Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 38. (17.9.1885)
- Date
- 1885-09-17
- Page
- Seite 309 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 809 — Aus Lessen. (Or.-Corr.) In voriger Woche (am 30. und 31. August) wurde am israel. Seminar zu Kassel die zweite Lehrerprüfung abgehalten. Sieben Candidaten hatten sich gemeldet. Von denselben trat einer wahrend des Examens zurück, die 6 anderen bestanden. Die Prüfungscommission war aus folgenden Herren zusammengesetzt: Provinzialschulrath Kannegießer (der jüngst von Magdeburg nach Kassel versetzt wurde), Regieruiigscomiiussar Or. Auth, Landrabbiner vr. Präger, Seminardirigent vr. Stein, Seminarlehrcr Lange und Coordes. Im schriftlichen Theile der Prüfung waren folgende Themen zu bearbeiten: 1: Aufsatz: Wie kann der Unterricht im Deutschen die Vaterlandsliebe pflegen und fördern. 2. Religion: Die Unsterblichkeit, der Seele in katcchetischer Behandlung. 3. Psalm 46. 4. Naturkunde: Säugethicr und Vogel, eine zoologische Vergleichung. Die mündliche Prüfung war eine recht stramme und nicht die wenigste Berücksichtigung fand die Methodik des jüd. Religionsunterrichts. Wir hätten gewünscht, daß der gelehrte Herr, welcher über die religionspädagogische Befähigung von israel. Seminardirectoren und Lehrern so schncllseriig den Stab brach, eurer solchen Prüfung einmal beigervolmt hätte, er wäre gewiß eines Besseren belehrt worden. Warum tadeln diese Herren nicht, daß bei der Berliner Schulniänncrvcrsammlung von 4 Referaten drei von Rabbinern erstattet wurden, von denen einer sogar laut Protokoll (Seile l 1) verlangt, hcbr. Lesen soll nach der Schrciblcsemethode erlernt werden. Welcher Lehrer lacht da nicht! 8. A. Oesterreich-Ungarn D. Wien, 3. Septbr. (Or.-Corr.) Wie die sich christlich gebärdenden Blätter die journalistische Ehrlichkeit verstehen, zeigt das ultramontane „Vaterland", indem es seinen Lesern eine Geschichte von eincin gewissen Adolf Grünrvald erzählt, der ein Confectionsgcschüft auf schwindelhafte Basis betrieb und als eine jüdische Tuchfirma einen Betrag von 3000 fl. gerichtlich zu fordern Miene machte, einer Schwester das Pfandrecht auf das ganze Waarcnlager durch eine fingierte Forderung einräumte. Daran schließt das „Vaterland" die fromme Frage: „Wie viele Christen werden da betrogen worden sein?" Grünwald hat tags darauf mit seinen Gläubigern ein Abkommen getroffen, hingegen ist fast um die gleiche Zeit ein Herr Alois Parzer verurtheilt worden, weil er trotz einer glänzenden Stelle als Diener in einem adeligen Verein, wohin er von Baron Rothschild empfohlen worden war, falsche Wechsel fabriziert hatte und als die Entdeckung nicht mehr ausbleiben konnte, eine Wallfahrt nach Mariazell unternahm, von wo er nach einem komödienhaften Selbstmordversuch sich der Behörde stellte. Grünwald hat sich arrangirt, Parzer ist zu mehrmonatlicher Kerkerstrafe verurtheilt, aber von dem Juden, der vielleicht sein Judenthum gar nicht hoch anschlug, weiß das „Vaterland", von dem streng katholischen Betrüger hat es nichts erfahren. Das ist christliche Charitas. Ein zweites Beispiel dieser Art liefert ein Leitartikel desselben Blattes, überschrieben: vuobus litigantibus tertius gaudet", der Sie streitenden Deutschen und Czechen bei Gelegenheit der Königinhofer Excesse darauf aufmerksam macht, daß die Juden, als deren Repräsentant die „Reue freie Presse" genannt wird, sich über diese blutigen Zusammenstöße freuen und dabei vergessen, daß der Pöbel nur Nahrung für seine antisemitischen Gelüste erhält. Aus dem Clericalen ins Deutsche übersetzt, heißt das: Deutsche und Czechen reicht euch brüderlich die Hände und kühlt eueren Muth an einem passendem Objecte. Freilich! Wenn diese Mahnung Erfolg hätte, dann würden die frommen Herren über die Verkettung ihrer edlen Absichten seufzend die Augen himmelwärts wenden. Da wir beim Kapitel Clericalismus angelangt sind, so ist folgender Vorfall nicht uninteressant, der gegenwärtig in Eger zum gerichtlichen Austrag kommen soll. Der Caplan Schöniger aus Wildstein bei Eger hat in einer liberalen Wählerversammlung den Abgeordneten Dr. Polak, der seine Candidatenredc hielt, durch allerlei gröbliche Zwischenrufe unterbrochen, bis diesem Herrn der Gevuldfade» riß und er bemerkte: „Ich bin nicht gekommen, um mit ungebildeten Leuten zu streiten". Der Caplan klagt nun auf Ehrenbelcidigung. Uns geht die Sache nur insofern an, als wir sagen können: „Was wäre die Folge gewesen, wenn ein Jude in so tumultuarischer Weise in einer Wählerversammlung einer gegnerischen Partei aufgetreten wäre?" 6b. Arag> 3. Septbr. (Or.-Corr.) Ihr verehrter Prager Correspondcnt in Nr. 35 hat einen Uebelstand in der hiesigen Gemeinde mit Zartgefühl und doch mit Festigkeit getadelt, der unzweifelhaft vorhanden ist. Die betr. Correspondenz über die Arbeitslast des Obcrrabbiners hat auch allen Beifall gefunden. Sie haben keinen Begriff, welche enormen Anforderungen an die Kräfte dieses durchaus nicht gesunden Mannes gestellt werden. Jüngst hielt er an ein und demselben Tage (7DK n"“l 21S) außer Casualredcn zwei lange, lange öffentliche Predigten, die jede weit über eine Stunde in Anspruch nahmen. Dabei ist Herr Oberrabbiner Hirsch zwar ein tüchtiger Redner aber kein Improvisator und kann ich Ihnen positiv mittheilen, daß er jede Rede memoriert. Ihren verehrten Correspondenten darf inan auch nicht mißverstehen. Wenn er sagt, daß der Oberrabbiner „ä tout prix" traut, so will er das gewiß nicht in malam partem verstanden wissen, sondern sagen, daß derselbe ohne pecuniäre Rücksichten (dafür herrscht auch ihm gegenüber große Rücksichtslosigkeit) reich oder arm abzuweisen Anstand nimmt. Es ist hier bekannt, daß die Hälfte der Trauungen von ihm ganz umsonst vorgenommen werden. Das schützt ihn doch nicht vor dem gerechten Vorwurfe, daß er zu weit geht, ja auf NL7I nicht die nöthige Rücksicht nimmt. Von Staatswegeu ist der Rabbiner auf dem Lande gezwungen, eine Delegation zu ertheilen, wenn der Bräutigam, der Mode huldigend, die Trauung in Prag vornehmen läßt, ohne den zuständigen Rabbiner niitzunehmen, aber der Oberrabbiner ist nicht gezwungen, in die Hotels herumzulaufen und mit der Geschwindigkeit eines Mauser- Gewehrs 10 Trauungen in einem Nachmittage loszuschießen. Er kann sich auf den p stützend sagen: „Lieber Herr, ich habe Sie in meinem Leben nie gesehen, sehen Sie denn nicht ein, daß Ihr Rabbiner viel passender weiß, was an diesem wichtigen Tage Ihnen zu sagen ist? Ein armer Mann sind Sie nicht, sonst könnten Sie diese kostspielige Gasterei im Prager Hotel nicht bezahlen und müßten so ipso zu Hause bleibe». Ich bin nicht da, um ‘JIM J'DÜ zu sein. Lassen Sie sich ruhig von Ihrem zuständigen Rabbiner trauen". — Ein in Böhmen erscheinendes Lehrcrblatt bringt seit einiger Zeit aus Prag Correspondenzen, die an Interesse zu gewinnen hoffen, was Sie an Rücksichtnahme verlieren. Da wird auf unsere würdigsten und gelehrten Führer mit einer Nonchalance losgeschimpft, die nur in der Unverständlichkeit der Stilistik eine Art Feigenblatt vorhat. Ein sonderbarer Schwärmer ist der gute Correspondent jedes Falls, denn in einem Artikel, welchen er der Wiederbesetzung der Prcdigerstelle an einer hiesigen Synagoge widmet, ermahnt er die Vorsteher des Gotteshauses, in welchem Orgel und Frauenchor, dreijähriger Cyclus und deutsche Gebete eingefllhrt sind, ja nur einen „orthodoxen" Rabbiner zu wählen. Sollten sich wirklich Männer dieser Richtung finden, die solche Kost mit dem „bekannten guten Magen" vertragen? Ich glaube, Sie haben von einer sehr gründlichen Umwälzung in der Repräsentanz der hiesigen Gemcinve noch keine Notiz genommen, daß nun zwei Männer das Präsidium innehaben, die im positiven Judenthume wurzelnd, Verständniß haben für die religiösen Aufgaben einer DX1 "V5? . '"IF? u,,k ktC/ wie dies leider lange genug geschah, nicht die jüdische Primaswürde als Stufe zu politischer Macht allein betrachten. Amitti.