Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 40-41. (8.10.1885)
- Date
- 1885-10-08
- Page
- Seite 309 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 309 — \ Nicht unerwähnt sei, daß der Vertheidiger selbstverständlich i» beiden Terminen auf Freisprechung antrug und mit dem Hinweis auf den „Gneseuer" Fall dieselbe begründete, indessen kümmerte sich der Gerichtshof darum Wenig. Man sieht aber, von welcher Tragweite derartige rabbinatliche Gutachten sein können. Aus Kellen. Unter diesem Titel enthielt die letzte Nr. der „Wochenschrift" eine Corrcspondcnz über eine Prüfung im Casseler Lehrerseminar, in welcher der Wunsch ausgesprochen tvird, „daß der gelehrte Herr, welcher über die religionspädagogische Befähigung von Seminar-Directorcn und Lehrern so schncllsertig den Stab biach, einer solchen Prüfung einmal beigewohnt hätte, er wäre gewiß eines Besser» belehrt worden". — Der „gelehrte Herr" bin ich, der Bcrs. des Artikels: „Unsere Lehrer-Seminare" — und ich danke dem Herrn Cvrrespoiidcnten für das Compliment. Das „fchnellfertig" der Correspondenz war wohl im Original ein „lcichtsertig" und ist wohl eine Euphemisirung der Redaktion,*) Geben Sie den Herren nur immer Redefreideit! Um Ehre u,id Anelkennung habe ich nicht geschrieben, sonst hätte ich meine Adresse nicht verschwiegen, sondern um der Sache willen, und der Sache kann cS nur nützen, wenn die Herrn, welche Glaubeii, daß ich aus sie gezielt habe, nicht zur Ruhe stnunen. — Aber warum bleiben die Herren nicht bei der Wahrheit? Religivnspädagogische Beiähigung habe ich den Scmiiiardirekloren uiid Lehrern nicht abgesprochcn, sondern religiouspädagogische Leisluiigen! Im Gegenlhcile bi» ich überzeugt, daß, wenn nur erst der feste Wille da ist, die Befähigung nicht fehlen wird. Und in so fern gereicht es mir zur wahren Genugthuung, daß auf der letzten Lchrerprüsung des Kasseler Seminars der Pädagogik des Rcligions Unterrichts besonderes Augenmerk zugewandt wurde, wie der Herr Cvrrcspondcnt versichert. Früher war davon nur verschämt d:e Rede, da wurde immer mit der Elementar-Schul-Pädagogik geprunkt. Ich wünschte selber ich wäre bei der Prüfung zugegen gewesen. Ob sic mich so in Entzücke» versetzt hätte, wie Ihren Henn Cvrrcspondentcti? das weiß ich nicht. Ich hvffe es. Des aber kann Ihr Herr Cvrrejpvudcnt versichert sein, daß ich nicht gerne tadle, daß tch das Gute mit freudigem Herzen anerkenne, und daß ich der erste wäre einzugestehen, daß mein Urtheil über die Leistungen „unserer Lehrerseminare" bei dem Kasseler Lehrer-Seminar nicht zutrifsr, wenn ich mich dessen überzeugt hätte. Freilich die Art und Weise, wie die Herren Tadel ertragen, ist nicht besonders geeignet, meinen Rcspcct zu polcnziren. Ein wahrer Lehrer ist daran zu erkennen, daß er auch sich gerne belehren läßt *7-2 CCH ili'S CIS. Mein in dem vielangcgriffenen Artikel ausgesprochenes Urtheil uar kein „schuellfertiges", sondern beruht aus Mittheilungeu höchst ehrenwerther Lehrer über ihre seminaristische Ausbildung, Die Lehrer habe ich überhaupt nicht angegriffen, wie Ihr Corrcspvndent behauptet. Wenn ich mein Visir öffnen wollte, würde derselbe sich leicht überzeugen können, daß ich als der beste Freund der Lehrer bekannt bin; daß die Lehrer ineines Bezirkes sich unter meineni Regime so wohl fühlen, daß sie selbst pecuniäre Verbesserungen ausschlagen, weil sie den Schulinspector nicht vertauschen wollen. Obgleich ich Rabbiner seit langen Jahren und mit Leib und Seele Rabbiner bin, setze ich doch meinen größten Stolz darein, Lehrer zu sein, und ich bin erst seit der Zeit mit Leib und Seele Rabbiner, seitdem ich mit Leib und Seele Lehrer bin. Also die Herren Lehrer mögen sich nur nicht gegen mich in Harnisch jagen lassen. Das wäre mir leid. Den Haß der Seminar-Direktoren könnte ich mit Leichtigkeit ertragen; der Haß der Lehrer *) Nein, diesmal nicht — der Ansdruck „schnellfcrlig" ist ureigenstes Eigenthum des Corrcipondenten Herrn Lehrer Andorn in Fronhausen; dass wir demselben volle Redefreiheit gewährt, beweist die Ausnahme des SchlustpassuS, gegen den von mehreren Seiten remonstrirt lvnrde. Wir haben nur die S. 310 svlgcndc sachliche Erwiderung „aus Wcilburg" ausgenommen, (Red.) wäre mir unerträglich. Rein, die Lehrer, namentlich die jüdischen Religionslehrer mögen versichert sein, daß sie keinen treuern Freund haben, als ich es bin, und daß alle meine Bemühungen zur pädagogischen Gestaltung des jüd. Religionsunterrichts zum Theil auch dem Wunsche entstammen, dem jüdischen Religionslehrer seinen in jeder Hinsicht schwierigen Beruf zu erleichtern und lieb zu machen. Nirgends ist ein solches Mißverhältniß zwischen der Aufgabe und de» gegebenen Mitteln, als im jüdischen Religionsunterricht. Wer leidet am meisten darunter? Doch nur der Lehrer. Er reibt sich auf im Kampfe gegen das Unmögliche, das er möglich machen soll. Sollte der nicht sein Freunds sein wahrer Freund sein, der ihm in diesem Kampfe beizustehcn sich bestrebt? Und wäre es auch nur guter Wille — sollte nicht der gute Wille allein schon, wenigstens bei denen Ankennuug finden, denen er gilt? Also bei den Lehrern? — Der Vers, des Artikels „Unsere Lehrerseminare". P. 8. Das Gutachten des Or. Plato über die Orgel macht die Orgel dafür verantwortlich, daß „die Kenntniß unseres heiligen Schriflthums, des Gemeingutes der gesitteten Menschheit, sich in jüdischen Kreisen in erschreckender Weise vermindert hat". Herr Or, Plato ist Director des orthodoxen Lehrer-Seminars zu Köln: sollte nicht mit dieser Abnahme der Kenntniß unseres heiligen Schristthums die pädagogische Behandlung unseres heiligen Schriftthums in unfern Lehrer- Seminaren in einem engeren Causalnexus stehen, als die Orgel in der Synagoge? Der Obige. Aus Westfalen. (Or.-Corr.) Am 29. September fand zu Münster die Einweihung des neuen Seminargebüudcs der Marks-Haindors'schcn Stiftung statt. Das schöne und seinem Zwecke in jeder Weise entsprechende Gebäude hat eine freie, gesunde, eine hübsche Aussicht gewährende Lage an der Wehrslraße in der Nähe des Budgeri - Thores. Nachdem vorher eine amtliche Sitzung des Curatoriums der Stiftung stattgesunden hatte, wurde der Einweihnngsact um 1l‘/2 Uhr Bormittags vorgcnommen. Der Oberpräsident v. Hagemeister, der Rcgicrungsvicepräsident v. Liebermann und der Oberbürgermeister Scheffer-Boichhorst, sowie die Reichstagsabgeordneten v. Schorlemer-Alst und v. Heermann, welche sämmtlich zur Feier geladen waren, halten, durch Reisen verhindert, ihre Abwesenheit unter Bezeugungen ihrer Sympathie für die Anstalt entschuldigt, dagegen waren erschienen: als Delegirter des Provinzial-Schui-Collegiums der Regierungs- und Schulrath Or, Dyckhoff und als Vertreter der Stadt Münster der Bürgermeister B o e l e. Nachdem der bauleitende Techniker, Bauführer Boßkötler, den Schlüssil dem Präses des Curatoriums, Rentier F. Blumenfeld, mit einer kurzen Ansprache übergeben hatte, hielten zunächst dieser und sodanu der Ehrenpräses, Riitergutsbesitzer Lob, längere Ansprachen und übergab Herr Blumenfcld den Schlüssel dem Regicrungsrathe Dyckhoff, welcher mit einigen feierlichen Worten das Haus anfschloß. Anwesend waren außer den genannten Herren die Mitglieder und Stellvertreter des Curatoriums, der Director und die Lehrer der Anstalt, die Vertreter der Synagogengcmeinde Münster und eine Anzahl jüdischer Lehrer beider Provinzen, ehemalige Schüler der Anstalt, unter ihnen als Senior der 80jahrige Lehrer Marcus aus Burgstcinfurt. Nachdem man sich in die zugleich als Aula dienende Synagoge des Gebäudes begeben hatte, eröffnete Herr Dyckhoff den eigentlichen Weiheact mit einer gemüthvollen und kernigen Ansprache, indem er der neuen „Berufshcimath der Lehrer und Lernenden" eine gedeihliche Zukunft wünschte. Hieraus folgte die Wciherede des Seminardirectvrs Or. Stein - berg und das von dem Scminarlchrcr Or, Mansbach gesprochene Weihcgebct, worauf dieser Act mit einem vom Regierungsraih Dykhofs ausgebrachten Hoch auf den Kaiser schloß. Die Versammlung nahm sodann unter Führung der Herren Blumenfcld und Voßkvlter eine genaue Besichtigung des Hauses und sämmtlicher Räume desselben vor und überzeugte sich hierbei von der geradezu vorzüglichen Ausführung des Baues und der inneren Einrichtung. Um