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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-09-17 · N° 38. (17.9.1885) · p. Seite 311

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 38. (17.9.1885)
Date
1885-09-17
Page
Seite 311 (sequence 7)
Language
German
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Uermifchle und neueste Nachrichten. Aerkin, 15. September. Spät kommt sie, aber sie kommt doch — endlich zur Besinnung! In einem Leitartikel über den „Sozialismus und die Parteien" sagt heute die ministerielle „Nordd. Allg. Ztg.": „Der Antisemitismus zielt auf ein bestimmtes Ziel ab, welcheim Bereiche des politisch-praktischen Lebens auf dem Wege friedlicher Reform nicht wohl erreichbar erscheint. Es ist eines der sichersten Ergebnisse der politischen Entwickelung, daß die bürgerlichen Rechte der Staatsangehörigen durch den Unterschied des Religionsbekenntnisses nicht alterirt werden; und selbst eine Politik des Fanatismus, welche dem Antisemitismus zu Hilfe kvmnicu wollte, würde die Möglichkeit kaum finbcii, weil der Antisemitismus nicht klar erkennen laßt, ob er sich gegen die Religion, gegen die Nalivualitat oder nur gegen die GcschästSgcwohnhcit richtet. Insofern also die „Christlich-Sozialen" sich solidarisch mit dem Antisemitismus erklären wollten, würden sie mir als eine Agitation sparlei in Betracht kommen können, welcher ebenso wie der Sozialdemokratie die Agitation Selbstzweck ist." (Der Werth dieser den Antisemiten und Christlichsvcialcn den verdienten „Tritt" gebenden Erklärung wird nur dadurch etwas abgeschwächt, daß sic mit Bezug auf die bevorstehenden Wahlen abgegeben ist.) Aerliu. Bankier Bleichröder erhielt das Großkrcuz des Leopold-Ordens, König Leopold beabsichtigt eine Anleihe für den Kvnigsstaat an der Berliner Börse zu entrircu. Dlreskau. Der Prof, der Augenheilkunde an der hics. Universität, l)r. Cohn, erhielt den rothen Adler-Orden 4 Kl. — Aus Hleiwitz schreibt uns Hr. Rabbiner vr. Münz, daß ihm eine Auswcisungsordre überhaupt nicht zugegangen. (Der Berliner Corresp. des „Hameliz" halte dies verbreitet, von da stammte auch das in vor. Nr. hierüber Mitgcthciltc. Red.) Arankfurt a. W, 9. September. Am 28. d. M. wird hier im Realschulgebäude der israelitischen Gemeinde die sechste vrdcntl. General-Bcrsammluug der Ach awu stattfindcn. Alle activeMitglieder, die nicht durch weite Entfernung abgchalten sind, und welche die nöthige freie Zeit zu einer Reise nach Frankfurt finden, machen wir auch an dieser stelle daraus aufmerksam. Es dürfte sich aus vielfachen Gründen sehr empfehlen, daß diejenige» Herren, welche der Gcn.-Vcrs. beiznwohnen beabsichtigen, einige Tage vorher, spätestens bis zum 26. Sept., dem Vorsitzenden ihre Ankunft anzeigen wollten. Dresden. Das hies. jüdische Armenamt wird durch bie_ zahlreichen Ausweisungen aus Preußen jetzt sehr in Anspruch genommen. Wie zur Zeit in Chemnitz, Plauen und Annabe rg so bildet sich jetzt in Bautzen durch das eifrige Bestreben des Herrn F. Mendelssohn daselbst eine jüd. Gemeinschaft. Die Dresdener Gemeinde spendete derselb. eine Sefer Thora. Krakau, 7. September. (Or. - Corr.) Am 17. d. beginnt der Rittcr'sche Proeeß. Es ist das dritte Mal, daß ein Schwurgericht über „schuldig" oder „unschuldig" entscheiden wird. Vielleicht DV3. Aber die Sache nahm einen so langen Verlauf, daß der unermüdliche und wackere Verthcidiger beinahe ermüdete und sein Mandat schon niederlcgcn wollte. Die Verhandlung soll 14 Tage in Anspruch nehmen. Im Falle, daß die Verthcidiger, wenn Ritter verurthcilt wird, recurriren, wer weiß, ob der Cassationshvf wieder eine neue Verhandlung anordnen wird. _ Hier ist jetzt Ruhe, besonders am Sonntag, denn die L>on»tagSruhc wird strenge überwacht, die Calamität für die silbischen Geschäftsleute ist so bedeutend, daß mau fürchtet, die Sabbathruhc wird einen Riß bekommen. Nissen (Or.-Corr.) Anknllpfend an meine letzte Mittheilung über die sich stets kuudgebende judenfreundliche Gesinnung unseres Kaisers sei auch der probaten Kur erwähnt, mit welcher der Generaldirektor der Staatsbahnen, Freiherr v. Czedik, zwei Beamte von einer Krankheit heilte. Der Stationschef und dessen Assistent auf einer Bahnstation in nächster Nähe von Wien, beiläufig einem der angenehmsten Posten, machten sich durch hämische Bemerkungen über jüd. Reisende als Antisemiten kenntlich. Auf geschehene Anzeige ließ sic der Generaldirektor rufen und sagte in sehr verbindlichem Tone: „Meine Herren, Ihre antisemitische Neigungen entstammen nur der Unbekanntschaft mit Juden. Um Ihnen nun Gelegenheit zu geben, diese Leute näher kennen zu lernen, habe ich Sic Beide nach Zawicz (einem elenden Neste in Galizien) versetzt, dort werden Sie tage- und wochenlang keine anderen als jüdische Gesichter sehen". — Tableau! Fnriu. Am 12. Juli verstarb hier der Rabbiner Naphtali Jachja, der mehrere Jahre Vicerabbiner und Lehrer an der Talmud Thora war, der er seine Bücher hinterließ. Cavaliere der Krone von Italien sind geworden die Herren FoaBenedetto (v. Trino) und die Ingenieure Oliv etti und Ovazza (von hier) zur Belohnung der Verdienste die sie um den Fortschritt der Industrie sich erworben haben. Der Commandeur Jacob Malvano, seit 10 Jahren Generaldirector im Ministerium des Auswärtigen ist zum Generalsecrctair ernannt worden. — Zwei jüd. Leichen sind in letzter Zeit in Italien verbrannt worden. Die der Mut'er des früheren Dcputirtcn Fan o in Mailand und die des Commandeur's Sacerdoti in Florenz. Daß der Oberrabbiner die Asche des Letztern in den Winkel der Selbstmörder verbannt hat, erscheint uns als ein unberechtigter Akt! In Aeuedig starb am 7. August 95 Jahre alt Baron JacobTreves deiBvnfili, hervorragendes Mitglied der coustituircnden und legislativen Versammlung der Republik im Jahre 1848 und 1849. Kunstkenner und Sammler von Ruf. Saris. Herr Elie Ta bet ist Büreauchef in der Prüfectur von Oran geworden. Herr Eugen Lisbonne ist wieder zum Präsidenten des Generalraths des Herault, Herr Eliacim Naquet zum Vicepräsidenten desjenigen des Vaucluse gewählt worden. Der Advocat Herr Rens Bsre wurde zum Attachs im Kabinette des Justizininisters ernannt. — Saris Der Kriegsministcr hat befohlen, die jüd. Soldaten an den Festtagen, so weit der Dienst es gestattet, zu berücksichtigen. Das Cvnsislorium von Algier hat seinen Präsidenten Herrn Honel und den Advocatcn Herrn Darmon hierher geschickt, damit sie die Aufmerksamkeit des Ministeriums auf die antiscm. Hetzen lenken. Der Ministerpräsident Herr Brisson hat die Deputation gut ausgenommen und ihnen die beruhigendsten Versicherungen gegeben. Bei der Bestattung des Admirals Courbet hielt der Präfect der Somme, Herr Leon Cohn (Sohn Albert Cohn's), einen Zipfel des Leichentuches. Auch der Unterpräfect von Abbeville, Herr Strauß, ist Jude! Hdessa Herr Rabbiner vr. Schwabacher hat in glänzender Rede unter Benutzung des Midrasch, wie und wo der Tvdcsengcl Moses sucht, Sir Moses Montefiorc gefeiert. Weil er aber am Schlüsse erklärt — Israel habe nicht den Beruf ein Volksthum zu bilden, sondern unter den Völkern zerstreut Gottes Kunde zu verbreiten, wird er vom „Hameliz" angegriffen! Außerhalb der Nationalitätsschwärmcrei giebt's — nach der A nsicht mancher M-mschen — eben kein Heil. Jerusalem. Ein Jude, der vor dem Sichemthore wohnt, hat auf seinem Besitzthume gegraben und 2 alte Gebäude gefunden. Das Eine ist 3 Quadratellen groß und aus ihm führt eine Thür in das andere. — Ein arab. Beamter ist Schüler der Allianzschule geworden. Das Französische, das er dort lernt, soll er nach dem Willen des Paschah später an der hiesigen Rcgierungsschule lehren. In Liberias hat der Missionsarzt aus Nazareth ein Gebäude für 40 Napoleon zum Hospital gcimclhet (Nicht Gemeinderath, sondern Gemeindearzt ist Or. Sch. geworden, den wir in einer früheren Nr. nannten!).

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