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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-10-22 · N° 43. (22.10.1885) · p. Seite 322

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 43. (22.10.1885)
Date
1885-10-22
Page
Seite 322 (sequence 2)
Language
German
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— 822 — und alles mögliche abschncidcn, und dabei von Wiederherstellung des Opfercultus, Aufrichtung der jüd. Nationalität schwärmen; und dafür ihren großen Klingebeutel nach allen Seiten hin ausstrccken; weil sic jeden verrostete» „Minhag" als ehrwürdig preisen, aber das Meisterwerk der göttlichen Schöpfung, den Menschen, wenn er nicht in einem gewissen Gewände erscheint, so weit verachten, daß sic selbst nach dem Tode keine Gemeinschaft mit il>m haben wollen; und in unerhörter Entweihung des Juventhums und Zerklüftung der Judcnheit für „beiondere Friedhöfe" plädiren, welche Juden von Juden trennen, weil dieser andersgeartete Glaubcnsbruder zur Andacht ein Instrument verwendet, das die Orthodoxen vcrpöncn; weil ihre Lippen von „Bruderliebe" überfließen und ihre Herzen von Haß und eitler Ucbcrhcbung schwellen; kurz: weil Montefiore nicht darum ein großer Mensch war; weil er als Orthodoxer, sondern trotz seiner Orthodoxie ein Jude im wahren Sinne des Wortes gewesen, -darum hat die Orthodoxie ihre Gegner. Ja, Ihr Orthodoxen, könnt mindestens eben so viel von Montefiore lernen, wie die Reformer! Was schlagt ihr an fremde Brust und nicht an Eure eigene? Würde Montefiore, der große Philanthrop, fähig gewesen sein, den Tod cines großen Parteigenossen an dessen offenem Grabe so sich selbst verhimmelnd zu fruktificicren? Ist das Mvntcfiore'schcr Geist, wenn die „Jüd, Presse" dessen heilige Aufopferung für Jerusalem, die fern von jedem jüd,-»ationalcn Schwindel und von Tempel-Wiederaufbau und Opfer Cultus war — nicht anders zu glorificiren weiß, als durch die Glorificirung ihrer eigenen allen Orthodoxen gemeinsamen Größe, und mit dem obligaten unbrüdcrlichen Finale: „Was sollen wir demgegenüber von jenen Jammergestalten sagen, die Jernschalaim aus dem Herzen der Brüder reißen wollten rc,?" Also, Ihr Orthodoxe, seid alle lauter Montefiorc's en miniature, und nur auf dem Hintergründe dieser „Jammergestalten" nimmt sich das Bild Montefiorc's als „ein Engel in Menschengestalt" aus? Geht ihr kleinen „Montcfiore'chcn!" Ihr könnt euch dreist, schon durch diese Art eurer Todtenvcrehrung, selbst als Hintergrund gebrauchen, ohne erst nach den „Jammergestalten" in die Ferne zu greisen, und Montefiore's Größe wird neben euch wahrhaftig nicht um einen Zoll kleiner erscheinen. Ich kann mir wenigstens nichts „Jämmerlicheres" denken, als die Farben eines so edlen Lebensbildes zur Schminke für das eigene blatternarbige Antlitz zu mißbrauchen, Oücr ist eS nicht ein solch schnöder Mißbrauch, wenn die „Jüd, Presse" an Montefiorc's Reisen nach Damaskus 1840, nach Rußland 1846 und 1872, nach Rom 1858, nach Marocco 1863 im Dienste der Menschlichkeit, in die Selbstbcräuchcrung verfällt: „wir nehmen keinen Anstand, solch muthigc Entschlossenheit so lange ans 'Rechnung des gesetzestreuen J u dein hu ms zu setzen, so lange man uns nicht nachwcist, daß auch Vertreter einer andern Richtung in derselben Weise nicht nur Geldmittel beisteuern, sondern auch die ganze Persönlichkeit cinsctzen?" Die „Jüd, Presse" ist ganz blind für Montefiorc's individuelle Größe, sie sicht darin nur einen Abglanz ihrer eigenen gesctzcstreuen Glorie, Aber diese gloire „des gcsctzestreuen Judenthums" scheint doch auf die Augen der Herren etwas blendend zu wirken. Wie? Und Crsmieux? Und Nachod? — Aber wenn auch wirklich solche „muthigc Entschlossenheit" eine Domaine des gesetzcstrcuen Judcnthums wäre: wo sind denn die andern, wo ist denn der ganze in neuerer Zeit ja so hoffnungsvoll anschwellende Troß des orthodoxen Heerbannes? Der Necrologist sagte ja selbst: „Wie viele Collegen hat derselbe (Montefiore) unter seinen „Stammesgcnossen?" Wir wüßten nur einen Einzigen in Deutschland und einen Einzigen in Rußland; für alle übrigen ist und bleibt Sir Moses ein stiller Vorwurf". Nun da haben wir's! Wo bleibt denn aber die allein zu „muthiger Entschlossenheit" befähigende Macht des „gesetzestreuen Judenthums?" Hat dies nicht mehr als je einen Anhänger in Deutschland und in Rußland, und irren wir nicht, sollen mit beiden sehr nahe Anverwandte des Redakteurs der „Jüd. Presse" gemeint sein? Wie kann man da von einer „Rechnung des gcsetzestreuen Judenthums" sprechen, wenn dies unter seinen doch in Rußland nach Hunderttausendcn, ja Millionen, und auch in Deutschland nach Tausenden zählenden Anhängern nicht mehr als 3 Männer auf dem ganzen Erdenrunde mit „solch muthiger Entschlossenheit" hcrvorzubringen vermochte? Es ist überhaupt lächerlich, „muthigc Entschlossenheit" einzig und allein als Produkt der Orthodoxie hinzustellcn. Giebt es denn muthigc Entschlossenheit überhaupt nur auf dem Gebiete der Religion? Und der Afrika-Reisende, der im Dienste der Wissenschaft steht; und der Operateur, der mit dem kleinsten Ritz seiner Hand sein Blut vergiften kann, der Arzt, der auf den Seuchenherd eilt; Professor Koch, der Bacillen-Vater: Laster, der seinen politischen Grundsätzen alles aufopferte; Bismark, der die Idee eines deutschen Reiches unter preußischer Führung faßte; unser greiser Heldenkaisec, der mit dem deutschen Bunde und Napoleon den Waffcngang wagte rc, — sind das lauter Koryphäen des „gcsetzestrcyen Judenthums?" — Nun, das orthodoxe Blatt macht auch selbst bald einen „muthig entschlossenen" Rückzug, Es erinnert sich an das schöne Geld der Reformer, das den orthodoxen Anstalten znfließt. Denen darf nicht vor den Kopf gestoßen werden, und darum meint es schließlich: „Wir sind iveit entfernt, solch thätige allgemeine Menschenliebe als ausschließliche Domaine des gesctzestrcucn Judenthums zu reclainircn, vielmehr ist sie G, s, d, (dies G. s. d. ist aufrichtig gemeint) bis jetzt Gemeingut aller Richtungen innerhalb des Judenthums gewesen; wir nehmen aber durchaus keinen Anstand (das glauben wir: Orthodoxie und Anstand!) an der Förderung solcher unserem Stamme angeborenen lhätigen Menschenliebe dem gcsctzestreuen Judenthume einen wesentlichen Anthcil zu vindiciren". Welcher Unsinn! Die „thätige Menschenliebe" ist unserem Stamm angeboren!" Ich dächte durch unsere Thora anerzogen und darum vom Individuum abhängig und darum verdienstlich. Doch die Philosophen der „Jüd, Presse" meinten, es gäbe nicht nur angeborene Ideen', sondern auch eine angeborene „thätige Menschenliebe!" Eine thätige Menschenliebe sei angeboren! Und dieser „angeborenen thätigen Menschenliebe" sei des „gcsctzestreuen Judcnthums" besondere Pflegebefohlene! Es ist wirklich noch gut, daß die Herren nicht behaupten, „thätige allgemeine Menschenliebe" sei ausschließlich den Auhängcrn des „gesetzestreuen Judenthums angeboren, — Nun, ich sage: den Anhängern der Orthodoxie, des „gcsetzestreuen Judcnthums" ist thätige allgemeine Menschenliebe nicht nur nicht angeboren, sondern auch nicht anerzvgen, ja sogar — sit venia verbo — aßerzog cn. Der Orthodoxe hilft nur dem armen Orthodoxen: sobald er aber hört, der in Noth befindliche Glaubensbruder sei N2V bbnö, beachte die Speisegesetze nicht, gehe, um zu Gott in seiner Noth zu beten, in die Orgel- Synagoge; sei mit einem Worte: ein Reformer, und wäre er sonst noch so würdig — von dem Augenblicke an läßt die „unserem Stamme angeborene thätige allgemeine Menschenliebe" sich verleugnen, da hört die orthodoxe Menschenliebe auf. Natürlich ack majörem dei gloriam, und das alles ist angeboren! Oder man nenne mir einen Orthodoxen, der z. B, die Berliner Hochschule unterstützt, wie so viele Reformer das Hildesheimer'iche unterstützen! Vielleicht ist das auch „angeboren!" — Doch zurück: wenn diese thätige allgemeine Menschenliebe unserem Stamme angeboren und „(G, s, D.) Gemeingut aller Richtungen innerhalb des Judcnthums" ist, warum dann Montefiorc's Philanthropie nur als Folge des gesetzestreuen Judenthums hiustcllen? Nun weil die „Jüd. Presse" das Organ des gesctzestreuen Judenthums ist, darum „drängt sich diese Betrachtung unwillkührlich unter dem erschütternden Eindrücke der Trauerbotschaft" dem Nekrologisten auf, wie er selbst naiv zugesteht. — Das ist orthodoxe Pietät! 2, L.

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