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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-10-15 · N° 42. (15.10.1885) · p. Seite 317

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 42. (15.10.1885)
Date
1885-10-15
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
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— 317 wirksam zu fördern. Wer die Breslauer Verhältnisse kennt, weiß, wie öde und düster, wie namenlos traurig es in dieser Hinsicht in dem großen und intelligenten Breslau stand. Pom Beth-hamidrasch in der Antonicnstraßc im Frankel'schen Hospitale adgeselien. woselbst Breslauer nur sporadisch, junge Breslauer fast gar nicht anzulreffcn waren, so daß man sich unwillkührlich in eine galizische oder russisch-polnische, schmutzige Winkel-Klaus versetzt glaubte, war von einer Vereinigung junger Kaufleutc oder Privatiers zur Förderung des'Thora-Studiums in Breslau absolut nicht die Rede. Um so crsreulichcr ist es. melden zu können, daß aus der Initiative selbstständiger, meist junger, zeitgemäß gebildeter, streng religiöser Männer die Anregung hcrvorgegangen, durch periodisch wiedcikehrende Vorträge religiösen Inhaltes „Zeiten für Thorastudium" sestsetzcn zu wollen. I» Hamburg, Altona, Frankfurt a. M., Posen, u. a. in. gehören derartige Vereine nicht zu den Seltenheiten. Breslau kauu erst seit kurzer Zeit aus einen solchen Verein zurückblicken. Ist uns auch nichts Näheres über die eigentliche Organisirung des Vereins bekannt, so ist doch dessen Existenz und — wie mir hoffe,, wollen — Lebensfähigkeit ein sehr erfreuliches Zeichen in unserer an Indifferenz und Indolenz chronisch und acut krankenden Zeit. Als eine segensreiche Folge dieser Vereinigung sehen wir einen zweiten Verein junger, streng religiöser Kauflcute zu Breslau an. Es hat sich daselbst ein Stcllen-Nachwcise- Verein gebildet im Dienste der Ausgabe, streng religiösen jüdischen' Commis und Lehrlinge i» Geschäftshäusern, die an Sabbathen und israelitischen Festtagen sich gewissenhaft jeder geschäftlichen Thüiigkeit enthalte», angemessene Stellungen zu vermitteln. Daß hier leider ein sel,r bitterer Nothstand vorlicgt, haben religiöse Eltern in schmerzlichster Weise oft genug empfunden und zu empfinden. Wie viele daheim ebenso liebevoll wie gewissenhaft erzogene Kinder hat der Chillul SchabbeS dem frommen Elteruhause und Glauben ihrer Väter entfremdet! Es würde in mancher Hinsicht erheblich besser um die Gegcnivart und Zukunft des jüdisch-religiöse» Sinnes in Deutschland aussehen, wenn cs stets glücken wollte, Kinder aus frommem Elteruhause als Lehrlinge und Commis in frommen Geschäftshäusern unterzubringen. Wird der Breslauer Schomre-Schabbos-Verein länger und erfolgreicher wirten, als sein Vorgänger, der Eisenstüdter, den Herr Or Hildesheimer vor Jahren in's Leben rief, der sich aber nicht lebensfähig verwies? Hat er sich seine Erfahrungen zu Nutze gemacht? Hat er geeignete Cautelen in's Auge gefaßt, um unwürdige Elemente, um — wenn wir so sagen dürfen — die Parasiten und Schmeißfliegen von sich fern zu halten, jene verkominenen Individuen, welche in den Tagen der Noch mit der Frömmigkeit und auf die Leichtgläubigkeit Anderer spcculiren? Wir wissen es nicht. Uns sind die Statuten des Vereins nicht bekannt. Wir wünschen der Thätigkeit der Vereinsmitglieder Gedeihen. Sie habe» jüngst einen Bericht über die in Pleß am 5. September erfolgte Jubelfeier des 50 jährigen Bestehens der Synagoge veröffentlicht. Die Rede des Herrn Dr. Braun ist gebührend und mit Recht gewürdigt worden. Dem snrun cuique zu Liebe will ich nur noch die Bemerkung anreihen, daß auch die musikalischen uno gesanglichen Lcistungen des Cantors zu Pleß, des Herrn Löw, das Ihrige zum würdigen Verlaufe der erhebenden religiösen Feier beitrugen. Es waren ebenso correcte wie exactc Leistungen, welche von ihm zu Gehör gebracht wurden. Der 2. September war für die Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Glatz ein solenner Festtag von hervorragender Bedeutung. An diesem Tage erfolgte in üblicher Weise die festliche Einweihung der neu erbauten, geschmackvoll hergcrichteten und elegant ausgestatteten Synagoge. Herr Rabbiner vr. Jo öl aus Breslau war berufen, durch seine Festrede der Weihe die Weihe zu geben. Der schönste Schmuck dieses glänzenden Gotteshauses mögen die frommen Schaaren seiner andächtigen Beter sein, welche sich daselbst recht oft einfinden mögen! Bon Oberschlcsien, und speciell von den Grenz- Districten, kann ich leider noch immer nichts Beruhigendes melden. Die Ausweisungen der hier ansäßigen Ausländer galizischer oder russisch-polnischer Abkunft nehmen unausgesetzt ihren Fortgang. Viele unserer Glaubensgenossen werden furchtbar hart davon betroffen. Aus K ö n igs Hütte wird gemeldet, daß zum 1. October 50 und in der ersten Hälfte des November einige Hundert Ausländer, die aus Galizien oder Russisch-Polen vor Jahren eingewandcrt, die Stadt werden verlassen müssen. Hier sind die meisten der Ausgewiesenen Angehörige der israelitischen Cvnfcssion. Auch die beiden Cultusbeamte» (Cantor und Schächter) in Königshütte sind — so viel wir wissen — nicht naturalisirte Ausländer. Ob sie das Schicksal ihres College» in Kattvwitz thcilen müssen, haben wir nicht erfahren könne». —> Dem Dr. Münz in Glei witz ist auf Gesuch des Vorstandes seiner Gemeinde die Befugniß zu fungiren bis zum 1. April 1880 erstreckt worüen. Man giebt sich dort demgeinäß der Hoffnung hin, daß es gelingen werde, ihn dauernd in Gleiwitz zu erhalten. — nc. — Aus dem Regierungsbezirke Aromberg. (Harmlose Notizen eines lachenden Wettschmcrzlers.) In Nr. 40/41 Ihrer gesch. „Wochenschrift" äußert Ihr Correspondent „von der Nordseeküste" den Wunsch, daß von seiner qu. Mittheilung auch diejenigen orthodoxe» Blätter Notiz nehmen mögen, die das würdige Gutachten des ehrwürdigen Rabbi Ehrenfeld-Gncsen mit ihrem Schweigen bemäntelt haben. Fürwahr, ein pium desiderium, dessen Erfüllung wohl noch lange auf fid) warten lassen wird. Und warum auch nicht? Sollen denn gewisse Orthodoxe die heilsamen Lehren, die uns aus Gnesen und von der Nordseekllste crtheilt worden, wieder deSavouiren? Welches denn die Nordseeküsten-Lehren sind? Erstens: Erleuchtet von der alleinseligmachenden Mainzer Allerwellblatt-Weisheit, belehrt ein Nordseeküsten- Synagogenvorsteher (sit venia dem Elfsilbigcn!) den ihm Vorgesetzten Landrabbiner, den Gerichtshof und — die ganze sündige jüdische Welt, daß der Haftaravortrag, obgleich die Reden unserer Propheten die großartigste Belehrung und Erbauung bieten, kein Gottesdienst zu neunen sei. Wie thöricht war die sündige jüdische Welt bisher, das Gegentheil anzuuehmcn, ja zu glauben, daß der Haftaravortrag mit den herrlichen Bor- und Nach-Berochos Gottesdienst im eminenten Sinne wäre, sich einzubilden, daß Dank und Preis für Thora, Gottesdienst, Prvphetenthum und Sabbath (al ha Thoroh weal ho-Awollt eto.) auch nur entfernt zum Gottesdienst gehören! Und nun jene Welt von ihrer Thorheit kurirt wird, wünscht sie gar ein Desaveu! Welch' schnöder Undank! Dessen sind auch nur die Reformer fähig. Zweitens: Der Schulchan Aruch, Orach Chajim 146,3 sagt zwar ausdrücklich: K'333 X”np TBSÖffiTO “IBdS TIDX mimSM 183 “TS d. h.: Es ist verboten, sich während des Haftaravortrags zu unterhalten,' und zwar ist das ebenso streng verboten, wie ein Gespräch während der Thoravorlesung. Aber da rauscht uns von der Nordseeküste gewiß die Weisheit entgegen: Jawohl, sprechen darf man während des Haftaravortrags nicht, wo ist aber „zischen" verboten? Merkt euch dies kolossale Argument, ihr Alle, die ihr euch vorgenommen habt, sobald gewisse Orthodoxe euch die ewige Unfehlbarkeit des Schulchan Aruch in jeder Bestimmung entgegenhalten würden, ihnen Orach Chajim 146 unter der Firma Gnesener Rabbi und Comp, zu präsentiren! Die weltbesiegende Dialektik dieser Firma würde euch ad ahsnrdnm führen. Dieser Dialektik solltet ihr euch schon jetzt beugen, dankbar und ehrerbietig beugen. Ich hab's aber immer gesagt: Undank ist der Welt Lohn!

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