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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-09-23 · N° 39. (23.9.1885) · p. Seite 315

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 39. (23.9.1885)
Date
1885-09-23
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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Der fortwährende Kampf mit den gewaltigen Mächten des Lebens und die dadurch bedingt gewesene Wanderung von Ort zu Ort, von Land zu Land, — das war ja das traurige Geschick unserer Vorfahren. — So sehr nun auch diese Frühreife in gewisser Beziehung von Vorthcil gewesen sein mag und ist, so läßt sich doch auch andererseits nicht verkenne», daß sie Verkümmerungen des Körpers und in gewissem Sinne auch des Geistes, besonders des Gemüthes zur Folge habe» mußte, weil der erziehliche Einfluß des Elternhauses meist zu früh aufgchört hatte. Die vcengten und beschränkten Verhältnisse unserer Altvordern haben es in den meisten Fällen wohl nothwcndig Sacht, den Knaben schon auf den frühen, selbstständigen erb mit Nachdruck hinzuwcisen. Vielleicht läßt sich in diesen mißlichen Umstünden die Lösung für manche unvortheilhaste Seite in der äußern Erscheinung unserer Stammesgenosscn finden. — Die Zeiten haben sich geändert und zwar Gottlob zum Bessern, zum großen Leidwesen derjenigen, denen jedes menschenwürdige Fortschreiten Israels ein Dorn im Auge ist. Die humaner» Stantsgesetze und die dadurch bedingten besseren socialen Verhältnissen, in welche die Judenheit der civilisirtcn Länder gclrelen, haben unsere besonderen patriarchalischen Sillen und Gebräuche vielfach geändert. Die so schwer erklimmte höhere Culturstufe hat einen milden Schein aus de» Verkehr des Menschen mit dem Menschen im Allgemeinen nicht nur, sondern auch aus unsere Erziehungssorm — vom Unterrichtsweseu und Cultus zu schweigen — geworfen, dessen segensreiche Wirkungen immer bemerkbarer geworden wären, wenn nicht von gewisser Seite immer wieder eine rückläufige Bewegung in „die gute alte Zeit" gewaltsam ecmacht werden würde. Hat nun gegenwärtig, wo vernünftige, religiöse Neuerungen und Einrichtungen auf historischem Grunde ein unabweisbares Bedürfniß, ja eine zwingende Nothwendigkeit geworden, die Bar Mizwah-Feier noch eine Berechtigung? Ich antworte aus voller Ueberzeugung mit einem kräftigen .Ja!" Zwar hat sie in gewissem Sinne die Bedeutung von ehemals verloren; denn keinem jüdischen Vater fällt es nunmehr ein, seinen zur Thora hingesührten Knaben für volljährig halten zu wollen oder gar sich der Verantwortung für dessen Handlungen zu entziehen. Er würde ja dadurch in Widerspruch mir den Staaisgesetzcu, die dem Israeliten heilig sind, gcralhcn. Selbst die Auffassung über s'MIl? “13 ist doch eine mildere geworden. — Es scheint, als ob nur noch der beginnende Uebergang vom Knabenalter in das des Jünglings und den damit zusammenhängenden physischen und psychischen Veränderungen, von der Religion sowie von den religiösen Eltern im eigenen Interesse des Kindes nicht unbenutzt gelassen werden sollte. Und in der That ist ja dieser Uebergang meist von entscheidender Bedeutung für's ganze Leben. Noch ist das Herz des Knaben empfänglich für religiöse, gemüthvolle Eindrücke, noch zugänglich für die göttlichen Lehren, die ihm zur Richtschnur für seine spätern Handlungen, ja die ihm in Zukunft Stab und Stütze auf dem Lebenswege werden sollen. Der junge Israelit von heule wird aber mit der Bar- Mizwah-Feier nicht blos fähig, beim öffentlichen Gottesdienste „niitgezählt" zu werden, sondern durch seine bessere allgemeine Schulbildung wird er zu einem sittlich reifer» und freier» Menschen. Allerdings kann nicht geleugnet werden, daß die Aufgabe des Hauses, noch mehr die der Religionsschule, dadurch eine viel schwierigere, aber sie kann, bei genügender Sorgfalt für die religiös. Bildung, einen desto glücklicher» Erfolg erzielen. Gerade von theologischer oder besser rabbinischer Seite hat sich in den letzten Decennieu eine gewisse Abneigung gegen die Bar Mizwah-Feier, mehr noch gegen die B. M.- Dressur kundgegeben, so daß man in manchen Gemeinden nahe daran war, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Einen haben aus die verloren gegangene Bedeutung dieser altehrwürdigen Einrichtung hingewiesen; den Andern schien ein mechanisches Herleiern der Haphtara eine zwecklose Arbeit; endlich hat man auch geglaubt der verhältnißmäßig jungen Concurrentin der B. M., der Coufirmations - Feier, mehr Vorschub leisten zu müssen, weil man sich von dieser mehr Heil, nachhaltigere Wirkung versprochen. Die Zeit, mehr noch die Geschichte ist die beste Lehrmeisterin, der sicherste Wegweiser. Die beklagenswerthe Bewegung der Gegenwart wühlt zwar schmerzlich in dem Herzen unserer deutschen Religionsgenossen, aber sie rüttelt auch wieder die jüdischen Geister zu neuem Leben nach der religiösen Seite hin auf. — o'n'?« ,ns“l Pv ünawn onx naßS na®n „Ihr Feinde Israels speiet Verderben, aber Gott lenkt es zum Guten!" Ohne Euch hätten wir nicht in den letzten fünf Jahren eine so stattliche Anzahl apologetischer Schriften zur Verherrlichung des Judenthums gehabt; ohne Eure Verdrehungen und Verdächtigungen hätten wir keine „deutsche Rabbiner-Versammlung", deren angebahntc Thütigkeit den Verfolgten und Gehetzten sicherlich zum Segen gereichen wird. Thatsächlich geht eine gewisse innere Bewegung durch das deutsche Israel; das Verlangen nach gründlichem Religionsunterricht für die Jugend und nach religiöser Belehrung überhaupt macht sich in erfreulicher Weise wieder bemerkbar, als ob man sich gegen die rohe Gewalt von außen innerlich stärken und wappnen wollte. Denn im Grunde genommen istdochdieganzeantisemitischeWühlerei ein leidenschaftlicher Kampf der Inhumanität gegen die allgemeine Menschenliebe, deren erster Repräsentant in der Geschichte das winzige Israel war, ist und — so lange die sinaitische Lehre von der Bruderliebe im Bewußtsein der Menschheit lebt — auch sein wird. Ich meine daher, daß jedes Mittel, das zur geistigen Ausrüstung unserer Jugend für den Kampf des Lebens geeignet erscheint, anzuwenden und sorgsam zu benutzen, eine heilige Aufgabe der Religionslehrer ist. Auch für den Unterricht in der Religion gilt der Pädagogische Grundsatz: Non scholae, sed vitae discendum! „Nicht für die Schule, sondern für das Leben muß man lernen." — Von diesem Gesichtspunkte aus muß die B. M.-Feier sowie die Confirmation betrachtet und behandelt werden. Unser deutscher Lieblingsdichter Schiller sagt in Bezug auf die ästhetische Erziehung: „Der Weg zum Kopfe muß durch das Herz geleitet werden." Welcher Unterricht ist mehr darauf angewiesen, als derjenige in der Religion! Darum weg mit allem mechanischen Anlernen gewisser Formeln, die fälschlich als Religion ausgegeben werden; weg mit einem leblosen Mechanismus, der das Kind kalt bis an's Herz lassen muß! Nicht soll der Bar Mizwah nur eine hergebrachte Formel hersagen, wenn er an den Tisch des Herrn tritt, auf dem die Thora ausgerollt liegt; ergriffen soll der Knabe sein, wenn er sich dem heiligen Erbe der Väter naht, um laut und feierlich vor der Gemeinde das Bekenntniß abzulegen, daß in seinHerz und in seineSeele geschrieben sind jene herrlichen Lehren, welche einst unsernVorfahren an dem heiligen Gottesberge sind offenbart worden und daß er sie als unveräußerliches Kleinod sein ganzes Leben hindurch in seinem Herzen bewahren wolle.

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