Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 42. (15.10.1885)
- Date
- 1885-10-15
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 314 — in ihrer ganzen männlichen Principientrcue, indeß auch der orthodoxe Klingelbeutel seine Rechnung dabei findet; jene F a r b l o s c n, die die frische Farbe der Grundsätze mit der blassen Schminke orthodoxer Connexionen übcrtüncht haben — an sie wird wohl der neugeplante Verein mit einem scharfkantige»;■ DX nnx ubn? hcrantrcteu; sic werden Farbe bekennen müssen. Ein Liebäugeln mit den Potentaten der Orthodoxie, wobei man immer noch die Hintcrthllre hat, sich selbst als den anzusehen, der „früher aufsteht", und den Andern als den Dupirten, ist doch etwas Anderes, als der Beitritt zu einer „freien Vereinigung für die Interessen der Orthodoxie". „Olhodoxie"! das Wort hat so einen unangcnedmen, übelberüchtigten Beigeschmack. Selbst die Orthodoxen haben nicht durchweg den Muth, sich schlecht und recht „Orthodoxe" zu nennen. Sie sprechen von sich immer gern nur als von den „sogenannten" Orthodoxen. Selbst Samson Raphael Hirsch hat in seinem „Jcschurun", dem Ahnen des Hannöver'schen Epigonen, lebhaft dagegen plaidirt, daß cS im Jndcnthum eine Orthodoxie gebe: das wäre, meinte er, im Judenthumc, bei dessen mehr praktischer als theoretischer Natur, gar nicht möglich. Nun hat zwar die „Aufforderung" auch die Bezeichnung: „unter dem N a m e n „orthodox" begriffenes Jndcnthum", und nicht schlichtwcg „orthodoxes Jndcnthum"; ferner könnte ein Verein für die „Interessen des orthodoxen Judenthums" auch immer möglicherweise die Hilfsmittel der Diplomatie nicht verschmähen, wen» sie nur „den Interessen der Orthodoxie" dienen. Doch gestehen wir gerne zu, daß Hirsch gerade Derjenige ist, der bisher die diplomatischen Actione» verschmäht hat, wenigstens Hirsch ssn.; Hirsch gurr, hat bei der Rabbiner- Nacanz in Hannover schon mehr diplomatisches Talent, ja geradezu diplomatische Virtuosität an den Lag gelegt?) Jedenfalls wird die Devise „orthodox" auf der Flagge des neuen Vereins ein sauerer Apfel sein, in den Keiner beißen wird, der nur orthodoxen Allüren Concessioncn macht und die Affinität des neuen Vereins wird vielleicht manche Analyse früherer Verbindungen lösen und den alten und wahren Affinitäten zum Siege verhelfen. — Ueber die im Ausruf skizzirte Tendenz des Vereins nächstens! Betrachtungen über das Judenthum der Gegenwart.*") Von Dr. L. Wbler, emeritirtcn Landrabbiner. Religion und Philosophie sind noch in anderer Weise von einander verschieden und weil im Judenthumc dennoch vereinigt, diesem seinen großen Vorzug verleihend. Das geistige Besitzthum des Philosophen ist sein individuelles Eigenthum. Durch Miltheilung an Andere wird cs auch deren Wissen, die es entweder als Wahrheit sich aneigncn oder als Jrrthum verwerfen oder auch theilweise umgestalteu, wie das die Geschichte der Philosophie in sehr vielen Beispielen zeigt. Es gab und gicbt deshalb philosophische Schulen, aber keine philosophische Gemeinden, wie deren die Religion hat. Als ein gemeinsames überliefertes Besitzthum ist sie das Eigenthum einer größeren oder kleineren, älteren oder jüngere», mehr oder weniger ausgebreiteten Religionsgemeinschaft. Und wie sie durch diese fvrlbesteht und erhalten wird, so wird es auch die Gemeinschaft wieder durch sie, durch die gemeinschaftliche Religion. Ter jüdische Stamm verdankt sein Fortbestehen ebenso der jüdischen Religion, wie diese selbst hinwiederum deren Fortbestehen seinen Bckennern als jüdischer Stamm, als jü- *> Freilich [eilt jetziges Verhalten gegen den mit seiner Zustimmung gewählten Landrabbiner Herrn vr. Gronemann, dessen orthodoxe Gesinnung zu prüfen, Herr.Hirsch z. Z. bekanntlich selbst nach Tanzig gereist war, ist trotz aller Diplomatie denn doch ein gar zu curioses und wenig loyale-. »*j Als Fortsetzung der 3 Artikel: „Was thnt uns Noth?" in Nr. 37, 38, 3v. dische Gemeinschaft, wenn auch ohne gemeinsames Land und gemeinsames Oberhaupt. Ans diesen Verhältnissen ber^Gemeinschaft zum geistigen gemeinsamen Besitzthume kann sehr leicht entstehen und ist sehr oft entstanden, was de» Fortbestand beider gefährdet: innerer Zwiespalt, Unduldsamkeit gegeneinander und lieblose, gehässige Verfolgungssucht. In der That gicbt cs keine Religion, innerhalb welcher solche Streitigkeiten und selbst kriegerische, blutige Kampfe nicht vorgekommen. Auch das Judcnthum hat in dieser Beziehung seine bitteren Erfahrungen gemacht, jedoch ohne daß dessen Bestehen oder das Bestehen der jüdischen Gemeinschaft gefährdet wurde, weil in ihm Religio» und Philosophie, wie wir oben gezeigt, verbunden sind. Von letzterer erleuchtet, haben die hervorragenden Männer es verstanden, die Einigkeit wieder herzustcllen. Wie können in der jüdischen Religionsgemeinschaft, deren Religionsprincip das Erkennen ist, gewaltsame Maßregeln gegen den Andersdenkenden und Erklärenden Anwendung finden, ohne das Princip des freien Denkens und Forschens zu verleugnen? Das Judeuthum der Religion kennt nur eine Waffe, die des Geistes «nd Wortes. 1.TB3 nnn na« min „Lehre der Wahrheit in seinem Munde", soll des Juden Wahlfiiruch sein, wie kann er nun von einem Rcligionsgenossiut verlangen, anders zu reden, als er denkt, wie ihn durch Beschimpfung oder Verdächtigung oder gar Verfolgung veranlassen wollten, seine wirkliche Meinung zurückzuhalten? Das Philosophische des Judenthums gestattet und gebietet rückhaltlosen Gedankenaustausch, Belehrung und friedlichen Gebrauch der geistigen Waffe. ITX 'mT 1*7X1 1*7X „Wenn auch abweichend in den Ansichten, — die es ernst und aufrichtig mit der Wahrheit meinen, deren Worte sind Worte des lebendigen Gottes". Religion und Philosophie sind in anderer Weise noch sehr verschieden. Letztere, die Wissenschaft des Wissens, ist ausschließlich Geistes- oder Dcnkthäligkcit und wirkt als solche wohl auch mittelbar auf den Willen — praktische Philosophie — nicht aber auf Herz und Gemüth, wie es bei der Religion der Fall ist. Sie bewirkt jene edlen und himmlischen Eigenschaften, durch die der Mensch auch in seiner Gesinnung ein höheres gottähnliches Wesen wird. Liebe, Barmherzigkeit, Schamgefühl, Sauftmuth re. werden durch die Religion, in der Seele der Menschen vorhanden, entwickelt, gestärkt und bis zur selbstlosen Thatkraft gesteigert, auch den stärksten Trieb der Sinnlichkeit zu beherrschen. Ein so großer Vorzug aber darin für die Religion liegt, auch in ihm liegt für diese eine große Gefahr der Verunstaltung — die Schwärmerei. Die Religionsgcschichte weiß hiervon viel und Schreckliches zu erzählen. Der Taumel einer GemüthSaufregung, bei der die Vcruunst jedes Einflusses beraubt ist, als Religionseifer, ist solcher Grausamkeiten fähig, wie sie bei den rohesten und verkommensten Menschen nicht schrecklicher Vorkommen. Wie groß ist die Zahl der Verbrechen aus religiöser Schwärmerei! Wie groß die der Unglücklichen, die aus vermeintlicher Religiösität über sich und ihre Angehörigen Jammer und Elend brachten! Es ist nicht nothweudig, Belege dafür anzusührcn, denn sie liegen für Jeden und aus jeder Zeit nur allzunahe. Der Schutz dagegen ist Philosophie. Daß im Judenthume mit Religion Philosophie verbunden, der Vernunft neben der Ueberliefcrnng ihr Recht gewahrt ist, haben wir es zu verdanken, daß die sonst so häufigen religiösen Schwärmereien seltener sind und nur dann Vorkommen, wenn in Folge der einseitigen Auffassung der Vernunft dieses Recht entzogen wird. Endlich sind Religion und Philosophie darin auch verschieden, daß letztere nur Wenigen wirkliche Belehrung bietet. Schon die Ausdrucksweise, die Terminolgie der philosophischen Lehrsätze, Begründungen und weitere Ausführung erschwere» das Verständniß, aber noch mehr die