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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-09-17 · N° 38. (17.9.1885) · p. Seite 307

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 38. (17.9.1885)
Date
1885-09-17
Page
Seite 307 (sequence 3)
Language
German
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man nicht, wo alles Leben schon erloschen schien! Solche Kräfte wieder zu beleben, ihrer Entwickelung freien Spielraum zu verschaffen, würde das nicht den eaiancipirten Juden zur Pflicht gegenüber den nicht cmancipirtcn? Der alte Geist der Solidarität, der ihnen noch immer ein Mittel eingcgcben hatte, um den Unglücklichsten unter ihnen zu helfen, verpflichtete sie auch fernerhin im Glücke/' So ist es, aber nicht nur für das Morgenland, sondern auch bei uns, in allernächster Nähe. Wie cs im Virgil heißt: „Deines eigenen Nachbars Haus gcräth in Brand, es handelt sich jetzt um Deine eigene Sache." Das neue Jahr mit seinen Uebcrraschungeu möge cs stets hilfsbereite, offene jüdische Herzen finden, es sei gesegnet, denn: gam su letowa! Unsere Institutionen, die schon so Großes geleistet, wie die Alliance, sie können auch im Osten mehr als bisher leisten, wenn wir selbst uns nur nicht des thatkräftigen Handanlegens begeben und nicht in die sprüchwörtliche „orientalische Apathie" verfallen. III. „Vom Lsten her ertönt der Schrei Der schwerbcdrängten armen Brüder! — Wo immer noch Uinoissenheit TaS Unglück ist der groste» Masten, Ta sollen Schulen weit und breit Das Licht der Bildung strahlen lassen." So hieß cS in einem schönen Festgedicht in Nr. 9 des Jlld. Familicn-BlattcS „zum 25 jährigen Bestehen der Alliance" und soweit es in ihrer Macht lag, hat die Alliance diesem Ziele nachgestrebt. Jndeß es muß die bisherige Allianz-Organisation doch nicht für alle diese Eventualitäten ausrcichen, denn kaum ertönt ei» Schrei von Osten aus der Zahl der in Rußland und an der russischen Grenze domicilirten Brüder, so ertönt auch ein Schrei aus der Ferne, die Stimme eines Mannes, der auch in Ehren vor kurzer Zeit sein 25 jähriges Amtsjubiläum gefeiert hat, der Nothschrci des Or. Rlllf in Memel, der allein eine Art Alliance für sich ist und annähernd dieselben Summen wie die Pariser Centralleitung für sein Hllfswerk verausgabt. In der That ein hohes Zeichen für den Edelmnth der deutschen Juden. Man lese die in den letzten Dezennien verfaßten Aufrufe und Nothschrcie des Or. Rülf, — die Brüder sterben da z. Th. vor Hunger oder, wie es in dem jüngsten Ausschreiben heißt, „.cs kommen Frauen mit zahlreicher Kinderschaar in geradezu grauenerregendem Zustande. Wenn wir uns der armseligen Geschöpfe nicht annehmen, so sterben sie auf der Straße vor Hunger und Erschöpfung" — und doch beanspruchte oder reklamirte Niemand die Hilfe der Alliance. Hungcrsnoth, Missionswerk, die chronischen Brandschäden in Rußland, Ausweisungen, — und Niemand erinnert sich und die Alliance daran, daß die in und um Rußland domicilierte Hälfte der Juden des Erdenrundes in allen diesen Nvthfällen ganz außerhalb ihres Wirkungskreises liegt, Nieniand forderte, daß die soweit entfernt gelegene Centralfielle sich um die seit einer Reihe von Jahren von Herrn v. Treitschkc alarmirtc östliche Judenfrage kümmere, abgesehen von den statistischen Arbeiten des vr. G. Ncumann. Ja selbst Königsberg, in dessen Mauer» ein einflußreiches Mitglied des Centralcomitss das Rabbinat verwaltet, erläßt nothgedrungcn jetzt einen eigenen Aufruf um milde Gaben. Und doch stellt Deutschland den 5. Theil aller Mitglieder der Alliance. Wenigstens sollten seitens des Centralcomitös Vorbereitungen getroffen werden, um bei der völkerrechtlichen Conferenz, die demnächst der Regelung der Ausweisungsfrage näher treten soll, auch ihrerseits vorkchrende Schritte ün Namen der Juden rechtzeitig thun zu können. Denn von den in den Mottoverscn erwähnten Schulen müsse» wir wohl noch so lange absehen, als nicht einmal die Arnicn-Schule in Memel von der Alliance fest fundirt werden kann und zum Schaden der Sache ein sehr schwankendes Dasein führt. Wir blicken hier ohne Neid ans die schönen Schulen der Alliance im Orient und lassen die französische Verwaltung dort eine scgcnsvolle Saat ansstreuen, aber wir betonen und werden nicht aushören. es nachdrücklich bei jedem ähnlichen _ Ereigniß wieder hcrvorzuhebcn, daß die östliche ^udenfrage mit aller Wucht -direkt aus Deutschland drückt und daß das Schicksal der deutschen Judcnfcage wiederum in sich sehr stark auf die Stellung der Gesanimt-Judenhcit zurückwirkt. Könnten die deutschen Juden jetzt, wo die polnische Propaganda im Osten discutirt wird und weiter werden wird, in Wcstprcußcn, an der russischen Grenze, in Ostpreußen, Posen und Galizien auch nur einige solcher Alliance-Schulen mit ihrer Propaganda der deutschen Sprache answeisen, wie es die Franzosen mit den französischen Allianzjchulcn des Orients können und thun, so hätte die östliche Judenfrage bereits heute ein anderes Antlitz. Als die Alliance s. Z. begründet wurde, da war das gesammte Weltbild ein ganz anderes. Es waren die Tage des Völkerfriedens und der kosmopolitischen Beglückung, da man auf volksthllmlichcn Schillerfesten wcltbürgcrlichen Idealismus pflegte, — und die Juden im deutschen Osten lebten ein ruhiges, von allen Krisen entferntes Dasein. Allmälich begeisterte man sich mit vollem Recht lediglich schon für die völkerbindendc Idc« der Alliance, für die Schulen im Orient, welche der ganze Nimbus einer zukünftigen Lösung der orientalischen Frage und der Zukunft H'alästina's umgab, und man konnte sich auch in Deutschland ruhig dem Genuß jener von der Centralstelle der Alliance ausgehenden Manifeste Crsmieux' hingebcn, welche heute unsere Gegner als Weltherrschafts-Proclamationen zu deuunciren lieben. Habeant sibi! Und dazu lebte Crsmicux, jener thatkräflige Mann, dessen Rame allein eine Intervention bedeutete, wo ein Nothschrei aus Mischer Mitte ertönte. Ganz anders jetzt! Noch beiLebzeiren Crsmieux', aber in scincn letzten Jahren, schrieb die Pariser Centralleitung nach Berlin: Jetzt liegt Alles bei Deutschland. Seit dieser Zeit sind bereits eine Reihe von Jahren verflossen und welche sachlichen oder diplomatischen Erfolge haben die deutschen Juden auszuweisen? Die Geheimräthe des D. I. G. B. werden mit de» Achseln zucken, und es wäre grausam, sie mit Crsmieux vergleichen zu wollen. Berichte und Correspondemen. Deutschland. Magdeburg. Jetzt wissen wir, was wir sind. „Arch. isr." haben uns „Chauvins" genannt, und wie selbst sagen, in diesem Genre sind sie ja Sachkundige aus eigener Erfahrung. Also „Chauvins" — und warum? Weil wir die Discussion der Frage zu ließen, ob nicht i» Deutschland, ebenso wie in Oesterreich eine besondere „Deutsche Alliance" nöthig und nützlich wäre, und weil wir auf Fehler der Alliance universelle hinwiesen, welche uns als Deutsche verletzten! Daß unser Patriotismus weder durch Anerkennung, noch durch Verkennung gesteigert oder gemindert werden kann — das sagen wir allen Franzosen jeden und ohne jedes Glaubensbckcnntniß, sowie allen philosophischen und sonstigen Antisemiten dreist in's Gesicht! — Als Ulk sei mitregistrirt, daß „die lateinischen Nationen" als Erhalter der Alliance im Munde ihrer ungeschickten Freunde eine Rolle spielen! Die Schlagwörter der Mode mögen auf dem Pariser Boulevard ziehen, in anderer Luft sind sie deplacirt und verfehlen jede Wirkung! — Wir, die wir die Alliance getadelt haben, haben sie noch nie so angegriffen, als die „Archivcs" es thun, da sie als gräßliche, unmögliche Forderung „den Unterricht in deutscher Sprache in den oriental. Schulen" bezeichnen! Demgegenüber erklären wir, daß wir cs einen Mißbrauch mit den Beiträgen der deutschen Mitglieder nennen müssen, wenn auch nur an einem Punkte der Welt dafür Französisch unterrichtet wird, wo die Äcnntniß dieser Sprache nicht eine Lebensfrage für die eingeborenen Juden bildet! Wir werden stets verlangen, daß nur Sprachen ge-

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