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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-10-29 · N° 44. (29.10.1885) · p. Seite 330

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 44. (29.10.1885)
Date
1885-10-29
Page
Seite 330 (sequence 2)
Language
German
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— 830 — Form und Inhalt zu Erhaltenden festzustellen sind, praktisch, insofern für die Anhänger ihrer Richtung die erforderlichen Hilfsmittel und Bencficien ins Leben rufen muß. Die Reform-Idee im Anfänge der neuesten Zeit war ein Extrem und mußte unterliegen. Aber ihre S tag Nation ist ein Unglück, ist die Mutter des Jndifferentismus, ist der Sumpf, aus dem die Giftpflanze der Orthodoxie ihre Nahrung schöpft. — Der gütige Kern der Reform - Idee darf nicht der Verwesung anheimfallen, sonst ist das Judenthum verloren. — Die Ortbodoxie ist in der Minderheit, in ganz verschwindender Minorität: soll die erdrückende Majorität sich von ihr tcrrorisiren, die heiligsten Güter des Judenthums von ihr ideal und real den, sichern Untergang zufllhren lassen? Nein! darum: Hrgauisatio« gegen Hrganisation! Die Pädagogik des Seminardireetors Dr. Stein in Cassel, beleuchtet von Or. Goldschmidt-Weillmrg. Herr Or. Stein, Director des jlld. Seminars in Cassel, hat die Conferenz der israelitischen Lehrer seines Regierungsbezirks am 6. Juli zu Eschwege mit einer Rede eröffnet, in der er mich, wenn auch ohne meinen Namen zu nennen, vielleicht nicht nur angegriffen, sondern auch beschimpft hat. Diese Rede ist vom Seminardirector Or. Stein in der Beilage zu Nr. 3l der „Jüdischen Presse" veröffentlicht worden und lautet: „Geehrte Herren! Indem ich Sic Namens des Ausschusses der israelitischen Lchrcrconscrcnz Hessens herzlich willkommen heiße, gebe ich zugleich meiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß Sie nicht allein aus den entferntesten Gegenden unseres Regierungsbezirks in dieser etwas entlegenen Stadt sich eingesunden haben, sondern daß wir auch wiederum Gäste aus den verschiedensten Berufskreiscn und Lebensstellungen in unserer Mitte erblicken. Giebt doch das übereinstimmende Interesse an dem Werke der Jugenderziehung ein Bild desjenigen, was inderPädagogik dieHauptsache ist, nämlich der Harmonie. Harmonie ist das mächtige Priucip, welches in der Natur Alles zusammenhält. In wohlgemessenen Bahnen kreisen die Hinunclskörper, in richtigem Maße und Verhältnisse wirken ihre Kräfte, in einheitlichem Zusannnenklange offenbaren sich ihre Erscheinungen. Sollte da nicht auch Ue'bercinstimmung und Zusammenklang das naturgemäße Princip der Pädagogik sein? Gleichwohl begegnet man in der Gegenwart einem Bestreben, die Pädagogik von diesem ihrem einfachsten Gesetz loszulösen und sie wieder zu einer gehcimnißvollen Kunst aufzubauschcn. Wenn diese Richtung — wie uns die Geschichte lehrt — in Ratschius ihre größte Verkehrtheit erreicht hatte, so war cs der geniale Pestalozzi, der die Erziehung und geistige Ausbildung aus ihre wahrhaften Grundlagen zurücksührte und sic ihren natürlichsten Vertretern, den Müttern, wieder zurückgcben wollte. Das schließt selbstverständlich Gesetzmäßigkeit und Ordnung, Erkenntniß des Zieles und Bcrständniß der Mittel nicht aus. Nur der Uebcrtreibung und Wichtigthuerci sollen Schranken gesetzt werden. Ganz besonders wird man auf diesen Gedanken gebracht, wenn man die vielen Hypothesen betrachtet, die jetzt über jüdischen Religionsunterricht in einigen jüdischen Zeitschriften sich brcitmachcn. Mag auch ein Theil derselben aus Niederträchtigkeit, aus Streberthum und dgl. entspringen, so sind doch selbst die bessern Geister von einem schwcrenJrrthum befangen. Bedarf es wirklich solcher Künste zur Erthcilung eines gedeihlichen Religionsunterrichts? Muß die Herbart-Zillerffche Methode vorgespannt werden, um den Wagen von der Stelle zu bringen? Lauert gar eine höhere Weisheit — wie manche durchblicken lassen — noch im Hintergründe, welche bis jetzt nicht offcnbart worden ist? O nein, durchaus nicht. Es bedarf nur eines klaren Bewußtseins von Ziel und Mittel; nur einer klaren Ordnung des Stoffes und des Planes seiner Verthcilung; nur des natürlichen und ungesuchtcn Zusammenhangs mit den übrigen Unterrichtsgegenständen — es bedarf nur der Harmonie. Ja, ich gehe weiter, m. H. Die Gedeihlichkeit des Religionsunterrichts beruht auch darauf, daß das ganze innere Wesen des Lehrers mit seiner Lehre in Einklang stehe, daß sie nur natürlicher Ausfluß und Erguß desselben sei. Was ist demnach von jenen radicalen Wortführern zu halten, die ein gleißnerifchcs Lehrgebäude ausstellcn, mit ivelchem ihre Gesinnung im schroffsten Widerspruche sicht? Die einer Sache das Wort reden, der sie in tiefster Seele längst abhold geworden sind? Es beruht endlich die Gedeihlichkeit des Religionsunterrichts darauf, daß der Lehrer außer seiner schulamtlichen Thätigkeit dic- ,en,gen Functionen noch übe, welche eine Verkörperung der Religionslchrc, eine Verwerthung und Verwirklichung derselben ausmachen. Da steht denn das Borsäugcramt oben an. Was kann dem Kinde die Wahrheit und Aufrichtigkeit religiöser Lehren einleuchtender machen, als wenn cs den Verkündiger derselben sic selbst öffentlich üben sieht; als wenn es denselben in Andacht und Würde die heiligen und traditionellen Melodien anstimmcn hört; als wenn cs das Ideal eines wirklich frommen und gottergebenen Beters in ihm erblickt? Und selbst diejenige Function, welche .am meisten an die ehemaligen Op serpriestcr erinnert — vermag sie nicht bei richtiger Auffassung gleichfalls dem genannten Zwecke zu dienen und in die Harmonie des Ganzen sich einzufügen? Niemand wird alsdann sagen, daß die O p f e r gesetzc veraltet seien, wenn er sie in dieser Form immer noch lebendig findet. Umsomehr können tvir uns befriedigt fühlen, daß in unserem Hcssenlande eine weise Gesetzgebung das israelitische Lehramt mit diesen nothwendigcn Attributen umgeben bat. Sie hat zunächst nicht vom ganzen Lchrsystcm losgerissenc Religionsschulcn, sondern vollberechtigte Elementarschulen für den gesammtcn Jugcndunterricht geschaffen. Sic hat sodann den Lehrer zum berufenen Leiter des Gottesdienstes und der damit in Verbindung siebenden Functionen gemacht; sie hat ihm endlich auch die Uebung des Schächteramtes nicht versagt, wenn cs ohne Schädigung der übrigen dienstlichen Obliegenheiten ausgcsührt werden kann. Ja, m. H., Harmonie in Gesitlnung und Thal, i» Leben und Wirken macht den rechten Lehrer aus. Nirgends wird Heuchelei und Verstellung mehr bemerkt, als in der Schule; der Widerspruch zwischen Können und Wollen, zwischen Befähigung und Ausführung wird von Keinem schneller entdeckt, als vom Kinde. Nicht derjenige entspricht dem Ideal, der in der Schule eine bloße Unterrichtsanstalt erkennt, sondern der, welcher auch eine Pflanzstätte für das religiöse und sittliche Leben in ihr erblickt; nicht derjenige, dem die sinnst des schnellen Lchrens die Hauptsache ist, sondern der, welcher in der Harmonie der geistigen Entwickelung seine Ausgabe findet; nicht derjenige endlich, der in den vier Wänden seines Schulzimmcrs die Grenzen seiner Wirksamkeit sieht, sondern der, welcher auch draußen im vollen Leben steht: im Streben nach Vervollkommnung, im Verkehr mit seinen Amtsgcnossen, im Zusammenhänge mit der Welt überhaupt. Möge auch diese unsere Conferenz eine» Werkstein zum Gebäude des harmonischen Wirkens hcrbeitragen." Die Hecbart'Ztller'sche Methode habe ich in Nr. 16 bis 20 des „Jüd. L'tteratur-Blattes" für die isr. Religionsschule vorgeschlage»; von dem Satze: „Mag auch ein Theil derselben aus Niederträchtigkeit und Streberthum u. dgl. entspringe», so sind doch selbst die bessern Geister „von einem schweren Irrt hum befangen" bezieht sich also ei» Theil wenigstens auf mich. Zwar läßt mir in diesem Satze Herr Or. Stein die Alternative, die „Niederträchtigkeit und Streberthum" oder „den schweren Jrrthum" auf mich zu beziehen, und da ich unbescheiden genug bin, mich zu den „besseren Geistern" zu zählen und gar keine Ahnung habe, wieso Herr Or. Stcili bei mir „Niederträchtigkeit und Streberthum" vermuthen kann, so zweifle ich nicht daran, daß er nur bei dem „schweren Jrrthum" an mich und meine „Herbart-Ziller'sche Methode" gedacht hat. Wie aber, wenn der Leser und der Zuhörer die Loose anders vertheilt? — Und es giebt Leser, welche glaubten, der Herr Or. Stein habe mit seiner „Niederträchtigkeit" und seinem „Streberthum" mich gemeint, Leser, die mir in Folge dieser Auffassung die betreffende Nr. der „Jüdischen Presse", deren Abonnent ich nicht bin, zugcschickt haben. Ich zweifle nicht daran, daß diese Auffassung entschieden falsch ist, oder — — Herr Seminar - Director Or. Stein wäre nicht der Ehrenmann, als welcher er von seinen Schülern geschildert wird. Für Beschimpfung hätte ich nur Verachtung; gegen Angriffe auf meine Ansichten steht mir das Recht der Vertheidigung zu, von wclcheln ich hier Gebrauch machen will. Natürlich wird meine Vertheidigung sich streng in den Schranken des Sachlichen halten und ich zweifle nicht, daß Herr Or. Stein in einer so wichtigen Angelegenheit, wie die Pädagogik unserer Religionsschule, mich trotz meiner Polemik nicht als Feind und Gegner, sondern als Mitarbeiter an den höchsten Ausgaben seines eigenen Berufes betrachten und willkommen heißen wird.

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