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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-10-22 · N° 43. (22.10.1885) · p. Seite 326

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 43. (22.10.1885)
Date
1885-10-22
Page
Seite 326 (sequence 6)
Language
German
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— 326 — solche Lehrer wäre eine unverzeihliche Härte und Ungerechtigkeit gegen die rechtzeitig cingetrctcnen, vollberechtigten Mitglieder, deren Anthcile geschmälert würden. (Schluß folgt). Kanuover. (Or.-Corr.) Gestatten Sie mir nun. wenn auch in Kürze, die Tagesordnung der am 4. hier abgchaltenen jüd. Lehrer-Conferenz zu besprechen. Nach einigen geschäftlichen Mittheilungen, und nachdem per Acclamation die bisherigen Vorstandsmitglieder M. Fanerbach-Hildcsheim und Sommer-Hannover wiedergewählt und zu Schriftführern Katz und Dr. David-Hannover berufen worden waren, wurde in die Berathung und Beschlußfassung über eine von vr. David entworfene Geschäftsordnung cingetrete». Mit geringen Modificationen fand sie die Zustimmung der Versammlung. Der 3. Punkt: Bericht über die Berliner „Schulmänner-Conferenz", den Herr Sommer erstatten wollte, wurde von der Tagesordnung abgesctzt. Katz-Münden hielt dann seinen Vortrag: „Ueber Mittel und Wege zur Erreichung einer Gehaltsscala". Der Vortrag mar mit schönen Redewendungen ausgeschmückt, entfernte sich etwas zu weit vom eigentlichen Thema, weshalb auch der Boden zu einer fruchtbringenden Discussion nicht vorhanden war. Die von dem Referenten gestellten Thesen fanden zum Theil nicht die Zustimmung der Versammlung. In Verbindung mit diesem Vortrag stand der des Herrn Weinberg- Bodcnfelde: Ueber Mittel und Wege zur Erreichung der definitiven Anstellung für die isr. Lehrer in der Provinz Hannover. Der Vortrag euthiclt recht schöne praktisch verwerthbarc Gedanken, aber das mit Fleiß zusammengetragene Material war nicht genügend gesichtet und die an den Vortrag geknüpften Thesen wurden von dem Referenten selbst vor der Beschlußfassung zurückgezogen, statt dessen gelangte von ihm ein Vorschlag an die Versammlung, in einer Petition an die Königl. Regierung die Bitte zu richten, die definitive Anstellung der isr. Lehrer in der Provinz Hannover regeln zu wollen. Nach diesen mehr die materielle Lage der isr. Lehrer berücksichtigenden Vorträgen hielt Katz- Hannover seinen aus dem praktischen Schullebcn gegriffenen, mit allseitigem Beifall ausgenommeneu Vortrag über vas Bibcllesen in der jüdischen Volksschule". Der Referent hob Eingangs seines Vortrages mit Recht hervor, daß noch immer eine große Anzahl jüdischer Religionslchrer die methodisch-didactiichen Regeln der Pädagogik unberücksichtigt ließe, und in so fern hinter den christlichen Lehrern zurückbleiben. Dem Vortrage lagen folgende Thesen zu Grunde: 1. Es ist wünschenswerth, daß auf der Oberstufe jüdischer Schulen das Bibellesen einen Theil des Religionsunterrichts ausmache, denn a) dadurch wird Verstände iß des Inhalts b) die Werthschätzuug der Bibel erlangt und c) die Bildung des religiösen Sinnes gefördert. 2. Das Bibellesen ist in organischer Verbindung mit dem biblischen Geschichts- oder Religionsunterricht zu betreiben. 3. Die Auswahl des Stoffes muß so getroffen werden, daß mit Ausschluß aller vom pädagogischen Gesichtspunkt ungeeigneter Stellen die Kinder die Bibel wenigstens einmal in zwei Jahren gelesen haben. 4. Das Bibellesen soll nach denselben pädagogischdidactischen Grundsätzen betrieben werden, wie jedes andere Lesestück und damit moralische Nutzanwendungen verbinden. Selbstverständlich ist zum Bibcllesen ein deutscher Bibelauszug erforderlich, wie wir ihn z. B. in Büdingers „Der Weg des Glaubens" und Auerbachs „Schul- und Hausbibel" bereits besitzen. Mit dem Vortrag über das Bibellesen war die Tagesordnung erledigt und es erfolgte gegen 6 Uhr Abends der Schluß der Versammlung. Das sonst bei derartigen Confercnzen anderwärts übliche gesellige Zusammensein der Mitglieder hat hier nicht stattgefunden, und damit geht ein gut Theil des Zweckes solcher Confercnzen verloren. , In Hera hat es bis vor wenig Jahren überhaupt keine Judengemeinde gegeben; in den letzten Jahren haben nun einige Juden sich dort angesiedelt; diese haben sich einem Schächter engagirt, der ihnen das Schlachten nach üblichem Ritus besorgen sollte. Die Geraer Rathsherren haben vielleicht von diesem Ritus nichts gewußt und nun kam ihnen die ganze Geschichte sonderbar vor und sie haben kurzweg das „Schächten" verboten; aber bevor man etwas verbietet, sollte doch selbst ein Rathsherr in Gera sich erkundigen, wie die Sache anderwärts gchandhabt wird. In Berlin, in Paris, in London sind doch die Magistrate am Ende ebenso klug und ebenso» human als in Gera; im ganzen deutschen Vaterlande können die Juden unbeanstandet „schächten"; nur in Gera schlägt dem Stadtrath das Herz für das Rindvieh wärmer, als anderwärts. (Auch in einigen Orten der Schweiz ist dies der Fall. Red.) Der wohlweise Stadtrath hätte sich auch erkundigen können, wie die Männer der Wissenschaft über das „Schächten" denken; da hätte er gehört, daß die ersten Autoritäten diese Form des SchlachtenS als vortheilhaft für Mensch und Thier betrachten; denn Moses hat das Schächten nur eingeführt, weil er ein Thierfrcund war, und weil durch den Schnitt, den ein darauf cingeübtcr Mensch mit einem haarscharfen Messer in einem Zuge ausführt, das Thier am wenigsten gequält wird; und die Menschen kommen gut dabei fort, weil das Blut bei dieser Schlachtmethode rasch abfließt und das Fleisch nicht so rasch verwest, als wenn das Blut in den Adern gerinnt. Man wird doch nicht in Gera gescheidter sein wollen, als in der ganzen Welt. Oder sollte am Ende ein bischen Judenhaß in diese Ochsenliebe hincinspielen? Das können wir von den aufgeklärten Thüringern nicht gut glauben. Jedenfalls werden die Juden, die bekanntlich ein zähes Völklein sind, diesen Bescheid des Senats von Gera nicht ruhig, hinnehmen, und die Geraer werden am Ende doch zur Einsicht kommen, daß die Thierschutzvereine, tvelchc gegen das- „Schächten" eifern, aus einer Mücke einen Elephanten machen. So schreibt die — „Allgemeine Fleischer-Zeitung", ß esterreich-Ungarn Mir». Der liberale Deputirte Or. Menger brachte einen Antrag auf Einschränkung des Sonntagsruhcgesetzes, welches viele Industrie- und Gewerbetreibende empfindlich schädige. Sofort wurde ervon den kath. u. antisemitischen Blättern als „Jude" ausgeschriecn, der aus die Untergrabung des ChristenthumS ausgehe. In würdiger Weise erklärte der Beschimpfte hierauf: „Ich bin kein Jude, auch meine Vorfahren waren nie Juden, allein ich würde es gewiß für kein Unglück erachten, wenn ich zufällig ja Jude oder jüdischer Abstammung wäre. Jene Katholiken jedoch, die in Wort und Schrift, im Parlament und in der Presse, gegen die Jude» reizen und selbe beschimpfen, sind eben keine ehrliche Christen. Sie hätten ja sonst nicht vergessen dürfen, daß es jüdische Männer waren, welche zuerst das Christcnthum verkündeten. Die Apostel waren Juden und blieben bis zu ihrem letzten Athemzugc treu der jüdischen Lehre. Diese wußten es wohl, daß das Judenthum die alleinige Grundlage bildet, auf welcher das Christenthum aufgerichtct wurde. Jene Katholiken nun, welche das Judenthum, die Grundlage des Christenthums, vernichten wollen, scheinen nicht zu merken, daß durch Unterwühlung der jüdischen Grundlage gleichzeitig auch der ganze christliche Bau unaufhaltsam zusammenstürzen müßte! Ich fühle mich daher durchaus nicht beleidigt, wenn derartige Katholiken mich einen „Juden" nennen!" Die katholischen Blätter haben ihre Polemik in Folge dessen eingestellt, die Antisemiten aber — bellen fort. Aus Wie» ersucht uns der Redacteur des hebr. „Hakol", Herr M. L. R odk i n s so h n, der von Herrn Rabbiner vr. Bl... aus P .... in einem Briefe nach London darauf aufmerksam gemacht sein will, daß Herr Rabbiner Or. Lewin in der „Wochenschrift" ihn als Freund der Missionäre oder gar schon als getauft ausgcgeben, um Aufnahme folgender „Erklärung", die wir dem Manne, der ein für alle Mal die trübe

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