Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 36. (3.9.1885)
- Date
- 1885-09-03
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
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— 294 — die Pflegerin des Kindes anzuwciscn, nach Abfall des ersten Wundvcrbands die Wunde stets sorgfältig mit Borlint, der mit der in den Apotheken käuflichen Borsalbe bestrichen ist, zu verbinden. Oesterreich-Ungarn. Z'rag, im August. (Or.-Cvrr.) Aller Ehren voll, und mit dem erhebenden Bewußtsein, vor einem großen, auch sehr viele nichtjüdischc Honoratioren zählenden Auditorium einen Kiddusch Haschen, erwirkt zu haben, kehrte unser Herr Oberrabbincr von der durch ihn in Tabor vollzogenen Tempeleinwcihung zurück. — Nun sagt uns zwar, auch wenn wir sonst keine Verbindung mit Tabor und keine Privatberichte von dort Hütten, eine kleine Notiz in Nr. 34 dieser gesch. Blätter, daß die Einweihung in Tabor auch durch den dortigen Dr. Kronberg geschah, wen» nun — so fragt der unbefangene Beobachter der jüdischen Cultgcmeindcbcwegungc» Tabor einen vr. Kronberg zun, Rabbiner hat, wozu noch einen Prager Oberrabbiner nach Tabor holen? muß denn eben ä tout prix Parade gemacht werden? und wie, wenn der junge sehr talentirte Ortsrabbiner in der Berufung eines Prager Oberrabbincrs zur Einweihung eine kleine Demüthigung sehen würde? — wär's nicht ehrenvoller für den jungen Ortsrabbiner, jedenfalls eine Aufmunterung für ihn, wenn die wackere Gemeinde Tabor sich mit seiner Function begnügt Hütte? — wie hieß doch der greise jüdische Gemeinde- Nestor, der einst einem jüdischen Vorsteher, der ihn in einem ähnlichen Falle um Rath frug, ob er doch zu dem Ortsrabbiner noch einen College» aus der Residenz zur Function einladen sollte, die treffende Antwort gab: ""f? 31,, »du hast einen Rabbinen" “F|Din „füge nichts mehr hinzu" — nur kein Luxus in solchen Dingen! — laßt uns bescheiden sein und Jedermanns Gefühle schonen. Angesichts der jetzt staatlicherseits strenge gehandhabten Sonntagsruhe in allen gewerblichen Branchen, ertappt sich mancher gesinnungstüchtige Jude auf den geheimen Wunsch „wenn's doch auch für die Sabbathfeier ein solches Gesetz gäbe;" — ich. meinerseits muß gestehen, ich fühle nicht das geringste Verlangen nach einer erzwungenen par ordre eingerichteten Sabbathfeier, wohl aber wünschte ich mir's, mit eigenen Augen zu sehen, wie der Jude der Neuzeit sich aufrafft aus seiner religiösen Lethargie, sich die S a b b athfeier, dies herrliche Juwel in der Krone jüdisch-religiösen Lebens nicht abhanden komnien, und dessen Glanz nicht trüben lasse. Gebt uns eine freiwillige, aus eigen er Initiative hervorgehende Sabbathfeier, und wir wollen Gott preisen N113NN 151 nVltUfl wir wollen ihm danken für die von uns selbst herbcigeführte Erlösung von den schmachvollen Fesseln des Jndifferentismus, und für die Verwandlung von skeptischen, glaubenslosen Materialisten, in wahrhaft treue Söhne des Glaubens. Pravdecky. Frankreich. H'aris Eine Dame hat in der Revue politique et littäraire vom 8. August die Judenfrage behandelt, indem sie einen Anszug von von Hartmanns „Judenthum in der Gegenwart und in der Zukunft" mit Redensarten verbrämt. Schließlich ist es wieder das Geld einiger reicher Juden, welches dieser ganzen Betrachtung Entstehen und Ziel giebt. Lächerlich natürlich erscheint's, daß der Blaustrumpf die französischen Juden als ausgeschlossen bezeichnet. — Nur immer weiter raisonnirt und Ihr kommt schließlich auch dahin, nicht mehr Redensarten brauchen zu können, wie sie der Gil Blas neulich wieder in die Luft gerufen hat z. B.: „Wenn sic (die Sccnen in Algier) sich wiederholen sollten, würden wir in Nichts mehr Rußland, Deutschland (!sic!) Rumänien nachstehen, in welchen Ländern die Israeliten zu allen Zeiten wie Rothwild gehetzt, ohne ernsten Grund, selbst ohne haltbaren Vorwand gehaßt und verachtet werden!" Rustland. Hloflow am Don. Es ist keine russische Geschichte, die ich hier erzähle — sie ist auch nicht eigentlich jüdisch, sondern sie ist eine Zeile aus dem großen Kapitel von Mcnschenundank und von Menschendank. 20 lange Jahre hat hier der Regierungsrabbiner Gniesin seines Amtes in Treue gewartet. Unter seiner Leitung ist die Gemeinde erblüht. Eine prächtige Synagoge dankt seinem anfeuernden Worte ihr Bestehen, ebenso ein tüchtiges Krankenhaus und nicht minder eine Schule mit 150 Schülcrü, von denen die Armen Alles bekommen, was sie brauchen. Ebenso hat er die Errichtung eines Badehauses mit Mikwah und einer Mauer um den Friedhof veranlaßt. All' das einzelne Gute, das er bewirkt hat, läßt sich nicht aufzählen. Und dafür? Nun, wer Altes einreißt und Neues baut, stößt hier und dort an — verletzt den und jenen. Solche Herren bilden den zeitigen Vorstand, der denn auch tüchtig drauf los intriguirt hat, um bei der Neuwahl zu bewirken, daß der Rabbiner nicht wieder gewählt werde. Da ein anständiger Mensch sich nicht zum Gegenkandidaten hergab, so veraulaßte man einen Militärarzt sich um das Rabbinat zu bewerben, kaufte Stimmen. — Aber — merkwürdiger Weise war Volkcsstimme wirklich Gottesstimmc: Mit 455 gegen 48 Stimmen wurde der Rabbiner wicdcrgewählt! Abgesehen davon, daß dergleichen auch bei Ihnen in Deutschland niöglich ist (Wir kennen einen Fall, wo der Lohn eines strebsamen Rabbiners ein viel schlimmerer war! R. d. W.) hat dieser Fall auch insofern Anrecht auf besondere Beachtung, als er die Erwägung nahelegt, warum giebt es für erprobte Männer keine definitive Anstellung!? Aus Kowno werden zwei Judenmorde gemeldet — ein Schenkwirth nebst Weib und 2 Kindern, von denen das 14jährige Mädchen vorher noch geschändet worden ist — die Mörder sind unbekannt — und eine jüd. Handelsfrau durch einen Studenten der Theologie. Das Letztere ist ein gewöhn-, sicher Raubmord. Viele Zeitungen berichten in panegyrischer Weise über den Tod des jugendlichen Arztes Or. Stratiewsky in Nikolajew, der besonders die Diphtheritis bekämpfte und sehr Vielen das Leben erhielt, bis er selbst dieser Krankheit erlag. Die Stadtvertretung hat der Wittwe und deni einen Kinde des Arztes ein Jahrgeld von 500 Rubeln bewilligt (je 250 R. sollen für die Tochter zinstragend angelegt werden). Aber keine Zeitung hat es auch nur erwähnt, daß dieser heldenmüthige und verehrte Mann ein Jude war. „Woschod" bemerkt dabei: Hätte es sich um einen Pferdedieb gehandelt, dann würden sie nicht verabsäumt haben, zu bemerken: Der Jude! — Auf die Zeit der Hetzen 1881 wirft „Hameliz" einige Streifblicke, denen wir folgende Daten entnehmen: Im Anfang der südrussischen Verfolgung waren ca. 5000 Brodlosr nach Kiew geflohen, welche das Ortscomite 13 Tage verpflegte (8699 Männer und 20504 Kinder wurden verpflegt). Das war im Beginne der Thätigkeit des Coinite's. Nachdem die Unruhen sich ausgebreitct hatten, wurde das Ortscomite zum Centralcomite, an welches Alle sich wandten aus Kiew, Podolien, Tschereijow und aus Cherson. In 5 Monaten, bis 1. Oktober 1881, sammelte man 218,182.55 (— 436,965 M.), welche richtig, vernünftig und nutzbringend vertheilt wurden. Z. B. wurden 21000 R. als Darlehn im Betrage von 500 bis 1500 R. zum Wiedercröffncn eines. Geschäftes gegeben. So vertheilte man in den 5 Monaten 135,947 R. an 4787 Familien mit 24,160 Köpfen. — Nach. Berichten galiz. Zeitungen ist die Auswanderung russ. Juden über Oesterreich so stark, wie im Jahre 1882. Palästina. Jerusalem. Die Ungarn wollen hier durchaus eineeigene Talmud Thora errichten. Denn — höret und staunet die Leiter der deutschen T.-T. haben vor langen Jahre» Geld von Montefiore *?"1 angenommen, um einen Lehrer des Arabischen anzustellen. Freilich existirt ein Solcher