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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-09-23 · N° 39. (23.9.1885) · p. Seite 316

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 39. (23.9.1885)
Date
1885-09-23
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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Gelingt es dem Lehrer, solche heilige Empfindungen und Vorsätze in seinem B. M. - Schüler zu wecken und zu pflegen, wohl ihm, dann hat seine Arbeit einen gesegneten Erfolg zu erhoffen. Und dem feierlichen Weihcactc im Gotteshause soll sich würdig eine Feier in der Familc anschließen, um die Freude des denkwürdigen Tages zu erhöhen. Die religiösen Feste im jüdischen Hause sind in unserer Zeit sehr zusammengeschrumpst; versuchen wir, ihnen wieder ihr trauliches Heim zu verschaffen. Wie schon Eingangs erwähnt, liegt mir die Absichs fern, ein pädagogisches Recept für den speciellen B. M.- Untcrricht zu geben, weil es für eine Versammlung prakitscher Schulmänner mir überflüssig erscheint. Wenn die nachfolgenden Thesen anscheinend eine Anleitung enthalten so, sollte damit nur der persönliche Standpunkt des Referenten, den Sie billigen oder verwerfen können, angcdeutct werden. Was aber hervorzuhcbcn als nicht überflüssig erscheinen möchte, ist, daß der B. M. unbedingt die Grundlehren des Judenthums genau kennen müsse, da in den meisten Fällen, wenn man nämlich das Gros der jüdischen Gemeinden und deren Schulvcrhältnissc in's Auge faßt, die B. M- Feicr zugleich den Abschluß des Religionsunterrichtes überhaupt bildet. Auch aus die Aneignung der wichtigsten Synagogen-Gebräuche, wie z. B. Alles, was sich auf die Thora-Borlesung, sowie auf die praktische Kenntniß des Gesammtg o ttesd ien stes, nicht blos auf das verständnißvollc Lesen der Gebete bezieht, sondern was die Ordnung derselben betrifft, muß die nöthigc Sorgfalt verwendet werden, wenn wir nicht in Zukunft anstatt andächtiger Beter — stumme Zuhörer haben sollen. Aus den oben angcdcutcten Gründen sowohl, als auch der größeren Weihe des B. M.-Actes wegen bin ich für die Ablegung eines sogenannten Bekenntnisses, für das freilich erst eine einheitliche Fassung geschaffen werden müßte — sicherlich eine schöne und lohnende Aufgabe für den Rabbiner-Verband, — wie es die Thesen ad A 4 und ad B 5 verlaxgen. A. F-eseu zu „Aar Mizwah«. 1. Die altehrwllrdige Einrichtung der Bar Mizwah hat in der Gegenwart hinsichtlich der Volljährigkeit die ursprüngliche Bedeutung verloren und kann deshalb nur als Eintritt in ein reiferes Alter, gewissermaßen als Uebcrgang vom Knabenins Jünglings-Alter angesehen werden. 2. Die Bar Mizwah - Feier ist als ein religiöser Act in der Synagoge durch die Alijah und—bei genügend vorhandenen Vorkcnntnissen im Hebräischen — durch den Vortrag der Haphtarah bezw. der Paraschah, sowie durch Einsegnung Seitens des Rabbiners oder Religionslehrers zu begehen, während eine solenne Feier in der Familie (etwa mit religiöser Ansprache des Lehrers u. des B. M.) höchst wünschcnswerth wäre. 3. Der Vorbereitungs-Unterricht soll sich, außer den ad lroo zu lernenden Ritualien und zwar unter möglichster Vermeidung alles mechanischen Anlernens, vorzugsweise auf die Erkenntniß der Grundlehren des Judenthums, auf die Aneignung der hauptsächlichen synagogalen Gebräuche und die Liturgie erstrecken.*) 4. Wo die Confirmation noch nicht eingeführt ist, soll der B. M. außerdem noch ein sogenanntes Bekenntniß in der Landessprache nach der Haphtarah ablegen. Gerichte und Correlpondenren. Deutschland. Zjerki«. Die „Krcuzztg." bringt folgendes „Eingesandt": Ein jüdischer Gymnasiallehrer wurde vor kurzem *) Doch wohl auch auf die Hauptmomentc der bibl.-jüd. Geschichte und das Nebersetzcn der Hauptgebete. (Red.) zum Oberlehrer befördert und bei der Ueberreichung seiner Vokation unter Hinweis auf den früher abgelegten Ämtseid von neuem verpflichtet. Nun wird in der Vokation verlangt, daß sich der Inhaber „in jeder Beziehung so betrage, wie es einem rechtschaffenen, christlichen Lehrer und Erzieher der Jugend eignet und gebühret". Man ist gespannt, wie er diese eidlich übernommene Verpflichtung auch dem Wortlaut nach erfüllen und ob er nun etwa zum Christenthum übertreten wird". Würde cs nicht das einfachste sein, den Text der Vokation abzuändern? — — Der christlich-soziale Agitator vr. Müller ist geisteskrank geworden und befindet sich in der städtischen Irrenanstalt zu Dalldorf. — Der bekannte „Naturforscher und Antisemit" vr. Bernhard Förster hat eine Rundreise durch westfälische und rheinische Städte unternommen, um Vorträge über deutsche Kolonien in Paraguay und über die Judenfragc zu halten. In Witten, wo er den ersten Bortrag gehalten hat, gestand er, daß die Erfahrungen, welche er in der antisemitischen Bewegung gesammelt habe, ihn zum nicht geringen Thcile veranlaßt hätten, sein Vaterland zu verlassen. Zugleich theilte er mit, daß er beabsichtige, zur Gründung einer deutschen Kolonie wieder nach Paraguay zu gehen, und zwar wahrscheinlich in Begleitung seines Freundes Max Licbermann v. Sonnenberg: mit diesem wolle er in ein Land ziehen, wo es noch gestattet sei, deutsch zu sein und deutsch zu denken. — In Dortmund hat er am 16. September gesprochen. Stach dem Bericht der „Rhein. Wests. Ztg." sagte er u. A. Folgendes: „Die wachsende Macht des Judcnthums bei uns sucht Herr Förster auch dadurch nachzuwcisen, daß wir drei von Juden stamincnde Minister in Preußen hätten, von denen der eine, der Justizministcr Friedberg, noch selbst getauft sei. Die anderen beiden seien v. Goßler und Or. Lucius." Acrkin. (Or.-Corr.) In allen ehrlichen religiös konservativen Kreisen wird hier die Entscheidung des Rabbi Ehrenfcid, über die jüngst die „Wochenschr." berichtet, sehr abfällig beurtheilt. Ei» strengkonscrvativer Talmudist äußerte dieser Tage: „Den Gnescner Rabbi möchte ich fragen, was die christliche Predigt sei, ob sie nicht als die Verkündigung des Goltesworts durch den abgeordneten Diener der Kirche aufgefaßt, ob die Auslegung der Bibel, die eigene Gedankenarbeit des Predigers, nicht „das Wort Gottes" genannt wird? Wehe dem, der solche Vorträge irgendwie zu stören wagt! Nun, das Borlesen der Perikopcn der Thora vor der zum Gottesdienst in der Synagoge versammelten Gemeinde, in der Urschrift und Ursprache, unverändert und unverkünstclt, ganz treu, wie es von Gott gekommen — soll nicht den Rang der Predigt einnehinen?! Ja, schon die Störung eines sogen, profanen Lehrvortrages wird von der anständigen Gesellschaft — unter Umstünden auch vom Gericht — streng verurthcilt.?027>V 7,^122 7IN'V2 7ffl?B>7nin ktid K? Was ist nun auf das Mesusoh-Küssen und Aehnliches zu geben?" — In den Eingangs erwähnten Kreise» hegt man die Erwartung, daß auch die „frommen" Redakteure jene Entscheidung offen als Chillul Ha-Schem brandmarken werden. („Hameliz" lhut dies bereits mit aller Entschiedenheit. Red.) Aus dem Regierungsbezirk Aremberg (Harmlose Notizen eines lachenden WeltschmerzlerS) Sie haben, verehrter Herr Redacteur, in Nr. 37 Ihrer gesch. „Wochenschr." unter Gnesen über das Ehrenfeld'sche Rabbinatsgutachten berichtet und sich darüber gleich dem „Jeschurun" und allen G e r a d denkenden der verschiedenen religiösen Richtungen, entrüstet. Aber ich denke: Dont comprendre o’est tout pardonner. Was wollen Sie? Bedenken Sie doch, daß in alten Zeiten in Gnesen, das für die älteste Stadt in Polen gehalten wird, die polnischen Könige gekrönt wur-

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