Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 39. (23.9.1885)
- Date
- 1885-09-23
- Page
- Seite 318 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 318 — Orgel oder eines Harmoniums zu dem Gottesdienste durch- ' aus unstatthaft ist. Hamburg, den 26. August 1885. Der Obcrrabbiner der deutsch-israelit. Gemeinde, gez. A. Stern. Daß die Benutzung einer Orgel oder eines Harmoniums beim isr. Gottesdienste nicht gestattet ist, bestätigt Mainz, den 31. August 1885. gez. vr. Lehmann, Rabb. der isr. Rlggs. z» Mainz. Stuttgart. (Or.-Corr.) Am 11. d. Mts. verschied hier einer der angesehensten Burger dieser Stadt, Herr Banquicr S. D. Nördlinger. Die verschiedenen Stuttgarter Tageblätter widmeten dem Andenken des Verstorbenen Nachrufe. So schreibt der „Beobachter", das Organ der schwäbischen Volkspartei in Nr. 213.: „Mit tiefer Wehmuth haben wir der Volkspartei den Hingang eines ihrer treuesten und ältesten hiesigen Genossen anzuzcigcn. Unser S. D. — so wurde er gewöhnlich unter den Freunden genannt — ist heute den asthmatischen Leiden erlegen, die ihn schon lange beschwerten und, ohne seinen stets heiteren Humor zu erdrücken, von öffentlicher Betheiligung an den Arbeiten der Partei abhielten. Die Reise nach Triest zu seinem dort etablirtcn Sohn, die er demnächst wieder antrcten wollte, hat er nicht mehr aussühren können. Gestorben in der Heimath wird er in dieser noch lange vermißt werden; auch von denen, welchen seine stets offene milde Hand in der Stille so oft geholfen hat. Der Verlust des edlen Mannes bringt uns aufs Neue den frühen Tvd seines Bruders, des Rechtsanwalts, in Erinnerung, welche» er nie ganz verwinden konute und den die Volkspartei noch heute beklagt. Die schwer betroffene Familie der Nördlinger sei unserer Aller herzlichsten Theilnahme versichert." Die Familie Nördlinger entstammt der früher größeren jüdischen Gemeinde Pflaumloch. Der Vater David Nördlinger, das patriarchalische Haupt der Familie, erzog seine Söhne im gcsetzestreuen Judenthum. Er und seine Söbne waren eifrige ordentliche Mitglieder des dortigen Talmudvereins. — Der Verstorbene siedelte von Pflaumloch nach Stuttgart über und war dort ein eifriges Mitglied der israelitischen Gemeinde in Förderung religiöser Humanitätsanstalten. So war er namentlich lange Jahre Vorstand des israelitischen Vereins für Krankenpflege und Leichenbestattung, auch gehörte er lange Zeit dem israelitischen Kirchenvorstehcramt an. — So konservativ er in religiösen Anschauungen war, so freisinnig bewies er sich in seinen politische» Tendenzen und war ein hochangcsehencs Mitglied der demokratischen Partei. Der früh verstorbene jüngere Bruder, Rechtsanwalt L. Nördlinger, war ein bedeutender Kenner rabbinischer Wissenschaften. Ein Schüler des Rabbiner vr. Grllnebaum in Ansbach und Schwiegersohn des sel. vr. Löwi in Fürth intcressirte er sich stets für jüdische Cultzuständc. Wie sein älterer Bruder eifriges Mitglied der demokratischen Partei und hochverehrt von derselben, war er in Angelegenheiten der Synagoge Vertreter und Verfechter der strcngrcligiösen Richtung in Württemberg; und als solcher hat er oft scharfe Polemik gegen die Reformer geführt. Bei Gelegenheit der Berathuug über Abschaffung der Todesstrafe in der Ständekammer ist er für deren Aufhebung eingetrctcn und hat eine eigene Broschüre gegen die Kundgebungen des Prälaten v. Hauber und die Prälatenbank geschrieben. Seine Consequenz in der freieren Bewegung und Autonomie der Israeliten in Religionsangelegcnheiten ging sogar so weit, daß er gegen seine eigene Anschauung über die Beibehaltung der Meziza für die Hyperothodoxen gegen die Anordnung der israelitischen Oberkirchenbchörde, die die Abschaffung durch Verordnung dekretirte, kämpfte. — Die Gemeinde Stuttgart hat an diesen beiden Gemcindegenosscn würdige Mitglieder verloren, die in manchen Gemcindeangelcgcnhcitcn noch lange werden vermißt werden. Mesek. In den vierziger Jahren kam Friedrich Wil. Helm IV. auf einer Reise durch die westlichen Provinzen eines Tages zu kurzem Aufenthalt nach Wesel. Vorstellung und Parade waren rasch vorüber und es blieb dem Könige noch eine halbe Stunde vor der Abreise, die ausgefüllt werden mußte. Die Stadt mit ihrem ausgesprochenen niederrheinischen Charakter bot nicht viel Interessantes, womit sollte man den König unterhalten? Der Stadckommandant hatte plötzlich eine Idee. „Majestät, der älteste Mann der Monarchie lebt hier in Wesel." „Ich bitte Sie, mich zu ihm zu führen." — Der alte Gompcrz war damals 108 Jahre alt; gewöhnlich saß er rauchend in seinem Lehnstuhl, wobei er, geistig und körperlich frisch, an allem, was um ihn her vorging, regen Antheil nahm. Man hatte ihm den Besuch des Königs gemeldet und er erhob sich beim Eintritt des Monarchen. Der König nölhigte ihn, Platz zu behalten und erkundigte sich mit sichtlichem Interesse nach den Privatangelegenheiten und der Gesundheit des alten Mannes, der seinerseits ohne die geringste Befangenheit die an ihn gestellten Fragen beantwortete: sein Pfeifchen behielt er dabei im Munde. „Ich möchte Euch gern ein Andenken hinterlassen," sagte der König beim Abschied, „erzählt mir doch einmal — was wünscht Ihr Euch?" „Herr König," erwiderte ihm der Alte, „ich danke Euch schön für die gute Absicht, aber ich besitze alles was ich gebrauche und habe keinen besonderen Wunsch." Dergleichen war dem König noch nicht vorgekoinmcn; erstaunt näherte er sich noch einmal dem ruhig dasitzenden Greise. „Wie, Ihr hättet keinen einzigen Wunsch! Unmöglich — besinnt Euch; kein Sterblicher ist ohne Wunsch." Das Äuge des Alten streift das Gefolge des Königs, man. sieht ihm an — er hat doch einen Wunsch; aber es dünkt, ihn fast zu kühn, ihn auszusprechen. Endlich findet er das erlösende Wort. „Herr König," hebt er stammelnd an, „mein. Doctor will, daß ich täglich eine Stunde auf den Festungswällen spazieren gehe. Auf diesem Wege komme ich einige Schritte vor dem Pulverschuppen vorüber; jedesmal ruft mir der Posten schon von Weitem zu „Pfeife weg!" und da ich nur langsam vorwärts komme, so geht mir regelmäßig die Pfeife aus. Wollt Ihr mir eine Gnade erzeigen, so befehlet doch dem Soldaten, der dort auf dem Posten steht, daß er mich weiter rauchen läßt — ganz vorsichtig, nur daß die Pfeife nicht ausgeht. Rauchen war von jeher mein einziges Vergnügen." — Der König ist starr vor Erstaunen über diese merkwürdige Bitte. — „Das ist also Euer einziger Wunsch?" — „Ja, Herr König, ich wäre glücklich, wenn Ihr ihn erfüllen möchtet!" — Seit jenem Tage durste der alte Gomperz auf seinem Spaziergang unbehindert rauchen. Er hatte diese Vergünstigung noch zwei Jahre genossen und ist dann im Alter von 108 Jahren sanft und selig gestorben, die Pfeife neben seinem Bette — ein Opfer des Rauchens. Siegvurg. (Or.-Corr.) Es wurde in diesem Blatte früher, mitgetheilt, daß die hiesige Synagvgengemcinde in ihrem verstorbenen Vorsteher Herrn Samuel Jsak Bürg er cineu nicht zu ersetzenden Verlust erlitten hat. Herr Nathan Leubsdorf zu Cöln hat, um das Andenken seines Schwiegervaters zu ehren, eine brillante neue Gasbeleuchtung, bestehend in einem großen Kronleuchter mit 56 Flammen, 8 Armleuchtern und 2 kleineren Kronleuchtern für die Frauenabtheilung, in die Synagoge gegeben. Durch die Schenkung eines rons und die Anlage eines Brunnens auf dem Friedhöfe setzte sich Herr Leubsdorf ein Denkmal in der Gemeinde. Es ist wohl ein Hochgenuß, an Sabbathen und Festtagen eine Synagoge zu besuche», wo sämmtliche Gemeindemitglieder anwesend sind — und >var es das Verdienst des verstorbenen Herrn Bürger, in dem Herrn Fleischhackcr den Cantor und Lehrer gewonnen zu haben, der, begabt mit einer herrlichen Stimme, durch, seinen Gesang die Gemeinde zur Andacht zu stimmen weiß. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. (Or.-Corr.) In der Predigt zur Todtenfcicr am Jom Kippur, die das Thema behandelte: „Wodurch.