Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 38. (17.9.1885)
- Date
- 1885-09-17
- Page
- Seite 306 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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306 scheidet, vor ihnen einen Vorzug hat und als ein unioum bezeichnet werden kann. Das Judcnthum vereinigt nämlich in allen den Bcstandtheiien, aus welchen früher alle Religionen zusammengesetzt waren und mit einer einzigen Ausnahme, von der später Näheres angegeben werden soll, noch jetzt zusammengesetzt sind, die verschiedenartigen, dem Anscheine nach einander widerstrebenden und gegenseitig ausschlicßcnden bckümpfendcn Scelcnthätigkciten: 1. In seincrB e l c hr u n g (NN1N) vereinigt das Judenthum Religion und Philosophie. Seine Religion ist eine philosophisch wahre und seine Philosophie eine religiös heilige. 2. In seiner Gesetzgebung (TIYSC&) vereinigt das Judenthum Ethik und Cultus. Die Ethik ist eine cultuelle und der Cultus ein ethischer. 3. In seiner staatlichen Einrichtung (2'!2LlvQ) vereinigt das Judcnthum Particularismus und Universalismus oder Nationalität und Humanität. Der Particularismus als Nationalität ist universal d. h. human; der Univcrsalismus als Humanität ist particularistisch d. h. national. Endlich 4. In seiner als Gemeinschaft, als Volk ein höheres Ziel anstrcbendcn Vereinigung verbindet das Judenthum Conscrvatismus und fortschreitende Entwickelung. Seine Vereinigung ist conscrvativ fortschreitend und fortschreitend conscrvativ. Daß Viele diese Behauptungen paradox finden und als paradoxe Behauptungen einer Beachtung kaum für würdig halten werden, kann ich mir wohl denken. Dennoch bin ich überzeugt, daß dieses nicht allgemein der Fall ist und Bibclkundigc, selbst ohne die weiter folgende Begründung, das Wahre nicht verkennen werden. Allerdings lassen Gegensätze sich schwer vereinigen; Wasser und Feuer vertragen sich nicht mit einander; entweder dieses verlischt oder jenes verdampft und doch heißt cs! 1K“DJ D'ISl VKL D6IK1 „Die Himmel seien aus Wasser und Feuer erschaffen", — also zusammengesetzt. Ueberhaupt kommt eben viel darauf an, wie das Entgegengesetzte verbunden ist. So sind z. B. Licht und Lust bekanntlich Lebensbedingungen, das Leben erfrischend und erhaltend, während ihre Bcstandlheile nach erfolgter Auflösung nicht eine dieser Eigenschaft entbehren, sonder» eine ganz entgegengesetzte Einwirkung auf das organische Leben ausübcn. Licht und Luft sind nicht Stoffe, die durch die Zusamnlcnfügung der Urstoffc, der Elementarstoffe, aus welchen sic bestehen, schon hervorgehen; sie sind in Folge der in der Natur sic verniittelndcn chronischen Einwirkung neue Stoffe, ganz eigcnthümlichcr Art und nur in Folge dieser Entstehung mit diesen Eigenschaften begabt. In ähnlicher Weise verhält es sich auch mit den verschiedenen Geistesthätigkcitcn und Geistesproduktcn. Sie vermischen wollen ohne Vermittlung wäre thöricht und nur ein unbrauchbarer Mischmasch würde entstehen. Sie sind es aber im Judcnlhumc durch eine höhere Gcistesthütigkcit und, wie wir uns aus der folgenden Ausführung und Begründung überzeugen werden, durch das wahrhaft geistige Leben und die höchste, das Wohl und Heil der Menschheit fördernde Gcistesthütigkcit. Allgemeine isr. Allianz und deutsch-isr. Gemeindebund. Hi» Rückblick mit praktischer Ruhanweudung. II. (Schluß) Auch in der Centralinstanz in Paris können nicht immer dieselben Personen sein. Wir meinen nicht, daß man Jemand von der Patriotenliga gerade zum Comitsmitgliede inachen wird, wir inalen auch keine leeren Schatten all die Wand, aber wir constatircn für diejenigen Thesen, die wir durchführen wollen, nur, daß Menschen hier menschliche Institutionen verwalten, und gerade in dieser Specialsragc hat sich doch seit dem Jahre 1870 Manches verändert, was politisch und nicht gefühlsmäßig behandelt sein will. Die „Kreuz- Zeitung" in Berlin ist gefährlicher, als der ^utissmitiHUs", nicht gerade, weil sie uns immer mit „Katastrophen" droht (an denen die jüdische Geschichte, wie sie erst jüngst im Zorn sagte, reicher sein soll, als irgend eine andere), ihr Einfluß beruht in anderen Gründen. Wir thun gerade gut, wo . Alles eben Politik ist, auch ein wenig politisch zu werden. Für den Politiker ist unbefangenes, nüchternes Handeln erste I Bedingung des Erfolges. Der eigentlichen Action, muß! die nüchterne, ernste Beobachtung vorausgehen, — unsere politischen Gegner sind gerade auch nicht allzu schwer zu durchschauen. Im National-Zorn und im National-Rausch erkennt man auch den Politiker schneller als alltags. Ob die antisemitische Partei bei uns schwerer zu besiegeli und politisch lahm zu legen, als zu beobachten ist? Wir bezweifeln es. Gerade, weil unser Patriotismus über jeden Verdacht hinaus ist, könnten wir energischer mit der Sprache, wie mit der Thal hervorrücken — und das ist zur Zeit, wo das Schicksal der Juden der Mehrheit nach im Osten und nicht mehr in Marokko und Tunis entschieden wird, gar sehr von Nöthen. Abgesehen von den Ausweisungen — schon aus der lediglich der Sprachenfrage wegen erfolgten Absetzung der Stadtobcrhäupter von Riga und Reval kann man erkennen, daß den Regierungen des Ostens diese Frage wichtig genug ist. Die Ausweisungen, ein in derGeschichte der civilisirten Völker sonst nur zu Kriegszeiten erlebter Vorgang, werden von der Staatsregierung sowohl, wie von hervorragenden Blättern („National-Ztg." vom 30./8.) lediglich mit der Sprachenfrage motivirt. Hätte es das deutsche Judcnthum verstanden, das von Mendelssohn begonnene Culturwerk der Erziehung der polnischen Juden durch die deutsche Sprache zu cclatantcn Schöpfungen, wie sie die Allianceschulcn für die französische Sprache darstellen, zu verkörpern, so ließe sich jetzt bezüglich der 5000 ausgewiesenen Juden eine Ausnahme aus der Masse der 20 000 Polen begründen, zumal da»», wenn Handwcrksschulcn nach dem Muster der Alliance die Erwerbsfähigkcit dieses Proletariats bereits durch Dccennien zu heben versucht hätten. So aber, wie die Dinge jetzt stehen, bleibt uns nur das allgemeine Hilfswcrk der Mildthätigkeit gegen heimathsflüchtige Glaubensgenosse» z. Z. übrig. Es hätte viel geschehen können: „Einige Jahre der Ruhe und Freiheit, brüderlicher Beistand, Schulen und Gewerbe," — ruft der Jubiläumsbericht der Alliance für die Juden des Orients aus. Die deutsche Judenfrage wurzelt im Osten und hier wird sie einst akuter werden, als je. Noch ist es Zeit, cinzuschreiten. Es ist schon ein Vortheil, daß die Alliance theoretisch der Schulfrage wenigstens für Galizien bereits näher getreten ist. „Die gestern Befreiten brauchten nur eines Rückblicks*) auf sich selbst, um wahrzunehmen, was eine nur kurze Reihe von Jahren des Friedens und der Freiheit aus ihnen gemacht hatte! „Welche verborgenen Kräfte entdeckte *) So steht » S. 5 der Uebcrsetzung des Alliance - Berichts, welche z. Z. von Berlin ans verschickt wird, cs ist keineswegs Splitterrichterei, wenn wir ein anstiindiges Deutsch in einer sonst so rühmcnswcrthen Publikation erwarten.