Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 43. (22.10.1885)
- Date
- 1885-10-22
- Page
- Seite 325 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 325 — Veuthen G-Schk, im Oktober. (Or.-Corr.) Wie Ihr -gesch. Correspondent „aus Schlesien" in Nr. 42 fühle auch ich nach langer Zeit wieder das Bedürfnis, über Manches zu refcrireu, was jüd. Interesse — aber nicht nur für einen bestimmten Kreis oder Bezirk — sondern das Interesse des gesammten deutsche» Judcnthums berührt. Ueber solche Mittheilungcn sollte aber nicht in telegraphischer Kürze sondern in eingehenderer, die Umstände des jeweiligen Falls mehr berücksichtigender Weise rcscrirt werden, selbst aus die Gefahr hin, das; Berichte über stattgchabte Versammlungen israelitischer Lehrer und Cultnsbcamtcn durch gütige Vermittlung des Redactious-Nothstifts dabei ein wenig zu kurz kämen. Zunächst must ich Sie nun, Herr Redakteur, dringend ersuche», in allen die Ausweisungen ans preußischem Staatsgebiet betreffenden Zuschriften die größte Vorsicht bez. ihrer Richtigkeit walte» zu lassen, weil derartige Miltheilungen nur zu leicht geeignet sind, weitere Kreise der jüd. Bevölkerung zu beunruhigen. Wenn Ihr schlesischer Herr Correspondent behauptet, daß die meisten der aus Köiiigshütte Ausgewiesenen Juden sind, so befindet er sich in einem lhatsächlichen Jrrthum. Von der Ausweisung sind fast alle Ausländer betroffen und nur in solchen Fällen, in denen die Ausführung der Ausweisungs-Ordre einen mehrmonatlichcn Aufschub erfahren hat, sind sie durch besondere Umstände begründet. Wenn auch politische Tagesblättcr in den Aueweisuiigs Maßregeln eine Conccssion an die a»ti semitischen Haupi-Akieure zu finden glauben, so darf vorläufig lvclligstcns ein bie speeiellen Interessen des Judenthums vertretendes Orgail mit bc» polnischen Parteiblättern nicht in dasselbe Horn stoßen, bis die deutsche Reichs-Regierung bcstimmtc Erklärungen vor dem Reichstage abgegeben hat.*) Im Uebrigcn möge der Hlllferuf des Herrn Or. Rülf in Memel ein Echo in den jederzeit hilfsbereiten Herzen unserer Glaubensgenossen finden, um die Noth und das Unglück derjenigen zu lindern, welche durch ein herbes Geschick gcnöthigt silld, den Wandcrstab zu ergreifen und die liebgewordene Heimalh zu verlasse,l, in der sie sich ehrlich und redlich genährt, und deren einziges Unrecht nur dgrin besteht, daß ihre Wiege in einem fremden Lande gestanden. — Einen sehr schweren und herben Verlust hat unsere Nachbargcmcindc Königs Hütte durch den Tod ihres ersten Vorstehers, deS Kaufmalins und Stadtverordneten Herrn Wilhelm S t e r n b e r g erlitten, der am Sabbath- Ausgang der Laubhlltten-Festwoche plötzlich und unerwartet im 60. Jahre seines Lebens verschied. Ein Mann von seltener Herzensgütc, ein braver, jederzeit hilfsbereiter Mensch, «in Wohlthäter der Armen, ein edler Character hat er cs verstanden, den Frieden und die Eintracht innerhalb seiner Gemeinde fest zu begründen und dauernd zu erhalten. Von der allgemeinen Liebe und Hochachtung, deren sich der Verstorbene in allen Kreise» der Bevölkerung zu erfreuen hatte, zeugte das imposante Leichenbegäugniß am 28. v. Mts., an welchem sich die Spitzen der städtischen Behörden, die Honoratiouen der Stadt und des Kreises, alle Stände der Bürgerschaft zu einem hier nie gesehenen Trauerzug sich bctheiligten. Am Grabe sprach Herr Rabbiner vr. Rosenthal aus Bcuthen seinem langjährigen, theureu und unver- *' Eine Kundgebung der preußischen Regierung liegt bereits vor. Im österreichischen Abgeordnetenhausbeantwortete Ministerpräsident Taas sc die Interpellation von Grocholski und Genossen in Betreff der preußischen Austvcisungcn dahin: die Regierung habe sich sosort an die preußische Regierung gewendet, insbesondere um über die Grundlage und die Ausdehnung der Ausweisungen Auskunft zu erhalten. Nach der von der preußischen Regierung erlheilten Antwort betrachte diese die Ausweisung als eine rein innere, durch eine Verschiebung der konfessionellen und sprachlichen Verhältnisse hcrvorgcrufene Maßregel. Bei dies«» Standpunkte der preußischen Regierung, sei die österreichische nicht in der Lage, lvegcn Aufhebung der Maßregel weitere Schritte zu unternehmen. Sic habe indcß nicht versäumt und werde auch sortan nicht unterlassen, in besonders bcrückstchtigcnswerthen Fällen ihre Verwendung eintrcteu zu lassen, um wenigstens eine Milderung der Maßregel zu erwirken. (Red.) geßlichen Freunde die ergreifende Trauerrede, die kein Auge thräncnleer ließ. — Friede seiner Asche! Gver-Ingekheim. 29. Sept. Die General-Versammlung der Achawa, die gestern im Realschulgebäude der israel. Gemciude zu Frankfurt a. M. stattfand, war gut besucht, Aus dem Berichte des Vorsitzenden entnehmen wir, daß die Zahl der activeu Mitglieder auf 250 angewachsen ist. Die Zahl der Ehrenmitglieder ist nahezu 600, wovon jedoch über 500 in Frankfurt*) selbst wohnen. Außer den aus dem Nachlaß des verstorbenen Lehrers Heßlein in Bamberg bereits ansgezahltcn 5000 Mark (nach Abzug der Erbschastsstcuer 4555 Mark) find uns von demselben 2000 Mark im Testamente zugesichert, die wir später bekommen werden. Auf Antrag des Präsidenten beschloß die Versammlung, daß zum ehrenden Andenken die Namen der beiden Männer, die uns in der jüngsten Zeit so bedeutende Summen zugedacht —Or. Odrell aus Fr a nkf nrt a. M. und Lehrer Heßlcin aus Bamberg — als ewige Mitglieder alljährlich im Berichte aufgeführt werden sollen. Die Debatte drehte sich abermals um die oft ventilirtc Frage: Ob Pensions- oder Unterstlltzungskasse? Insbesondere die Herren Amram aus Zwesten und Driesc» aus TauberbischosSheim waren bestrebt, i» dieser Richtung Statutenänderungen anzuregen. Wir dürfen annehmen, daß diese beiden Herren schließlich selbst zu der Ueberzeugung gelangten, daß es sich doch nur um einen Streit um Worte handele, und daß es nicht rathsam sein möchte, an den Grundlagen des so segensreich wirkenden und überraschend sich entwickelnden Vereins zu rütteln. Wenn wir Unterstützungen und Ehrenmllgtiederbciträge nehmen — und diese sind ja recht eigentlich die Quellen des Heils für uns, — so können und dürfen wir uns auch mcljt scheuen, solche zu geben. Aus eigenen Kräften sind jüdische Lehrer und Religiousbcamte nicht im Staude, eine irgend nennenswerthe Summe als Pension zu bieten und eine eigene Kasse zu Stande zu bringen. Das sollten wir uns nach oft gemachten Erfahrungen ein für allemal gesagt sein lassen. Sobald wir von Privaten Hilfe erwarten und bekommen, ist unsere Kasse eine U n t er stütz uug s lasse; mögen wir sie nennen, wie wir wollen und mögen die Worte „Hilfsbedürftige" und „Unterstützung" im Namen und in den Statuten stehen, oder nicht. Uebrigens ist jedes Mitglied auf Grund der Statuten berechtigt, noch seinen Theil Hülfe zu fordern, wenn es nicht sein vollkommenes d. h. nach seiner bisherigen Stellung ungeschmälertes Einkommen hat. Auch ist das, was die Verwaltung verthcilt, nicht als eine Gunst Einzelner oder gar dieser, — der Verwaltung — zu betrachte». Eine Unterstützuugs- oder Peusionskassc für solche, die ihr vollständiges Auskommen haben, ist ein Luxus, für den sich auch der wvhllhüligste Mensch nicht erwärmen kann. Wie sehr die Anschauung, daß der Streit sich nur um Worte dreht, bercchligt ist, erhellt aus dem Umstande, daß die Verwaltung seil vielen Jahren kaum ein einziges Mal in der Lage war, die Pension an Dienstunfähige oder Wittweu und Waisen zu versagen. — Eine Folge dieser Erörterungen war, daß die auf wesentliche Aendernngen der Statuten abziclenden Anträge nur müßig unterstützt und schließlich fast einstimmig abgelehnt wurden. Herr Amram wollte sodann § 5 c, (der ein amtlich beglaubigtes ärztliches GesundheitSzeugniß bei der Aufnahme verlangt) gestrichen wissen. Er bezeichnete es als eine Härte, wenn kranke Lehrer nicht ausgenommen ivllrden. Es wurde dagegen geltend gemacht, daß viele Lehrer in gesunden Tagen nicht daran denken, ihrer Pflicht gegen die Gesammtheit des Lchrcrstandes, gegen sich und ihre Angehörigen, zu genügen und sich erst zur Aufnahme melde», wenn sic das Anktopfen des Todesengels zu vernehmen glauben. Eine allzu weichmüthige Nachsicht gegen *) Außer Frankfurt zeichnet sich insbesondere Düsseldorf durch viele Ehrenmitglieder aus, was wir der anerkennenswcrthcn Thätigkeit des Herrn vr. Wedell verdanken.