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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-10-08 · N° 40-41. (8.10.1885) · p. Seite 306

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 40-41. (8.10.1885)
Date
1885-10-08
Page
Seite 306 (sequence 2)
Language
German
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— 306 stätigtcn Gutachten des Herrn Rabbiner Or. Plato. Wenn dieser trotzdem sein Gutachten zu Ungunsten der Orgel abgiebt, so beweist das nur, daß die heutige Orthodoxie nicht mehr ausschließlich auf dem Boden des Religivnsgesetzes steht, sondern auch Parteipolitik treibt, daß sie neben dem Schulchan Aruch des Joseph Caro noch einen eigenen ephemeren Partei-Schulchan-Aruch hat. Aus allem diesem ersieht mau folgendes: 1. Die Orgel wurde als 'Un rpn für in der Synagoge unzulässig erklärt, so lange man innerhalb des Judenthums das Christcnthum noch nicht kannte, sondern dies für nicht ganz frei von heidnischen Elemente» erachtete. Seitdem man das Christcnthum als grundsätzlichen Monotheismus constatirt hat, erstreckt sich der Jssur von '12n rpn nur auf die Formen, welche nicht ganz dem Princip des reinen geistigen Monotheismus adäquat sind und früher zu der obengenannten Auffassung über das Christcnthum im Judenthum Anlaß gegeben haben. 2. Die Orgel wurde für unzulässig erklärt, seitdem man von der blinden Nachahmungssucht die schlimmsten Gefahren für's Judenthum befürchten mußte. Seitdem diese blinde Nachahmungssucht nicht mehr in der Wirklichkeit, sondern »ur noch in der Schwarzseherei (oder Malerei) der orthodoxen Parteiblätter existirte, ist cs nicht mehr eine Frage des Religionsgesetzes, sondern der Partcitakt ik. Bar Mizwah- und Confirmations-Feier. Kortrag, gehalten auf der VII. Konferenz des Vereins israelitischer Kuktusveamte» Mitteldeutschlands zu Magdeburg, 26. Mai d. I Von B. Jacob fohn in Leipzig. II. Wenden wir uns nun dem zweiten Theilc unseres Thcma's, der Confirmations-Feier, zu. Es ist Ihnen, m. H., genugsam bekannt, daß mit dem Beginne unseres Jahrhunderts endlich die tausendjährigen eisernen Fesseln, in welche derjenige Stamm geschlagen war, welcher der Menschheit die Religion gegeben, fielen; daß die eisigen Schranken, welche ihn von seinen nichtjlldischen Brüdern getrennt, schmolzen und neues Leben, wie der Dichter sagt, aus den Ruinen erstand. Toleranzcdicte, Aushörcn des schmachvollen Schutzverhältnisscs, Gewährung von Bürgerrechten an die bis dahin, freilich für hohe Summen, von den einzelnen Staaten Europa's geduldeten Juden, mußten einen gewaltigen Umschwung in deren Gesammtverhältnissen Hervorrufen. Nach zwei Richtungen hin ward vornehmlich von Denjenigen eine rege Thättgkeit entfaltet, die mit allgemeiner wissenschaftlicher Bildung zugleich ein warmes Herz für die angestammte Religion verbanden, nämlich nach der bürgerlichen, um der nunmehrigen Staatsangehörigkeit sich vollwcrthig zu zeigen und nach derreligösen, besser gottesdienstlichen Seite hin, um das köstliche Gold von den Schlacken und häßlichen Ansätzen zu reinigen und zu läutern. Sie wissen, daß, was damals von der stabilen Richtung als eine ungeheure Reform verketzert, für eine Scctirerei allen Ernstes gehalten worden war, heute als etwas durchaus Berechtigtes, ja Selbstverständliches angesehen wird. Was haben nicht die Alten beispielsweise gegen die Uebersetzung der Bibel in's Hochdeutsche und gegen die Predigt in der Landessprache geeifert, als ob der sogenannte jüdischdeutsche Jargon einzig und allein für die religiöse Belehrung vom Sinai her die Sanction erhalten hätte! — Das Bestreben, schöner und der heiligen Sache würdiger sich nach Außen hin darzustellen, war trotz der heißen Kämpfe im Innern doch von Erfolg begleitet. Die bcsseritde Hand wurde zunächst an den Cultus, an den öffentlichen Gottesdienst gelegt; die Predigt in der Landessprache, der veredelte Vortrag des Vorbetcrs, sowie die Einführung eines geregelten Chorgesanges waren und sind eben thatfächliche Erfolge jener Bestrebungen begeisterter Männer, welche die Bedürfnisse einer fortgeschrittenen Zeit wohl begriffen hatten. Auch andere religiöse Handlungen, wie Trauung, Beerdigung, ja die Bcschneidunqsfeicr erfuhren zeitgemäße Umformungen. Mit einem Worte, es war die Sturm- und Drang-Periode des Judcnlhums, aus der heraus unsere gegenwärtigen geordnctern Einrichtungen entstanden. Unter den Männern, welche ihre ganze Kraft für die Besser- und Schöncr-Gestaltung der jüdischen Angelegenheiten in Deutschland, namentlich in Preußen, eingesetzt, gehört in erster Reihe der edle Israel Jacobson, dessen Andenken in den bekannten von ihm aus eigenen Mittel» gegründeten Lehr- und Erziehungs - Anstalten zu Seesen in ruhmvoller Weise erhaltet, ist. Seine unermüdliche Thäliqkeir zur Förderung einer edlcrn Geschmacksrichtung im Gotte:dienste, wie sie heute in de» größeren Gemeinden unseres Vaterlandes die herrschende geworden, wird wohl erst in späterer Zeit die verdiente Würdigung erfahren, obschon sei» Vorgehen ,n manch' anderer Beziehung, besonders in seiner Eigenschaft als Präsident des ivestfülischen Consistoriums nicht immer gebilligt werden kann. — Er war auch. soviel uns bekannt ist, der Erste, der seinen Sohn bei dem von ihm im Verein mit Gesinnungsgenossen, wie Friedlünder u. A., in Berlin in's Leben gerufenen Privat - Gottesdienste etwa um das Jahr 1813 selbst confirmirle, ein Ercigniß, das damals begreiflicherweise großes Aufsehen erregte, aber auch bald vielfach Nachahmung fand. Bemerkenswerlh ist, daß die Confirmation bereits 1814 in Dänemark landeSgesctzlich in die Synagogen cingeführt worden war. Sobald man die Abneigung gegen die deutsche Predigt überwunden hatte und noch mehr: als die Landessprache in ihrer Reinheit Unterrichtssprache geworden war, konnte es nicht gar zu schwer werden, auch der Confirmation Eingang zu verschaffen, zumal es ja bekannt sein mußte, daß ihr eine sakramentale Bedeutung im Sinne des christlichen Cultus nicht inncwohnte, nicht innewohnen kann. — So kam es denn auch, daß die Confirmativnsfcier sich in einem verhültnißmäßig kurzen Zeiträume das Bürgerrecht in vielen Gemeinden erworben und zwar trotz der Vorurthciie und der Verdächtigungen so mancher Fanatiker, die ja mit jeder Neuerung unzufrieden sein zu müssen glauben. Noch heute sucht man dieselbe zu discrcditiren, lächerlich zu machen. Die Confirmation — der Name thut auch hier nichts zur Sache; sie könnte wohl auch religiöse Einfllhrungs- oder Einsegnungs-Feier heißen — sagt man, sei Nachahmung einer christlichen Cultuscinrichtung, die abseits des Judenthums liege; sie sei eine bloße Schaustellung, weil sie nicht einem inner» Bedürfnisse entspringe. Wie in vielen andern Dingen, ruft man aus jenem Lager mit frommem Eifer uns zu: Das ist ein “'Dn npn„ oder mit mitleidigem Kopfschütteln:!btiwö ■naVn nna unwvi Nun, was soll man darauf anders erwidern, als daß wir Juden, ohne Schädigung unserer religiösen Angelegenheiten und Obliegenheiten, sowie ohne Hintenansetzung unserer besonder» weltgeschichtliche» Mission, die Cultur der Völker, in deren Mitte wir leben, deren Sprache wir sprechen und deren Schicksale wir theilen, auf uns wirken laßen. Ja, wir sehen dem Culturkampfe — nicht nur dem von politischen Motiven geleiteten, — sondern auch dem, der die Menschheit bewegt, nicht mit verschränkten Armen zu, sondern wir greifen vielmehr mit ein und verhelfen ihm, so viel an uns liegt, zum endlichen Siege. Würdige Haltung beim Gebete im Gotteshause, gelauterte Aussprache des Hebräischen, sowie Gebete in der Landessprache sind aber ebensowenig unjüdisch, wie ein öfsenlliches Bekenntniß in der letzteren. — Der Geist des JudenthumS ist eben viel zu stark, als daß er die veränderte Form einer gottesdienstlichen Einrichtung zu fürchten brauchte. Hatte doch das Ringen nach

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