Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 42. (15.10.1885)
- Date
- 1885-10-15
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 815 — Behandlung des Stoffes in seiner Abstraktion. Selbst dem Gelehrten wird es nicht leicht, oft recht schwer, und zuweilen unmöglich, zu verstehen, was einzelne Philosophen in ihren Schriften eigentlich sagen wollten, wie Jeder sich überzeugen kann, der die Schriften Kant's, Fichtc's, Schelling's und ganz besonders Hegel's in die Hand nimmt. Die Religion entbehrlich zu machen durch philosophische Belehrung ist traurige Selbsttäuschung, denn abgesehen, daß die philosophischen Auffassungen und Darstellungen in einem fortwährenden Wechsel sich befinden, so sind sie dem überaus größten Theilc der Menschen nicht zugängig und noch weniger geeignet, dem Geiste Festigkeit, dem Herzen Ruhe und Frieden zu gewähre», wie das doch durch die Religion geschieht oder geschehen kann, wenn ihr Inhalt vernünftig und faßlich zum Bewußtsein gebracht und als geistiges Eigenthum richtig gewürdigt wird. Die Religion ist eine Belehrung, die das Kind zu fassen vermag und hat der Psalmist schon darauf hingcwiesen, wen» er sagt: „Aus dem Munde der Säuglinge und Kinder hast du Sieg begründet". Niemals kann deshalb die Philosophie die Religion ersetzen oder entbehrlich machen. Aber so groß dieser Vorzug ist, so wichtig ritid nothwendig ist cs doch auch wieder, daß mit Religion die Philosophie verbunden sei. Diese will nur Wahrheit, und weder Selbstsucht überhaupt, noch eine der sonstige» sinnlichen Begierden haben auf den philosophische» Forscher einen Einfluß. Er kann irren, aber seine Wahrheitsliebe zwingt ihn, dem Gegner Rede zu stehen und der Widerlegung freien Spielraum zu lassen. Die Leidenschaften der Menschen, die zur Heuchelei und selbst betrügerischen Täuschungen veranlassen, haben auf dem Gebiete der philosophischen Denkthätigkeit keinen, auch nicht den geringsten Einfluß, und hätten sie einen, er würde bald entschleiert und folglich erfolglos sein. Das ist auf religiölem Gebiete anders. Sowohl Heuchelei als auch Betrug haben schon zahlreiche Menschen irre geleitet und nicht vorübergehend, sonder» fast unzerstörbar. Das gläubige Volk läßt gar leicht und gerne von dem Wunderbaren sich hinreißen, betäube» und am Unwahren fcstzuhalten sich bestimmen. Man darf nur an die falschen Propheten denken, deren verderblichen Einfluß die wahren Propheten in der Bibel so scharf tadeln und beklagen, wie in den Büchern der Könige und den prophetischen Schriften zu lese» ist. Es gicbt sicher keine Religion und hat keine gegeben, in der nicht listige Menschen durch Heuchelei itnb scheinbare Wundcrthätigkeit. aus Eigennutz oder sonst einer sinnlichen Begierde, die Religion verdunkelt und schismatische Zwistigkeiten veranstaltet haben. Auch das Judenthum blieb nicht verschont. Außer den schon angeführten falschen Propheten gab cs falsche Mcssiasse und betrügerische Kabbalisten. Man darf nur die Geschichte des So har lesen. (Siehe: Grütz Gesch. der Juden, Band VII S. 220 ff.) Dieses Buch hat viel Unheil im Judenthume gestiftet. Immer mehr tvird jedoch das Unwesen der kabbalistischen Verblendung und Täuschung erkannt. In seiner Verbindung mit Philosophie besitzt das Judenthum die Macht, das Schädliche, Irrige, Betrügerische nach und nach zu beseitigen, und seine reinen erhabenen Lehren von Gott und seinem Verhältnisse zur Welt, der menschlichen Seele mit ihren großen wunderbaren Eigenschaften, der Offenbarung als eine die Vernunft erleuchten de, nicht verdunkelnde höhere Belehrung wieder hcrzustellen, daß der Wahrheitsliebende sich gerne wieder ihm zuwendet und treu bleibt. Aus der einseitigen Auffassung ist auch das Ucbel der Gegenwart entstanden und ihr muß entgegen gewirkt werden, wenn Heilung erfolgen soll, wie ich spater mit Gottes Hülse noch ausführlicher Nachweisen werde. , .Doch vorher müssen wir auch die noch übrigen oben angeführten Vorzüge, die freilich schon zum Theil aus dieser sich erkennen lassen, doch auch einer näheren Begründung bedürfen, ausführlicher behandeln. Fonsetzung folgt.) Gerichte und- Correspondemen. Deutschland. Magdeburg. Wegen eines Artikels in Nr. 33 vor. Jahrg. „Vom Rhein", worin unter Hinweis aus die Neustettincr Vorsteher es als ganz allgemeine Forderung hingestellt wurde, daß selbstverständlich nur solche Männer als Vorkänipfcr des Judcnlhums und Vertreter jüdischer Interessen auftretcn sollten, die bürgerlich unbescholten, sowie von makellosem Charakter seien, und nicht solche, deren Vorleben dunkle Punkte aufweise, die vielleicht gar wegen Bankerotts bestraft oder sonst schlecht beleumundet seien; nur mit „reinen Händen" dürfe unsere heilige Sache geführt werden, und nicht von Leuten, die daraus ein „Geschäft" machen wollen, damit von antisemitischer Seite nicht das Treiben Einzelner unserer Gesammtheit angerechnet würde, wie dies bereits geschehen rc. — wegen dieses Artikels, zu dem wir ausdrücklich in einer Rcdactionsnote bemerkt hatten, daß er jede Personenfrage ausschließe, sondern nur einen allgemeinen Grundsatz aufstclle, hatte uns der vielleicht vielen unserer Leser bekannte ehemalige Hotelier, dann Rcdacteur, jetzt auch in Heirathsvermittelungcn machende Moritz Baum in Frankfurt a. M., früher in Bonn, Cöln, Würzburg ansässig, wegen Beleidigung verklagt, indem er annahm und zu beweisen suchte, daß der Artikel ihn im Auge gehabt habe. Am 6. Oktober stand hier Termin in dieser Privatklagesache vor dem hiesigen Schöffengerichte zur öffentlichen Verhandlung an; Herr Baum war persönlich zu demselben erschienen und trotz seiner und seines Anwalts Begründung der Klage, vom Gerichte mit der Klage abgewiesen und in sämmtliche Kosten verurthcilt. Die Gründe unserer Freisprechung werden wir, sobald wir im Besitze des richterlichen Erkenntnisses sind, soweit sie von allgemeinem Interesse sind, in dies. Bl. mittheilen. Zur besonderen Genugthuung gereichte es uns, daß der Herr Vorsitzende bei Verkündigung des Urtheils ausdrücklich betonte, daß die Tendenz der „Wochenschrift", Mißstände innerhalb des Judenthums wegzuräumen, eine gewiß edle sei. 8. Stettin. sOr.-Corr.) Am 27. September, dem zweiten Tage Chol-ha-Mosd, wurde die neuerbaulc Halle der 3 Berliner Logen des Bnai Berith - Ordens — die zusammen über 400 Mitglieder zählen — eingeweiht, wozu die Brüder auswärtiger Logen eingeladen wurden und in ziemlich großer Anzahl erschienen sind. Um 6 Uhr Nachmittags versammelten sich sämmtliche Brüder in den Nebenräumen des neuen Logenlocals, und nach gegenseitiger Begrüßung wurden zuerst die auswärtigen Gäste in die Halle geführt, für welche besondere Plätze rescrvirt waren. Während sich der Saal mit den Brüdern füllte, präludierte Herr Benjamin auf dem Harmonium und versetzte alle Theilnehmer des Festes in eine weihevolle Stimmung. Die sehr geschmackvoll eingerichtete, von dem Bundcsbruder Herrn Maurermeister Weile erbaute Halle macht einen erhebenden Eindruck, und beim Eintritt in dieselben kamen uns unwillkürlich jene herrlichen Worte unseres Stammvaters in den Sinn: „Wie andachterweckend ist diese Stätte, sie ist ein Gotteshaus, die Pforte zum Himmel". Mil dem Absingen des in Reime gesetzten 15. Pf. (nach der Melodie eines Liedes des Berliner Reformtempels) nahm die Feier ihren Anfang; es folgten hierauf Mittheilungen des Einrichtungscomitös, voin Vorsitzenden desselben, dem Expr. Jablonsky, der in seinem Berichte die vielen zur Ausschmückung und Einrichtung der Halle von Brüdern gemachten opferfreudigen Schenkungen tjervorhob, sovann die Uebergabe der Logcnhalle durch Maurermeister Weile an den würdigen Präsidenten der Großlogc, Herrn Julius Fenchel, den Begründer des Ordens B. B. auf deuffchem Boden, der denn auch allen Speitdcrn und besonders dem uneigennützigen Bauineister und dem Bcschaffungscomits den tiefempfundenen herzlichen Dank aussprach. Den Glanzpunkt der Einweihungsseier bildete die von Br. vr. Maretzki gehaltene Festrede. Auf die tausendrttfigh «Hak»