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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-09-17 · N° 38. (17.9.1885) · p. Seite 310

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 38. (17.9.1885)
Date
1885-09-17
Page
Seite 310 (sequence 6)
Language
German
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— 310 — Arag. (Or.-Corr.) Wic soll man denn eigentlich das nach so oftmaligem Rcdactcurs- und Rcdactionsortswechsel endlich in Neu ha ns erscheinende Lehrcrorgan nennen? heißt cs mit mehr Recht „Gemeindczeitung", wic der Name jetzt in fetter Schrift gedruckt auf dem Blatte zu lesen, oder gilt der alte ursprüngliche, ehrliche Name „Lchrerbote", wie er jetzt — mit Unrecht glauben wir — in kleiner Schrift und in derZwangsjacke der Paranthcsc steckend, unter dem neuen Namen zu scheu ist? ich für meine Person denke wie einst der historisch bekannte siegreiche General Spork, der für seine Verdienste auf dem Schlachtfelde vom Kaiser den Grafentitcl erhielt, sich aber niemals „Graf Spork", sondern immer Spork Graf Unterzeichnete; vom Kaiser einst befragt, warum er so ungewöhnlich zeichne? sagte er in seiner bidcrben kurz angebundenen Weise „war früher Spork als Graf;" — nun denn! auch erwähntes Blatt war früher „Lchrerbote" als „Gemeindezeitung" darum nenne ich cs auch schlecht und recht eingedenk des DlBn pinn püS „Lchrerbote" An der Hand des guten, leichtfüßigen, wie es scheint zu seinem Bortheil verjüngten „Lehrcrboten" führt der Geist den Lehrer wieder einmal nach Tabor, von dessen Tempelcinwcihungsfcier der gesprächige Bote so viel Schönes zu erzählen weiß — siche Nr. 17 S. 144. — „Alles schön, und sehr, sehr erfreulich, höre ich den Leser sagen — aber ums Himmels willen! wo in Aller Welt hat man cs je gehört oder gesehen, daß bei Tcmpetweihen in jüdischen Kreisen das erste Anzünden des Ner tomid, das, wie oft schon vorgekommcn, von frommen Juden für vieles Geld erkauft und als ckvar mitzwa so gerne geübt wurde — einem Nichtjuden, und wär's auch der wackerste Bürgermeister, übertragen wurde—oder ist vielleicht Herr Or. Zeis, dem diese Mizwa offerirt wurde, ein Jude? „Suum cuique“. „Jedem das Seine!" Der Herr Bürgermeister verdient alle Hochachtung für die bei dieser Gelegenheit gesprochenen freisinnigen Worte, aber das Anzünden gehört, glaube ich, einem Juden. Sollte der anwesende Herr Oberrablincr Hirsch darüber anderer Meinung gewesen sein? Sehr rührig, das muß zum Ruhme der böhmisch-jüdischen Lehrer gesagt werden, rührig wie nie bis jetzt, geht die Lehrerschaft an Vergrößerung des LehrerpcnsionsfondS, und war's eine gute Idee, edle jüdische Frauen zur Förderung dieses schönen Zweckes hcranzuzichcn — bravo! das ist ein unserer Noschim Zadkonios würdiges Beginnen das herrlich von Statten geht! was sagt der Cantoren- Verein dazu? Pravdeckh. Rußland. Petersburg. Da man Juden schon längst nicht in die hauptsächlich zu einer Pepinicre für Militärärzte bestimmte medic. Akademie direkt aufnahm, studierten jüd. Mediciner die 4 Stufen in der naturwissenschaftlichen Schule und traten dann in die 3. Klasse der Akademie. In diesem Jahre ist selbst der mit einer goldenen Medaille Ausgezeichnete nicht ausgenommen worden. Die armen Jünglinge irren in den verschiedensten Städten umher, ob irgend eine Hochschule sie zuläßt! Und wenn die so Gequälten „Nihilisten" werden, schimpft man auf die gott- und treulosen Juden! —DerHcrausgebcrdes „russ.Ebraccrs" istzumEhrenbürger ernannt worden. — In einem Dorfe des Bezirkes Radow waren 2 Juden einer Brandstiftung verdächtig geworden, woraus die Parole ausgegcben wurde: Auf die Juden! Das Eintreten des Geistlichen Alexander Bonkowskh hat unsagbares Elend verhindert. — Auch aus dem Kaukasus werden alle dort nicht wohnungsbcrechligtcn Juden ausgcwicscn. — — Ein Karacer beschwert sich in dem „Rowarossißki Tclcgr"., daß trotz der ihnen gesetzlich verbürgten Gleichstellung die Beamten die Karaecr übel behandeln, und daß sic, auch wenn sic alle Examina bestanden haben, nicht angestellt werden!—In K r e m e n t s ch n y hat cs eine Hetze gegen die türkischen Bäcker ganz nach dem Modell der Judenhetzen gegeben. Ein türk. Bäcker vergreist sich an seinem russischen Arbeiter — der rust zu Hilfe, und der Rcligions- und Raccnkampf hat begonnen. — In Odessa hat's ja neulich wieder Verwüstung gesetzt, weil ein jüd. Zigarrenhändlcr einen russ. Jungen, der beim Kaufen unverschämt geworden war, hinausgcworfen hat. Der rechtgläubige Mob darf sich gegen Andersgläubige Alle» gestatten. Das weiß er, und wird in dieser Uebcrzcugung noch bestärkt durch die Urtheile, welche die Juden für ihre Verthcidigung härter bestrafen, als den süßen Pöbel für Angriff und Plünderung! — Kaum glaublich crschcint's daneben, daß in Dembia bei Kola christl. Damen eine Dilcttantenvorstellung gegeben haben, deren Ertrag zur Hälfte zum Bau der Kirche und zur andern zuin Bau der Synagoge gegeben haben! Zwei Seelen — ach — sic wohnen in meiner Brust — muß das Volk rufen. Die Humanilütslehre und die Racenthcorie neben einander. Im Bürgcrthum wiegt die erstcrc — bei dem Pöbel die j letztere vor. — Der „Justus" Polens fängt auch mit I. an!; Jclenski, der Herausgeber des antisem. Blattes Kola ist— : ein getaufter Jude aus Saloschitz. Rumänien. Aukarest. Vielseitig wird berichtet, daß die rum. Regierung in Folge der Audienz, welche Lord Salisbury den Fürsprechern der rum. Juden ertheilt hat, folgende Maßnahmen getroffen habe: 1. Ließ sic einen großen Theil der jüd. Schulen unter dem Vorwände schließen, daß die Lehrer nicht akademisch gebildet sind. Die Aufnahme der jüd. Kinder in die Staatsschule» wird verweigert. 2. Im ganzen Lande wird die Erhebung der Flcischstcuer verhindert, welche die Juden in ihren Genreinden zur Bestreitung der Gemcindebedürfnisse erheben. 3. Die Präsectcn zivingen auf Ordre von oben alle Juden mit allen zu Gebote stehenden Mitteln, einen Protest gegen die engl. Juden und die Darstellung der rum. Vergewaltigungen zu unterschreiben. Diese Proteste sollen veröffentlicht und an Lord Salisbury geschickt werden nebst einem Album mit einer großen Zahl Bildern verkommener, schmutziger und häßlicher poln. Juden — um dein engl. Minister vor Augen zu führen, daß die hiesigen Juden den englischen nicht gleichen. (Die Rumänen halten Lord Salisbury doch für sehr naiv und sehr beschränkt! Oder fühlen sie sich so sicher, daß sie Englands spotten dürfen?) Palästina. Jerusalem. Wegen der Chaluka ist ein neues Rundschreiben ergangen, welches auch R. Samuel Salant (als Vorsteher des Kollel Pinsk) unterzeichnet hak. In ihm wird darauf hingewiesen, daß ein plötzliches Versiegen der Chaluka vielen in Palästina Wohnenden die NahrungSquellc entziehen würde. Das Zugeständniß, alle 6 Monate einen genauen Bericht und eingehende Rechnung zu veröffentlichen, ist immerhin ein Fortschritt. Aber unserer Meinung nach lautet die erste Forderung, welche ein Fortbestehen der Chaluka ermöglicht also: : Die Chaluka ist eine Almosenjainmlung. Nur Arme, 1 Arbeitsunfähige, Greise, Wittwcn und Waisen dürfen Almosen erhalten! Das Füttern von Begüterten, das Anrecht an Chaluka als Erbe der Väter, muß anfhörcn! Sonst möge die Chaluka aufhören! — Eine Prügelei der Kolonisten von Kisohon le Zion mit Fe lachen eines Liachbardorfes wegen Wcidcberechtigung machte viel von sich reden. — Die Häuser, welche der Moittefiorefonds für die Aschkenasim hier gebaut hat. sind fertig aestcllt, insgesammt 83; zwei Bethäuser und eine Schule inbegriffen. — Auch die Häuser für die Sephardim sind bald fertig und werden in kurzer Zeit verloost. Da ist nun ein neuer schöner Stadthcil mit einem viereckigen Platze, der mit Bäumen und Blunien bepflanzt werden soll, auf wüstem Boden entstanden — eine würdige Erinnerung an Sir Moses.

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