 42 Seelen ausgewicsen, nur einige wohlhabendere Familien haben Aufschub erhalten Daß somit der Zuschnitt der Grenzgemeinden im Osten sich allmählich ganz und gar ändern muß, ist klar. Darüber nächstens mehr. Memel, 20. October. Die hier erscheinende, von vr. Rülf redigirte. Zeitung „Memeler Dampfbool", veröffentlicht heute die Ausweisungen betreffend den nachfolgendcn kurzen Bericht: „Das ständige Hilsscomits für die Nothständc Russischer Israeliten", welches hierorts nun seit 15 Jahren besteht, hatte die Unterstützungen der des Landes verwiesenen Israeliten der hiesigen Stadt, sowie der Kreise Memel und Heydekrug übernommen. Um nun einen Ueberschlag über die Höhe der erforderlichen Mittel zu gewinnen, hatte das Comits bekannt gemacht, daß mit dem heutigen Tage die Listen geschlossen werden sollten, hat aber die Ueberzcugung gewonnen, daß noch lange nicht alle ausgenommen sind, welche der Unterstützung bedürfen. Sehr viele hoffen noch, daß die Ausweisungen zurückgenommen oder daß sie wenigstens den Winter über verbleiben können und yabeu sich noch gar nicht eintraqen lassen. Bis jetzt sind 518 Personen in den Listen verzeichnet, für welche allein an festen nach einem gewissen Principe normirtcn Quoten Mk. 17 210 ausgeworfen wurden. Sehr viele, welche völlig mittellos sind und nicht einmal ein ordentliches Kleidungsstück für sich und ihre Kinder besitzen, zudem auch nach überseeischen Ländern befördert werden müssen, weil sie auch nach Rußland nicht zurllckkommcn dürfen, können mit ihrer Quote absolut nicht auskommen. Das Comits hat darum neben dem Hauplfonds einen Reservefonds gebildet, aus welchem die nöthigen Unterstützungszuschüsse gewahrt werden. Dieser Reservefonds, ursprünglich nur aus 3000 Mk. bestehend, ist durch Sammlungen am hiesigen Orte einigerinaßen aufgebessert worden, und sollte er nicht ausreichcn, so wird er noch weitere Zuschüsse aus dem Hauptfonds erhalten müssen. Unter den Unterstützten befinden sich auch viele Christen aus dem Untcrstützungsberciche des hiesigen „Armen-Unlcrstützungs-Vcrcins". Auch die ausgeiviescnen Christen aus den ländlichen Bezirken hätte das Comits gern berücksichtigt; allein das ging bei dem besten Willen nicht. Dazu hätten seine Mittel nicht ausgcreicht. Bon den Nusgewiesenen haben schon Viele den Ort verlassen, sind entweder nach Rußland oder nach England und Amerika gegangen. Einzelne, welche Verwandle in Süd- Deutschland besitzen, haben sich dorthin begeben. Das Gros befindet sich jedoch »och am Orte; denn da die Fristen bis zum 15. rcsp. 20. November reichen, so suchen sie noch jeden Augenblick auszunutzen und ihre wenigen Habseligkeiten zu veräußern. Eine kleine Anzahl von Ausgewiesenen wird auch wahrscheinlich die Erlaubniß erhalten, noch einige Monate länger zu bleiben oder der Ausioeisungsbefchl wird vielleicht auch ganz zurllckgenommeu werden. Es war wahrlich keine kleine Arbeit, die Geldsummen zu den Unterstützungen herbeizuschaffcn, dieselben zu quotiren und zu vcrtheilen, überhaupt mit aller Kraft für die Unglücklichen einzustehen und in bester Weise sie zu berathcn und für sie zu sorgen. Möge cs der allglltige Gott verhüten, daß ein solches unglückliche Ereigniß sich jemals wiederhole. Dem vorstehenden Berichte über die Ausweisung wollen wir noch hinzufügen, daß sich am hiesigen Orte auf Anregung des Hauptcomitss ein zweites Comitä gebildet hat, dessen Thätigkeil darin besteht, das umfangreiche Unterstützungswcrk des Hauptcomitss derart zu ergänzen, daß es die Verhältnisse und Bedürfnisse der von der Ausweisung betroffenen und vom Hauptcomits den festgestcllten Quoten gemäß bereits unterstützten Personen näher zu prüfen, denselben, wo es nothweudig und geboten scheint, Extra-Unterstützungen zu gewähren und so die vom Hauptcomits mit rcgstein Eifer betriebene Unterstlltzungsarbeit hier und da zu vervollständigen hat. — Die hierzu nöthigen Mittel wurden, wie oben bereits schon angedeutet ist, vom Hauptcomitö gewährt, andertheils jedoch wurden sie durch Sammlungen bei den jüdischen Einwohnern der Stadt, sowie bei den unseren Or