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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-09-03 · N° 36. (3.9.1885) · p. Seite 292

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 36. (3.9.1885)
Date
1885-09-03
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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— 292 — politischen Bezirke an die behördlich anerkannten Rabbiner resp. ihre Gemeinden mit legalem Statut. Durch Jahre klagten die Gemeinden renitente Steuerzahler bei der politischen Behörde, welche sie auch für den Cnltusbeitrag pfändete. Wiederholt erklärten sich solch renitcntc Steuerzahler „confcssionslos", um solchen Klage» zu entgehen — da entschied im vorigen Winter der Verw altungsgcrichtshof in Wien, die oberste Behörde für derartige Angelegenheiten, daß nach den bestehenden Gesetzen ein Ocsterrcichcr zu Leistungen für religiöse Zwecke nicht gezwungen werden darf. — Roch war aber damit der Bestand der Gemeinden nur untergraben, nicht aber gcläugnet. Erst in den letzten Tagen mußten die Hunderte „legale" Gemeinden unseres Vaterlandes diese letzte bittere Erfahrung machen, indem in einer Steucrstreitfragc innerhalb der Gemeinde Taus in Böhmen, die Statthaftere! als oberste Behörde des Landes entschied, cs gebe außerhalb Prags keine Judcngemeindcn. Es könne also laut dem Judenpatentc des Kaisers Joseph II Niemand zu Leistungen für solche gezwungen werden. Mit einem Schlage hängen die 350 jüdischen Gemeinden, wovon 180 die behördliche Bestätigung des Ministeriums besitzen, in der Luft, die Gcmcindeinstitutioncn, die Rabbiner und Lehrer sind dem guten (!) Wille» des Einzelnen überlassen! Nun besitzen wir aber in Böhmen eine Art jüdischen Parlamentes, eine wackere Körperschaft, die namentlich in den letzten Jahren in aller Stille Herrliches geleistet hat, und deren Präsidium auch vorigen Herbst von Sr. Excellenz dem Herrn Cultusminister die stricte Zusage des Erlasses einer „CultuSorduung" erhalten hat, —• die „Landcs- Juden-Revrüsen tanz für das Königreich Böh men," welche durch Wahlmünner nach den ehemaligen dreizehn Kreisen Böhmens alle drei Jahre von allen stcuerzahlendcn Juden des Landes gewählt wird. Aber mit dieser Landes-Judeu-Repräsentanz hat cs wieder so ein eigenthümliches legales Bcwandtniß. Diese Repräsentanz ist eigentlich nur ein Berwaltungscuratorium für das aus den Rückständen der von Kaiser Ferdinand aufgehobenen Judenstcuer entstandene Vermögen der LandeSjudcnschaft. Zuerst wurden die Mitglieder von der Behörde für Lebenszeit ernannt, und erst als zu Anfang der Fünfziger Jahre der neue Wahlmodus verordnet wurde, suchte und fand die Regierung in ihren tausend Verlegenheiten in der Repräsentanz eine Behörde, an welche sie sich um Gutachten über innere jüdische Angelegenheiten wandte. Diese Körperschaft, welcher Männer wie Or. Lichtcnstern, Advocat in Prag, Lr. Kraus, Advocat in Jungbunzlau, (Präsidenten) Dr. Frank, Advocat in Prag, angchören, wußte durch ihre gründliche und unparteiische Prüfung der ihr zugcwiesencn Angelegenheiten in gleichem Maße das Vertrauen der Regierung wie ihrer Mandatgebcr zu gewinnen, so daß cS jetzt ganz selbstverständlich ist, daß sich der eine wie der andere Thcil in seinen Nöthen an diese „Repräsentanz" wendet. __ (Fortsetzung folgt.) Gerichte und Correlpondenzen. Deutschland. Magdeburg. Der Berliner Eorr. des „Hameliz" (Simeon Bernfeld) will wissen, daß die Ausweisungen, welche Herr v. Puttkamer verfügt hat (und bei denen unter 30000 auch 5000 Juden betroffen worden sind!), den Denunziationen eines deutsch - jüdischen Cantors und Schächters zu danken seien, der stellenlos sich beim Minister beklagt, daß die „deutsche Arbeit" nicht geschützt werde! Herr B. hat's von einem angesehenen Berliner Gcmeindemitgliede, der den Denunzianten persönlich kennt! Aus ßokberg erhalten wir den nachfolgenden, in voriger Nr. bereits avisirten „Aufruf": „Der verewigte Sanitätsrath Dr. Hirschfeld hat durch seine außerordentliche Pflichttreue und Opferwilligkeit, durch seine selbstlose Hingebung und Unverdrossenheit in der dreißigjährigen Ausübung seines ärztlichen Berufes in Colberg und Umgegend, — durch seine allzeit hilfsbereite, uneigennützige Menschenfreundlichkeit gegen die Armen, —durch seine öffentliche Thätigkeit als Stadtverordneter und Vorsteher vieler gemeinnütziger Vereine, — und ganz besonders auch durch seine hervorragenden Verdienste um die Hebung und Entwickelung Colbcrgs zu einem Badeorte ersten Ranges sich ein unvergängliches Denkmal in den Herzen seiner Mitbürger gesetzt. Unsere ganze Bürgerschaft fühlt sich daher gegenüber einer solchen segensreichen, gemeinnützigen Wirksamkeit des Entschlafenen tief verschuldet und zu einem sichtbaren Zeichen dankbarer Anerkennung verpflichtet. Von solchen Gefühlen geleitet sind die Unterzeichneten heute zusammengetreten, um die Verdienste des Hingeschiedenen zu ehren und das Andenken an ihn durch ein würdiges, öffentliches Denkmal zu verewigen. — Der Zustimmung Aller, die das segensreiche Leben und Wirken des Verklärte:, katinten, sicher, wenden wir uns daher an unsere Mitbürger in Stadt und Land mit der Bitte, uns in unserem Vorhaben durch Beiträge zu unterftützeti. Jeder, auch noch so kleine Beitrag ist uns willkommmen; denn das geplante Denkmal soll eben aus dcu Liebesgaben aller Mitbürger und Freunde des Entschlafenen hervorgchen. Ucber die eingehenden Beitrüge soll öffentlich quittirt werden; nach Abschluß des geplanten Unternehmens werden wir öffentlich Rechnung legen und Bericht erstatten. Beiträge werden dankend cntgegengenommen von dem Kassenführer des Comitss, Herrn Buchhändler Janke hierselbst, sowie von jedem der Unterzeichneten Mitglieder des Comitö's." Das Comitö zur Errichtung eines Dcnktnals für den Kgl. Sanitätsrath Dr. Hirschfeld. L. v. Bug gen ha ge n, Vorsitzender. Rabb. Dr. Goldschmidt*), Schriftführer. (!. Janke, Stadtverordneter, Kassenfiihrcr. Stadtrath Dr. Bauck. H. Bernhardt, Stadtverordneter und Vorsitzender des jüdischen Knrhospitals. Rittergutsbesitzer Brüstlein-Karkow. Gymnasiat-Obcrlehrcr Dr. 2ecIinann-Eggebcrt. Sattlcrinctster Frcster. M. Friedläuder, Stadtverordneter und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Consul (!. Hackbarth, Vorsitzender der Acltcsteu des Seglcrhauses. R. Jacob >>, Aeltcster des Scglcrhauscs und Rcpriiscntantcu- Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Justizrath Leopold, Notar und Rechtsanwalt. Gutsbesitzer Paul Lindcnhahu-Carlsberg. Sanitätsrach Dr. Nötzel, Kreisphhsikus und Stadtverordneter. Stadtverordneten.Vorsteher Speck. Oberstabsarzt Dr, Starke. Hof- Prediger Stumpf. Mosen, den 30. August. Gestern Nacht verschied hierselbst einer der angesehensten Bürger unserer Stadt, der Geheime Commerzienralh Bernhard Jaffa, Ritter des rothen Adlerordens dritter Klaffe, Stadtverordneten-Vorsteher und Vorsteher zahlreicher WohlthätigkeitS vereine im Alter von 62 Jahren. Der Verstorbene genoß das Vertrauen der gesammten deutschen und polnischen Bürgerschaft und wurde wiederholt zum Landtags- und Reichstagsabgcordneteu erkoren. Er hat jedoch die Ucbernahme eines Mandats stets abgelehnt. Für das Judenthum ist der Tod dieses Mannes ein schwerer, hier sogar unersetzlicher Verlust, da sein Einfluß bis iu die obersten gesellschaftlichen Kreise reichte. In politischer Hinsicht zählte der Verstorbene zu den gemüßigt Liberalen. Er gehörte auch als Mitglied dem Vvlkswirthschaftsrathe und dem Kollegium der Eisenbahnrüthe für den Direktionsbezirk Berlin und Bromberg an. Als Mitglied der Gesellschaft deutscher Volkswirthe hat er auf mehreren volkswirthschaftlichen Kongressen eine rege Bethätigung an den Tag gelegt. Der Dahingeschicdcne gehörte zu den edelsten Männern unserer Stadt, welcher er seit Jahren seine Thätigkeit fast ausschließlich zugcwcndet hatte. Für Hilfsbedürftige hatte er stets ein mildes Herz und eine wohlthätige Hand. Heksenkirchea (Or.-Corr.) Am 21. und 22. August fand die Einweihung der neuen Synagoge in hiesiger Ge- ») Die am Grabe des Sanitätsrath Dr. Hirschfeld gehaltene Rede ist in der C. F. Post'schen Buchhandlung im Druck erschienen. Der Reinertrag wird dem Fonds für dessen Denkmal überwiesen.

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