Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 36. (3.9.1885)
- Date
- 1885-09-03
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 295 — nicht mehr, aber seitdem ist dieses Haus, die Vorsteher und die Lehrer für die Ungar» mit dem Gerüche der Ketzerei behaftet. Und da hat ein sonderbarer Schwärmer in .Hazewi" den Muth, von einer allgemeinen Jeschiba zu sprechen, welche die Pflanzschule für alle Rabbinen jeder Richtung werden soll! In welcher Sprache soll denn unterrichtet werden, daß moderne Menschen zugleich und solche Ungarn das verstehen solle»? Unsere Rabbinerscniinare — denke ich — brauchen vor dieser Concurrcnz vorläufig »och keine Bange zu haben. Aus Joppe wird darüber geklagt, daß die evangel. Deutschen arge Antisemiten sind, bei Inden nichts kaufen, nichts bei ihnen arbeiten lassen, auch keinen jlld. Arzt nehmen, doch wohl an Jude» verkaufen. Dabei entwickelt ein Corr. Ansichten über die Abschließung der Deutschen, über ihr Aussaugcn des Landes und den Mangel an Nutzen ihres ganzen Wirkens für das Land, wie sie ins Deutsche übersetzt leicht ein antisem. Deutscher wohl schon über Juden geäußert hat. Jede Handclsthätigkeit in einem fremden Lande läßt sich leicht so darstellcn, alias entstellen! — Der Individualismus nimmt hier immer mehr überhand. Die Afrikaner haben sich von den Scphardim losgelöst und einen besonderen Kollel mit eigenem Friedhofe und eigenem Rabbiner, und selbst die armen Araber (Tcmanim) hegen Sondergelüste — und sobald sic durch die fortdauernde Zuwanderung etwas zahlreicher geworden sind und einige nur einigermaßen Bemittelte unter sich haben werden, ist auch eine neue Gemeinde da! — 40 Männer haben sich vereinigt, um je 10 Napoleon binnen 5 Jahre zu sammeln und dasür Land zu kaufen. Das wäre schon recht — aber dieses Geld langt nicht hin, genügenden Acker zu erlangen! — Bei Tiberias wollte ei» Scphardi ein Beth hamidrasch neben dem Grabmale R. Jochanan bc» Saccai's errichten lassen. Das wollten die Aschkenasim nicht dulden, da auch sic Antheil an den heiligen Stätten haben. Deshalb theiltcn beide Gemeinden die Grabstätte, das westliche fiel durchs Loos den Scphardim, das östliche mit den Grabmälern des R. Ami und R. Assi den Aschkenasim zu. Diese wollen nun ein Beth Hamidrasch bei dem Grabe des Sch'loh bauen, der hier beerdigt ist. (Das klingt echt palästinensisch. — Wie's christelt, so jüdelt sich's! Lateiner, Griechen — Scphardim, Aschkenasim!) Uermischle und neueste Nachrichten. Merlin. Auf Vorschlag dcö Herrn v. Klcist-Retzow beschloß die hier tagende evangelisch-lutherische Conferenz, dem Herrn Hofprediger Stöcker ein Schreiben zuzusenden, in welchem es als Pflicht der Dankbarkeit erklärt wird, dessen „mückenseihendcn und Kamele verschluckenden Gegnern" gegenüber, für seine „Lauterkeit und Wahrhaftigkeit" in Treue einzutrcteu. Merkin. Laut Bekanntmachung der Armendircction sind durch Herr» Ludwig Loewc als Geschenk des Herrn Commercienraths V. Manheimer 5000 Mark zur Vertheilung an verschämte ch r i st l i ch e Arme eingegangen. Iuowrazkaw. Vor einigen Tagen fand in einem hiesigen Hotel eine jüd. Trauung statt und der Zufall wollte, daß in diesen: Hotel gerade mehrere höhere Osficiere aus dem großen Generalstabe in Berlin, die sich wahrscheinlich aus einer Uebungsrcise befinden, anwesend waren. Es war kurz vor der Trauung, da trat einer der Osficiere — der Erbprinz von Meiningen — an einen Hochzeitsgast heran und äußerte den Wunsch, dem Trauungsacte beiwohnen zu dürfen, da er noch keine rituelle jüdische Trauung gesehen habe. Selbstredend wurde dieser Bitte gern Gehör gegeben, und bald hatte sich die Kunde von der Anwesenheit des Prinzen unter der ganzen Hochzeitsgesellschaft verbreitet. In aller Eile (denn es war überhaupt keine Zeit mehr zu verlieren) beschloß man eine kleine Ovation für den hohen Gast — als der Prinz den Saal betrat, wurde die Nationalhymne intonirt. Hierüber war der Prinz sichtlich hocherfreut, und nachdem er und seine Begleiter dem Trauungsacte bis zum Schluffe beigewohnt hatten, sprach der Prinz den Anwesenden seinen Dank für die ihm zu Thcil gewordene Aufmerksamkeit aus. Wyskowitz. In der letzten Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung wurde die Auflösung der dortigen Simultanschulc beschlossen und nach vorhergegangenen gegenseitigen Zugeständnissen uuier den verschiedenen Parteien die Neuanstellung von 4 Lehrern (2 katholische, 1 Evangelischer und 1 jüdischer) beschlossen. Die katholische Schule wird fernerhin 1046 Schüler mit 13 Lehrern, die evangelische Schule 171 mit 3 Lehrern und die jüdische Schule 96 Schüler mit ebenfalls 3 Lehrern zählen. Die Simultanschulen verschwinden eine nach der andern. Kalle a. S., 25. August. (Or.-Corr.) Vergangene» Sonntag, 23. August um 6*/2 Uhr ab, wurde im hiesigen Gotteshausc ein Trauergottesdienst zu Ehren des verewigten Moses Montefiore abgehallen, an dem die Mitglieder der „Germania-Loge" theilnahmen. Es war ein ergreifender Moment, als Herr Rabbiner vr. Fröhlich seine Rede mit den Worten begann: 7! "125 TOO DS3 Dü „Moses Montefiore, der Sendbote der Humanität, der wahre Diener Gottes hat nun sein thatenreiches Leben beendet." Mau fühlte aus dem interessanten Vortrage heraus, daß, wenn Montefiore auch nicht dem Orden Bnai-Brith angehörte, er dennoch als echter Logenbruder gelebt und gewirkt hat. Der Cantor, Herr Friedmann aus Alzey, der zur Zeit anwesend war, trug die hebräischen Gebete vor und hat durch seinen schönen Gesang zur Verherrlichung des Gottesdienstes beigetragen. Mers am Rhein. Von den Abiturienten des Realgymnasiums zu Mühlheim am Rhein, welche am Schluffe des Semesters das Abiturientenexainen bestanden, ward einem derselben, dem noch nicht 17jährigen Sohn des Herrn Marcus Cohen dort die höchst seltene Auszeichnung zu Theil, daß ihm ei» volles Semester des Oberprimacursus und obendrein die Ablegung der mündlichen Prüfung erlassen wurde. Kremster. Während der Kaiser - Entrevuetage kamen dort zahlreiche Taschendiebstähle vor, nach deren Thätern vergeblich gefahndet wurde. Inzwischen wurde dieses Individuum in der Person des antisemitischen „Schriftstellers" Marti,: Schreiau aus Wien ermittelt und verhaftet. Schreian hat erst im November vorigen Jahres eine längere Strafe wegen Diebstahls abgebüßt. Auch die Gattin des Langfingers wurde in Haft genommen. Mrüssrk Beim internationalen Eisenbahnkongreß war ein Vicepräsidcnt unser Glaubensgenosse, der Stadtrath und Ingenieur der Staatseisenbahne:: in Rußland Herr v. Warschvwsky. In Rußland schimpft man bereits auf die neue Concurrenz, welche die Juden den Fabrikanten und Landleuten machen —• z. B. auf die jüd. Gerber in Bialagona (üie nur jüd. Arbeiter haben), auf die Graupenmühlen bei Ostrolenka, die Nagelschmiede bei Lomsa und die Töpfer bei Augustowo. — In Lustspielen wird der jlld. Gutsbesitzer verhöhnt und gepredigt: Bleib Jud' beim Geschäft uuv laß den Christen den Ackerbau! Aew-lIorK. Hier soll es 747 Juden geben, welche sich „Rabbiner" benamsen, d. h., wie bei Ihnen in Deutschland Lehrer und Schächter, trauen — und funktioniren. In der Sinai-Gemeinde in tzhicago ist auf Andrängen des „Rabbiners Hirsch" der Antrag, auch Rosch haschonoh und Jomkippur immer nur an einem Sonntag zu feiern (alle andern Feiertage und Sabbathe sind schon so „abgelegt") abgelehnt worden. Ja, der Sommer hat ja wieder Muster von Exempeln in den deutschen Bädern gezeigt, aus welchem Holze solche gesinnungstüchtige Religionsmacher Amerika'- geschnitzt sind — ehemalige Sänger — Handwerker — Alles, nur nicht Leute, die „gelernt" haben. Daher beglückwünschen wir die Herren OOr. Kohut und Pereira Men des lBeide vom Breslauer Seminar!), daß sie endlich Ernst machen mit dem Kampfe gegen die Resormirerei eines Köhler und Cousorten.