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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-10-29 · N° 44. (29.10.1885) · p. Seite 331

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 44. (29.10.1885)
Date
1885-10-29
Page
Seite 331 (sequence 3)
Language
German
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— 331 Dr. Stein meint also, ich befinde mich, indem ich Hcrbart-Ziller vorschlug, in einem „schweren Jrrthum". Wie beweist er das? Durch folgende Sätze: „Bedarf cS wirklich solcher Künste zur Erthcilung eines gedeihlichen Religionsunterrichts? Mufi die Hcrbart - Ziller'schc Methode vorgespannt werden, um den Wage» von der Stelle zu bringen? Lauert gar eine höhere Weisheit — wie manche durchbacken lassen — noch im Hintergründe, welche bis jetzt nicht offenbart worden ist? O nein, durchaus nicht. Es bedarf nur eines klaren Bewußtseins von Ziel und Mittel; nur einer klaren Ordnung des Stoffes und des Planes scinar Vertheilung; nur des natürlichen und ungesuchten Zusammenhanges mit den übrigen Unterrichtsgegenständen — es bedarf nur der Harmonie." Mit einer solchen Beivcisfllhrung will ich alles Mögliche in den angewandten Wissenschaften beweisen, z. B. den Satz: „Es gehört gar keine besondere Kunst dazu, ein reicher Mann zu werden!" Nämlich so: Bedarf es wirklich solcher Künste dazu? O nein, durchaus nicht. Es bedarf nur cincs klaren Bewußtseins davon, wie man eS anfangcn muß, um recht viel Geld zu verdienen, „des Zieles und der Mittel", nur einer klaren Ordnung des Geschäftsganges und Planes u. s. w. — alles Andere ist Nebensache!" — In dieser Manier ist eben Alles als „Kleinigkeit" hiiizustellen: es gehört gar keine Hexerei dazu, man muß nur wissen, wie es gemacht wird. — Aa aber, tuen» Jemand so unbescheiden wäre, zu fragen: wie wird es denn gemacht? Oder mit anderen Worten: welches ist das Ziel der Religionsschule? Welches sind die Mittel? Wie muß der Stoff geordnet, nach welchem Plane muß er vcrtheilt werden? Wie wird der Zusammenhang mit den übrigen Gegenständen natürlich und ungcsucht hergestcllt? Hie ßkodus, hoc salta! Ist das etwa eine Kleinigkeit? Dem Herrn Dr. Stein ist das Alles sicherlich klar. Er ist ja Pädagoge von Beruf, ist ja Dircctor eines Lehrer - Seminars, er kennt das Alles auf's Gründlichste, ihm ist in dieser Hinsicht nichts zweifelhaft. — Aber wir sind ja nicht alle Seminar - Direetorcn, wir haben ja auf ander» Gebieten unser» Beruf, wir sind ja nur einfache Lehrer, die nicht alle im Stande sind, erst das ganze Gebiet der Pädagogik zu durchdringcn und die Anwendung davon aus die speziellen Verhältnisse unserer Religionsschule zu machen. Uns Andern müssen die Meister der Pädagogik zu Hilfe kommen, und wenn Herr Dr. Stein ein solcher Meister ist, dann muß er es uns in's Spezielle sagen: welches ist das Ziel, welches sind die Mittel rc. unserer Religionsschulc? — Das thut aber Herr Dr. Stein nicht; et sagt nur: es gehört weiter nichts dazu, als daß man das alles — wisse, ein „klares Bewußtsein" davon habe! — Das ist es ja eben, was ich an der Hand Herbart-Ziller'scher Grundsätze klar zu stellen versuchte: welches ist das Ziel unserer Religionsschule, welches sind die Mittel? Wie soll der Stoff geordnet, wie vcrtheilt und sogar, auf der Stufe der Association, wie soll er mit den übrigen Uuterrichtsgegenständen in natürlichen und ungesuchten Zusammenhang gebracht werden? — Doch nein: Pardon! Ich muß Herrn Dr. Stein und den Leser um Verzeihung bitte». Ich sagte, Herr Dr. Stein sage es uns nicht, wie das Alles gemacht wird. Ich habe ihm Unrecht gethan. Er gicbt uns das Zauberwort an, mit dem dies Alles federleicht erschlossen wird, das Zauberwort: „Harmonie"! „Es bedarf nur der Harmonie" — spricht vr. Stein gelassen aus. lF-rtsetzung folgt.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 22. Octbr. Aus der heftigen Zeitungspolemik, die der Redactcur des „Reichsboten", vr. „Philadclphiae", Simon May, und Herr Prof. vr. H. Strack, wegen des Kol Nidre hatten, hatte sich eine Doppel-Jnjurienklage und Wiedcrklage entspannen, die vorgestern vor dem hics. Schöffengerichte zur Verhandlung kam. Mittheilenswerth ist daraus, daß der schon früher wegen Unterschlagung bestrafte May erklärte, daß er durch Beschluß der Redaction des „Reichsboteu" zur Klage veranlaßt worden sei; ferner folgende von Prof. Strack vorgelcsene, gegen Stöcker gerichtete characterlstische Erklärung: . , „In meinem ganzen Verhalten zu dem Hofprediger Stöcker habe ich bis zum Aeußerstcn fo weit, daß ich sogar in der Oeffentlichkeit den Schein gegen mich sein ließ, dem Frieden und der Vermeidung öffentlichen Acrgernisses nachgejagt. Der Herr Hofpredigcr Stöcker hat sich aber mir gegenüber derartig benommen, daß das königl. Landgericht I., wenn ihm bei dem Processe gegen die „Freie Zeitung" diejenigen Aeußcrungeu Stöcker's, welche ich beweisen kann, bekannt gewesen wären, die Art, in der der Herr Hofprediger Stöcker 'mit seinem Worte umgegangen ist, mit einem schärferen Ausdruck als „leichtfertig" bezeichnet haben würde-" Hier unterbrach der Vorsitzende den Redner und erklärte die Erörterung dieses Thema's als nicht zur Sache gehörig. Nach geschlossener Verhandlung erkannte der Gerichtshof dahin, daß der Beklagte, Prof. Strack, für straffrei zu erklären sei, weil die Beleidigungen gegenseitig gefallen mären. Dagegen seien die Beleidigungen des Klägers M a y ungleich gröberer Natur; derselbe sei daher mit 30 Mark event. 6 Tagen Haft und die Prozeßkoften zu belegen. Aom Mein, October. (Or.-Eorr.) „Was ich zu der Aufforderung zur Bildung der freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judcnthums" sage, fragen Sie mich. Ich halte, offen gestanden, wenig von dieser demonstrativen Aufforderung, weil der jüdische Geist in ihr fehlt und ein unjüdischer in derselben eben so waltet, wie er der Urheber des Austrittsgesetzes war und das ja eben deshalb nicht den beabsichtigten Erfolg hatte. Der jüdische Geist, wie er in der Bibel und im Talmud, in den Eomentarcn, philosophischen Schriften und ethischen Werken waltet, ist ein Geist der Wahrheit und des Friedens; ein Geist echter Frömmigkeit und Einigung; ein Geist der Demuth und Liebe! Zeigt sich von allem diesem in dem Aufrufe auch nur eine Spur und nicht vielmehr von Allem das Gegcntheil? „Orthodox" und wieder orthodox und nichts als orthodox. Und wem steht die Entscheidung zu, wer oder was orthodox ist? natürlich Herrn Rabbiner Hirsch in Frankfurt! Ist eine solche Anmaßung nicht etwas Unerhörtes? Darum glaube ich: das unlautere Motiv ist an sich schon ein Keim der Verwesung des Unternehmens. Man will eben jeden Zusammenhang der eigenen Genossenschaft mit der übrigen Judcnheit beseitigen. Separation, vollständige, allgemeine Separation soll der Orthodoxie das Dasein fristen und gegen die Mächte schützen, deren unabänderliche Kraft man fürchtet. Auch gegen den Ge mein de bund ist trotz dessen momentaner Anlehnung an die Orthodoxie die Aufforderung gerichtet; man traut offenbar seinen orthodoxen Anwandlungen nicht, die ja bei anderer Leitung wieder in's Gegcntheil Umschlagen könnte, ja Umschlagen muß, denn die große Mehrzahl der liberalen Gemeinden werde sich doch auf die Dauer nicht am orthodoxen Güugelbande schleppen lassen. Und weil man be» erwachenden Geist dieser liberalen Elemente fürchtet, darum will man sich bei Zeiten gegen das Eindringen desselben verbarrikadiren. Ja, stünde der D.-J. Gemcindebund auf der Höhe seiner Ausgabe, so wäre er die schönste „freie Vereinigung" unter dessen Fahne alle eine zeitgemäße Entwickelung des Judenthums anstrebenden Elemente sich vereinigen könnten, und dieses hätte von der orthodoxen Vereinigung gar keine Gefahr zu fürchten. Hoffentlich sehen die Leiter des D.-J. G.-B. den großen Fehler ein, den sie gemacht, ein unnatürliches Bündniß mit der Orthodoxie anzustreben. Die Orthodoxen trauen ihnen doch nicht, und das Vertrauen der liberalen Gemeinden waren sie im Begriff zu verlieren. Es ist ja klar, daß unsere „Orthodoxie" ganz auf demselben n \ 1 '

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