Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-10-22 · N° 43. (22.10.1885) · p. Seite 324

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 43. (22.10.1885)
Date
1885-10-22
Page
Seite 324 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9586215-9584979--5940-9584983
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

324 — Zulage den christlichen Lehrern gleichzustellen, welcher, nachdem Herr Dr. Buchholz noch über die einschlägigen Bestimmungen und diesbezüglichen früheren Anträge seinerseits gesprochen, einstimmig angenommen wurde. — Bei der Vorstandswahl wurden wiedcrgewählt: 1. Herr Levy-Norden als Vorsitzender, 2. Herr de V ries-Weener als Stellvertreter, 3. Herr M e g e r - Leer als Schriftführer. Als Ort der nächstjährigen Versammlung wählte man wiederum Emden, und, um künftig auch dem gcmllthlichen Zusammensein ei» Stündchen weihen zu könne», wurden zwei Tage bestimmt, nämlich der 14. und 15. September. Um 41/, Uhr wurde vom Vorsitzenden die Konferenz geschlossen und man trennte sich mit dem Bewußtsein, einen geistig anregenden Tag verbracht zu haben und mit dem Wunsche: „Auf frohes Wiedersehen im nächsten Jahre". Leer, im September 1885. H. Meger, Schriftführer. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. ZSerkin. Es ist interessant von christlicher Seite eine Stimme über den Niedergang des Antisemitismus zu vernehmen. Die „Neue evangelische Kircheuzcitung", ein Blatt Stöcker'schcr Richtung, schreibt darüber in ihrer neueste» Nr. wie folgt: „Die antisemitische Bewegung hat inDcutschland ihren Höhepunkt weit überschritten; ihre Führer sorgen selbst dafür, daß uns dies verständlich werde. Liebcrmann v. Sonnenberg gicbt „Beiträge zur Geschichte der antisemitischen Bewegung 1880 bis 1885" heraus, welche vor allem Reden bringen, die auf früheren antisemitischen Versammlungen gehalten worden sind. Der Inhalt dieser Reden und d,c Gesinnung, welche sie bekunden, machen cs verständlich, daß die bezeichneten Versammlungen die schweren Verwicklungen zwischen Juden und Christen in ke in er Weise zu ebnen vermochten, daß sic vielmehr nur die gegenseitige Verbitterung gesteigert haben. Auch sonst mehren sich die Symptome der Auflösung im antisemitischen Lager der Reichshauptstadt in auffallender Weise. Von den antisemitischen Blättern geht eins nach dem andern ein. Auch das antisemitische Witzblatt „Die Wahrheit" dürfte nicht mehr lange über Wasser gehalten werden können. Dagegen scheint die Gründung eines neuen antisemitischen Blattes, von welcher die Rede war, vertagt zu sein. Der deutsche Antisemitismus hat sich ausgesprochen und hat nichts Neues mehr zu sagen. Seine testamentarischen Schriften aber zeigen, wie eng sein Gedankenkreis und wie gering der si tt l i chcGehalt seiner Bestrebungen". — Ferner schreibt das Bl.: „Im Allgemeinen sind die Juden mit der Entwicklung der Dinge wohl zufrieden und geben dem in ihren Blättern auch einen deutlichen Ausdruck. Sind auch im Einzelnen hier und da häufigere Uebertritte von Juden zur christlichen Kirche vorgekommen, so hat doch ein Ausgleich der Gegensätze nirgends stattgcfunden, vielmehr sehen wir uns jetzt vor die Thatsache gestellt, daß sich die Juden energischer als vordem unter einander zusammenschließen und ihr spccifisches Setbslbewußtsei n desto entschiedener ausbilden. Die jetzt erschienenen Verhandlungen der Berliner Rabbiner-Versammlung, welche stärker als alle ihre Vorgänger besucht war, legen hiervon ein laut redendes Zcugniß ab". Alle diese Thatsachen sollten es uns zum Bewußtsein bringen, daß man sich zwar allgemeiner einer Existenz der „Judenfrage" bewußt geworden ist, daß uns aber die bisherige Behandlung derselben einer Besserung der Verhältnisse nicht näher gebracht hat. Wir werden auch nicht eher weiter kommen, als bis die christliche Gemeinde und Kirche andere als die bisher aufgebolenen Kräfte erweckt, um die großen Aufgaben, die ihr an diesem Punkte erwachsen zu erfüllen. Arankfurt a. W. (Or.-Corr.) Der hier zu gründende Verein für die Interessen des orthodoxen Judenthums soll auf der Grundlage der Association errichtet werden. Jedes Mitglied hat einen jährlichen Beitrag von mindestens 3 Mark an die Bereinskasse zu zahlen, dafür wird er — er mag sonst so „frei" leben wie er will, denn cs soll eine „freie Vereinigung" sein — Mitglied der s. g. orthodoxen Vereinigung und hat die Verpflichtung, die Vereinszwecke in seinem Kreise zu vertreten und zu fördern. Als solche werden aus der großen Mannigfaltigkeit vorläufig nur „einige" hervorgehoben; aus welchen wir wiederum auch nur „einige" herausheben: 1. Stiftung und Unterstützung orthodoxer Lehranstalten und Schulen. 2. Unterstützung nur orthodoxer hülfsbedüritiger Lehrer. 3. Stipendien für orthodoxe Jünglinge. 4. Unterstützung orthodoxer Pensionen (Pcnsions- und Erziehungs-Anstalten), Waisenhäuser. 5. Errichtung und Unterhaltung guter orthodoxer Hotels und Speiscwirthschaften. 6. Auskunftsburcau's für orthodoxe Reisende. 7. Unterbringung junger Leute in orthodoxe Geschäfte und Aushaltung derselben bis zu solcher Unterkunft. 8. Vertretung der orthodoxen Ansprüche für jüd. Soldaten, Schüler, Gefangene, bei den betr. Behörden. 9. Herausgabe und Verbreitung orthodoxer Schriften. 10. Aussendung orthodoxer Wanderpredigcr. „Solche und ähnliche Anliegen" cxclusivster Natur will diese freie „orthodoxe Vereinigung" fördern. Es soll Alles verorthod — oxt werden. Siegen, 14. Ocobcr. Vor der Strafkammer des hiesige» Amtsgerichts kam heute die Klage des Hofpredigcrs Stöcker gegen den Rcdacteur des „Siegener Vvlksblattes", Bommcrt, zur Verhandlung. Der Angeklagte hatte in seiner Druckerei zwei Flugblätter zur Verthcidigung der Candidatur des fortschrittlichen Candidaten drucken lassen, deren Inhalt die Unterlage zu der Klage des Hofpredigcrs Stöcker bildet. In dem ersten Flugblatt wird u. A. behauptet, „Herrn Stöcker sei mehrfach nachgcwiesen worden, daß er sich der Unwahrheit schuldig gemacht." Der erste Staatsanwalt Dütschke erklärte heute, er könne die Anklage auf Beleidigung wegen dieser Stelle, in welcher behauptet werde, Stöcker habe sich mehrfach Abweichungen von der Wahrheit zu Schulden kommen lassen, nicht aufrecht erhalten! Das Urtheil des Berliner Gerichtshofes habe es bewiesen, daß Herr Stöcker mehrfach Behauptungen als unrichtig zurücknehmen mußte. Bezüglich des zweiten Flugblattes, aus welchem die folgende Stelle inkrimin irt ist: „Die Bewegung, welche Stöcker in's Werk gesetzt, hat Se. Königliche Hoheit der Kronprinz eine „Schmach für Deutschland" genannt und hinzugesügt, er habe sich im Auslande gegenüber dieser Agitation geschämt. Im selben Sinne sprach sich der Kronprinz am 14. Januar 1881 aus. Wähler! Ein Man» wie Stöcker, von dessen Werken unser allverehrter Kronprinz so denkt und spricht, dem könnt Ihr Eure Stimme nicht geben", stelle er dem Gerichtshof anheim, über die Ladung der Zeugen zu beschließen. Der Gerichtshof verkündigte nach nahezu einstllndiger Bcrathung: „Der Beweis, daß Herr Hofrcdigcr Stöcker mehrfach von der Wahrheit abgcwichen, sei überflüssig, da der Beweis bereits durch das Urtheil des Berliner Gerichtshofes geführt sei." Als Zengcn darüber, daß Se. König!. Hoheit dem Commerzicnraty Magnus gegenüber die Antisemitcnbewegung als eine Schmach bezeichnet habe, sind der Herr Oberbürgermeister von Forckcnbeck, der Rcdactcur der „National-Zeitung", Herr Dernburg, und Herr Abg. Ludwig Löwe zu Berlin commissarisch zu vernehmen. Als Zeugen für die Behauptung, daß Hödel und Nobiling der christlich-socialen Partei angehörtcn, ist der Schneidermeister Grüneberg zu Berlin commissarisch zu vernehmen. Ferner werden die Acten im Proceß Stöcker contra Bäcker requirirt werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.